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Abb.: Wikimedia Commons |
Ein kurzer Blick auf die Pariser Opernlandschaft der 1830er Jahre: Rossinis letzte Oper Guillaume Tell - eine französische Grand opéra - war 1829 uraufgeführt worden. Als Direktor des Théâtre Italien erteilte Rossini Kompositionsaufträge für neue italienische Opern: u. a. I puritani von Bellini (Uraufführung am 24. Januar 1835) und Marin Faliero von Donizetti (12. März 1835). I briganti (nach Die Räuber von Schiller) von Mercadante wurde am 22. März 1836 am Théâtre Italien erfolgreich uraufgeführt, - allerdings zu einem ungünstigen Zeitpunkt, ging Mercadantes Oper doch in den Wogen der Begeisterung unter, die um die am 29. Februar 1836, also nur drei Wochen zuvor, uraufgeführte Oper Les Huguenots von Meyerbeer entstanden war. In den Jahren bis 1847 stand die Pariser Fassung von I briganti an diversen Opernhäusern in und außerhalb von Italien auf dem Spielplan - das Programmheft führt 12 Produktionen auf -, für die Mailänder Scala überarbeitete Mercadante 1837 das Werk.
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Foto: Patrick Pfeiffer / RiW |
"Zusammengefasst lässt sich sagen, dass der Parisaufenthalt 1835/36 einen Wendepunkt in Mercadantes Karriere markierte, insofern er sich fortan auf den italienischen Markt konzentrierte. Seine 1837 in Mailand uraufgeführte Oper Il giuramento verarbeitet und radikalisiert dabei die Pariser Erfahrungen. Dies betrifft zum einen die Formensprache, insofern er im Giuramento erstmals auf Cabaletten verzichtet, die per se ein Hindernis für die dramatische Entwicklung einer Handlung darstellen; zum anderen propagiert er nunmehr den canto dramatico als Gegensatz zum canto fiorito. Das ist allerdings nicht als totale Absage an den Belcanto zu verstehen. Seine 1861 publizierte Gesangsschule zeigt vielmehr, dass er unter canto dramatico eher eine Art von charakteristischem Gesang versteht, also eine Unterordnung auch des Gesanges unter die Dramaturgie der Handlung. Damit hat er vorweggenommen, was etwa Verdi propagierte, als er forderte, die Lady Macbeth solle in ihrer Rolle stimmlich nicht brillieren, sondern einen eher fahlen (fahl jetzt als positiv gemeinten Ausdruckscharakter) Eindruck hinterlassen.
In diesem Sinne ist Mercadante auch selbst vorgegangen, als er nach der Premiere des Giuramento 1837/38 auch die Briganti überarbeitete. Anlass dafür war die Premiere an der Mailänder Scala. Da diese wesentlich größer war als das Pariser Theater, war ohnehin eine Verstärkung der Instrumentation geboten. Mercadante nutzte den Anlass jedoch, das Werk quasi Takt für Takt zu revidieren und dabei vor allem in den Chören und den Gesangslinien zu schärfen und im Sinne des canto dramatico zu akzentuieren. In dieser Fassung ist sie eindeutig als .'Reformoper' zu klassifizieren, die für heutige Ohren eindeutig 'präverdianisch' klingt. Das gilt übrigens auch für die Umgestaltung des Schlusses: Indem Ermano Amelia und dann sich selbst ersticht, entschärft er (Zensur?) Schillers politisches Stück zum Schauer-Drama. Eine Wiederaufführung der Mailänder Fassung würde uns eine weitere 'Reformoper' Mercadantes präsentieren; die Pariser Fassung dagegen zeigt musikalisch ein (heutzutage bemerkenswertes) Werk des Überganges, das zudem näher am Schillerschen Original verbleibt. Das haben übrigens auch schon Mercadantes Zeitgenossen so gesehen: nicht die Mailänder Bearbeitung sondern die Pariser Originalfassung hat sich auf den Bühnen durchgesetzt."
Klavierauszug (bitte anklicken): Arie der Amalia "Quando guerrier mio splendido" |
Und so schreibt der Rezensent des Online Musik Magazin (omm) (s. Presseschau) bedauernd: "Dabei ist es schon beinahe eine Schande, dass Mercadante Ermanos großes Trinklied 'Trova ovunque e patria e tetto', das Ermano im Räuberlager anstimmt, und sein Gebet 'Fra nembi crudeli', in dem er kurz vor dem Treffen mit dem Vater Vergebung von diesem erhofft, so komponiert hat, dass dem Publikum - und dem Sänger - keine Möglichkeit zum Szenenapplaus gewährt wird."
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Foto: Patrick Pfeiffer / RiW |
Die Inszenierung von Jochen Schönleber zeigt das zeitlose Thema eines seiner gutsituierten Familie entfremdeten Außenseiters, der die Seite gewechselt hat, des Aussteigers, für den es keinen Weg zurück aus der Gesetzlosigkeit gibt. Ermano - anfangs in Albträumen auf einer Pritsche liegend - sieht sein Leben in der Rückschau; Bildprojektionen zeigen Bilder aus der noch heilen Welt seiner Kindheit und Jugend, den dominanten Vater, den Bruder (als Tennispartner), Amelia, ihn selbst als Räuber/Revoluzzer, dazwischen ein Bild von Che Guevara. Assoziationen an soziale und politische Konflikte in Lateinamerika werden auch geweckt, wenn sein Vater nach seiner Rettung und Rückkehr ins Schloss der Familie wieder die weiße Uniform als Symbol der Macht der herrschenden Klasse trägt. Die Ausstattung der Bühne ist schlicht und sachdienlich, aufgesetzte Aktionen, die die Konzentration auf die Musik als Hauptsache stören könnten, gibt es nicht, abgesehen vielleicht von dem teils unverständlichen Gebaren der Teresa, das nicht zu einer Freundin, sondern eher zu einer Feindin / Konkurrentin passt. Die passenden Kostüme sind von Claudia Möbius.
Dank an "Rossini in Wildbad" für diese großartige Wiederentdeckung einer zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Oper!
Besuchte Vorstellung: 21. Juli 2012
Foto (Vorstellung vom 18. Juli 2012): privat v.l.n.r.: Vittorio Prato - Maxim Mironov - Antonino Fogliani |
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