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17. August 2015

"Il viaggio a Reims" und das "Stabat mater" aus Pesaro live im Internet - eine schöne Überraschung...


... wirklich eine schöne Überraschung, jedenfalls für diejenigen, die - was Il viaggio anbelangt - davon überhaupt noch rechtzeitig erfahren haben (und zudem an einem Freitag um 11 Uhr vormittags Zeit hatten). Wozu habe ich den Newsletter abonniert, wenn der erst kurz vor der Übertragung und - wie ich im Nachhinein überprüft habe - wesentlich später als die entsprechende Meldung auf Facebook kommt? Es tut mir leid, dass ich mögliche Interessenten erst ab Donnerstagnacht auf der Seite "Opernsendungen aktuell" über das Ereignis informieren konnte, denn die um 16:57 Uhr eingegangene Mail aus Pesaro habe ich erst nach dem vom ORF gesendeten packenden Fidelio entdeckt...


Sonnabend, 22. August, 20:30 Uhr 
gibt es das nächste Livestreaming aus Pesaro: 
Teatro Rossini
Stabat Mater
Guillaume Tell: Danze 
Direttore Michele Mariotti
Interpreti Yolanda Auyanet, Anna Goryachova, René Barbera, Nicola Ulivieri
Orchestra e Coro del Teatro Comunale di Bologna

Auf der Startseite der Homepage des ROF ist davon zwar noch nichts zu lesen, 
aber der Link zum Streaming ist bereits geschaltet.  

Eindrücke von Il viaggio a Reims:

Duett Corinna - Belfiore
Das Streaming am Freitag, 14. August, hat - wie die während der Übertragung gemachten Screenshots zeigen - gut funktioniert, auch die Tonqualität war erfreulich, Und es war eine unterhaltsame Aufführung, bei der auch neue Stimmen zu entdecken waren. Das ist der besondere Reiz dieser seit 2001 laufenden Produktion (die ich selbst auch schon mehrfach live in Pesaro erlebt habe), dass sich dort die Teilnehmer der von Alberto Zedda geleiteten Accademia Rossiniana präsentieren und für weitere Rollen in Pesaro und andernorts empfehlen können, und in vielen Fällen wurden daraus internationale Karrieren: Olga Peretyatko, Marina Rebeka, Saimir Pirgu, Marianna Pizzolato, Maxim Mironov - alle waren in der Viaggio zu entdecken.(Die Besetzungslisten sämtlicher Aufführungen seit 1980 stehen im Archiv des ROF)

Die Entdeckung in diesem Jahr ist für mich Salome Jicia, die eine fulminante Contessa di Folleville sang. Auf dem Foto oben als Cavalier Belfiore der südafrikanische Tenor Sunnyboy Dladla, der seinem Namen alle Ehre machte und beim Duett mit Corinna eine große Show hinlegte.

Nachtrag
Jetzt bei YouTube: Duett Corinna - Belfiore und Szene und Arie der Contessa di Folleville

(Besetzungsliste am Ende des Posts)

Contessa di Folleville und Cavalier Belfiore
Corinna - Lord Sidney - Libenskof und Melibea - div.


Ob es am Sonnabend mit dem zeitgleichen Streaming auf YouTube klappen wird? Wohl eher nicht! Auch für das Stabat mater wird angekündigt. "Se hai problemi a visualizzare lo Stabat Mater dal nostro sito, vai sul nostro canale youtube." Das habe ich bei Il viaggio a Reims ausprobiert, - das Streaming lief ("live now"):


Aber leider nicht in Deutschland:
Und jetzt steht dort: "Dieses Video ist privat", 
also leider keine Möglichkeit, die Aufführung als Aufzeichnung zu sehen.


21. Januar 2014

WACHGEKÜSST - Rossinis "Torvaldo e Dorliska" (DVD-Rezension)

Die nachfolgende Rezension von Julia Poser ist dem Mitteilungsblatt Nr. 61 der Deutschen Rossini Gesellschaft entnommen. Ich danke der Verfasserin für die Überlassung des Textes und freue mich, so auf diese unbekannte, aber sehr hörenswerte Oper Rossinis auch über den Mitgliederkreis der DRG hinaus aufmerksam machen zu können. esg 
 
Wachgeküsst

Fast ein Jahrhundert lang war Rossinis dramma semiseria Torvaldo e Dorliska im Dornröschenschlaf versunken. Zwar dirigierte Alberto Zedda 1982 im italieni­schen Rundfunk eine RAI-Übertragung, im Jahr 1992 gab es eine konzertante Aufführung in Lugano, 1995 sang William Matteuzzi beim Belcanto Festival von Dordrecht den Torvaldo und schließlich dirigierte Alessandro de Marchi die Oper bei Rossini in Wildbad, wovon es einen Naxos-Mitschnitt gibt. Der neuerliche Durchbruch geschah 2006, als im schönen alten Teatro Rossini in Pesaro eine begeistert gefeierte Aufführung die Oper zu neuem Leben erweckte.
Die Kritik in den «Notizie del Giorno» schrieb 1815 anlässlich der Römer Uraufführung allerdings, dass „die Musik von Signor Rossini nicht die Hoffnungen erfüllt hätte, die man sich davon hätte erwarten können“; auch „das sehr üble und uninteressante Libretto hätte Homer nicht aus seinem Schlaf wecken können“.
Die von der Firma Dynamic aufgenommene DVD von der Aufführung des sommerlichen ROF in Pesaro widerlegt den römischen Kritiker zur Gänze. Schon die Ouvertüre ist von besonderer Schönheit und reich orchestriert. Den drei Hauptpartien hat Rossini herrliche Arien, traumschöne, romantische Duette, ein Männerterzett, das seinesgleichen sucht, und mitreißende Finali kompo­niert. Selbst die Secco-Rezitative mit Cembalobegleitung wirken lebendig. Auch Cesare Sterbinis Libretto ist originell, und die einzelnen Personen sind treffend charakterisiert.
Erfreulich an dieser DVD ist auch, dass nach so manchen unsäglichen „Modernisierungen“ in Pesaro die fast werkgetreue Inszenierung von Mario Martone, dessen Personenführung überlegt und dynamisch ist, gefällt und Freude macht. Sergio Tramonti zaubert einen düsteren Wald als Hintergrund, davor ein großes Gitter, das den Schlosshof schützt, auf die Bühne, die noch durch einen Laufsteg rund um den Orchestergraben vergrößert wird. Manche Szenen spielen sogar im Auditorium oder direkt vor den Logen. Cesare Accettas stimmungsvolle Lichtregie und Ursula Patzaks hübsch anzusehende Kostüme erfreuen das Auge.
Michele Pertusi ist mit seinem aufregend dunkel leuchtendem Bass ein überragender Duca d‘Ordow, der mit verführerischem Timbre die von ihm begehrte Dorliska gewinnen will. Unange­strengt und klar sind seine Koloraturen, mit ungezähmter Wut in der Stimme behauptet er seine Forderung nach Hingabe. Im musikalisch einzigartigem Männerterzett ist sein temporeiches Parlan­do unübertrefflich. Den von Leidenschaft getriebenen Duca spielt er mit Bravour.
Francesco Meli als Torvaldo besitzt einen strahlenden Tenor, der mit kraftvoll heldischen, aber auch lyrischen Tönen zu überzeugen weiß. Schon von der ersten Arie an „Tutto è silenzio“ ist man vom Wohllaut der Stimme gefangen. Darina Takova in der Partie der unglücklichen Dorliska ent­täuscht zu Anfang mit herbem Sopran, unausgeglichenen Spitzentönen und verwaschenem Timbre. Erst wenn der Herzog im 2. Akt zudringlich wird, gewinnt ihre Stimme bei „morir pel caro sposo“ an Klarheit. Jetzt leuchten die Kantilenen und die Koloraturen perlen. Den Schlossverwalter Giorgio gibt der unverwüstliche Bruno Praticò mit zwar nachlassender Stimmkraft aber herrlich komischem Spiel. Jeannette Fischer singt die hilfreiche Carlotta mit vollem Mezzo. Ihre Arie „Una voce lusinghiera“ wird bei ihr zu mehr als nur einer Sorbettoarie. Auch bei Simone Alberghinis köstlicher Birnenarie, die er mit klangvollem Bass bringt, würde niemand seine Loge für ein Eis verlassen.
Victor Pablo Pérez dirigiert das exzellent spielende Orchestra Haydn di Bolzano e Trento mit rossinierfahrener Hand: Die unterschiedlichen Aspekte der halbernsten Oper differenziert er genau. Hier die dramatische Situation des gedemütigten Paares und die sadistische Perfidie des Herzogs, da der albern plappernde Giorgio, der zuletzt noch zum Retter wird. Zuverlässig singt der Prager Kammerchor unter der Leitung von Altmeister Lubomír Mátl.
Für Rossini-Liebhaber eine wertvolle Rarität!
Torvaldo e Dorliska, Dynamic 33528, 2 DVD (157'), Aufnahme vom August 2006, Teatro Rossini in Pesaro (Rossini Opera Festival). Mit Darina Takova, Michele Pertusi, Francesco Meli, Bruno Praticò, Jeannette Fischer, Simone Alberghini; Orchestra Haydn di Bolzano e Trento, Coro da Camera di Praga; Leitung Victor Pablo Pérez, Inszenierung Mario Martone. Untertitel angeblich in d|e|f|i|sp, aber auf dem besprochenen Exemplar nicht verfügbar. Booklet mit Inhaltsangabe und Begleittext von Alberto Cantù in d|i|f.
Julia Poser

16. Dezember 2012

"Rossini in Wildbad" und ROF Pesaro: Die Programme 2013

Seit 1989 findet alljährlich im Juli das Festival "Rossini in Wildbad" statt. 2013 steht zum 25-jährigen Jubiläum ein Mammutprojekt auf dem Spielplan: Guillaume Tell ungekürzt! Den Arnold wird Michael Spyres singen. Es ist immer wieder eine große Freude, dass Michael Spyres in seiner inzwischen internationalen Karriere immer wieder auch den Weg nach Bad Wildbad findet! Auch in Pesaro wird er 2013 wieder dabei sein, in der von Alberto Zedda dirigierten konzertanten Aufführung von La donna del lago. Von besonderem Interesse ist auch die Besetzung der anderen großen Tenorpartie, nämlich die des Giacomo, mit Dmitry Korchak. Die Partie des Rodrigo hat Michael Spyres bereits an der Mailänder Scala gesungen und dort sein Können als echter Rossini-Baritenore bewiesen:
 

Auch das "Rossini Opera Festival" in Pesaro hat im August Guillaume Tell auf dem Spielplan, dort wird Juan Diego Flórez den Arnold singen. Man darf gespannt sein, - zumindest RAI Radio 3 wird sicherlich live übertragen!



 
"Rossini in Wildbad"
Das Programm 2013 im Internet:

Rossini - Ricciardo e Zoraide

Die Besetzungen sollen am 1. Februar auf der
Internetseite des Festivals veröffentlicht werden.


"Rossini Opera Festival" Pesaro
vier Opern von Gioachino Rossini:

Guillaume Tell
L'italiana in Algeri
L'occasione fa il ladro
La donna del lago
 
 

3. Oktober 2012

"Rossini Opera Festival" 2012 in Pesaro: Matilde di Shabran - Ciro in Babilonia - Il signor Bruschino / Ein Bericht von Reto Müller (DRG)


Ich freue mich, diesen ausführlichen Bericht über das diesjährige "Rossini Opera Festival" in Pesaro, den Reto Müller für das Mitteilungsblatt der Deutschen Rossini Gesellschaft geschrieben hat, in meinem Blog veröffentlichen und damit über den Mitgliederkreis hinaus einer breiteren Leserschaft zugänglich machen zu können. Reto Müller ist seit 1996 Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Rossini Gesellschaft und seit 2010 gemäß seiner Homepage selbständig als "Vollzeit-Rossinianer". Seit 1990 ist er beratender Mitarbeiter beim Festival "Rossini in Wildbad", ferner seit 1992 freier Mitarbeiter bei der Fondazione Rossini und seit 2011 dort Mitglied und Sekretär des Wissenschaftlichen Beirats.

Von den besprochenen Festivalproduktionen gibt es bei YouTube diverse Videos, von Ciro in Babilonia sogar den gesamten Mitschnitt der von RAI 5 live übertragenen Premiere und von Matilde di Shabran die Gesamtaufnahme der Aufführung von 2004. Links zu ausgewählten Videos hier im Blog im Rossini-Opernführer.
esg

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Das 33. Rossini Opera Festival in Pesaro

 
Große Vorfreude herrschte in Hinblick auf Matilde di Shabran, die 2004 in der Inszenierung von Mario Martone eine der besten Produktionen beim ROF überhaupt war (meine begeisterte Rezension erschien in MB Nr. 32, S. 9-10). Etwas skeptisch blickte man der Verlegung vom Teatro Rossini in die Adriatic Arena entgegen, aber das ansprechende Bühnenbild gewann vielleicht noch dadurch, dass die beiden Wendeltreppen in der Mitte auf der viel größeren Bühne weniger wuchtig wirkten. Die herrlichen, epochengerechten Kostüme und die stets feinsinnige Personenführung verfehlten auch hier nicht ihre Wirkung. Ganz zu schweigen von der Musik, die einen wieder mitriss mit ihrer Wucht und Fülle, die dieses verkannte, über Jahrzehnte geschmähte und mit Häme überzogene Werk als schöpferische Offenbarung ausweisen. Alberto Zedda hat in einer Pressedokumentation daran erinnert, dass 2004 nicht etwa eine Auftrittsarie, sondern ein Ensemble einen nicht enden wollenden Applaus hervorgerufen hat – jenes total verrückte Quintett, in dem Corradino der ersten Wahnsinnsattacke der unheilbaren Krankheit „Liebe“ verfällt. Marco Beghelli hat in einem Einführungsvortrag schön aufgezeigt, wie Rossini das Motiv der Cabaletta nicht wie üblich vier Mal hintereinander wiederholt, sondern es bis zum Exzess ganze sechzehn Mal wie Gewehrsalven repetiert. Mein Freund Bruno, ein „tifoso“ (Fan), der alljährlich jede, aber wirklich jede einzelne Aufführung des ROF sieht, kam einmal mehr kopfschüttelnd aus dem Theater und sagte: „Rossini non è un genio, è un folle!“. Und am Schluss steht dieses herrliche Rondo der Matilde, das zugleich den Triumph der Liebe und des Friedens zelebriert und den Intendanten Mariotti Lügen straft, der bei jeder Gelegenheit behauptet, das Publikum käme nach Pesaro nicht um Bestätigungen, sondern Überraschungen oder gar Provokationen zu finden. Der totale und ungebrochene Erfolg dieser absolut perfekten Inszenierung zeigt, wonach das Publikum lechzt, nämlich nach dem, was jeder Mensch will: Frieden, Glück und Liebe, die uns im Theater – und wenn auch nur illusorisch – dem rüden Alltag entrücken, und sicher nicht eine Spiegelung all der Probleme und Fragen, mit denen wir ohnehin konfrontiert sind.

Zum großen Erfolg der Aufführung hat natürlich wiederum Juan Diego Flórez beigetragen, von dem man glaubt, dass er als einziger diese Rolle adäquat interpretieren kann. Hat er seine fulminante Leistung vom letzten Mal wieder erreicht oder hat er sie gar übertroffen? Es ist müßig, in dieser Sphäre, die sich dem normalen Erfassungsvermögen entzieht, solche Spitzfindigkeiten beantworten zu wollen. Sein totaler schauspielerischer und vokaler Einsatz in dieser ständig präsenten und doch mit keiner einzigen Arie versehenen Partie ist aberwitzig, und als einzigen Vergleich kann ich nur auf das Jahr 1822 zurückgreifen, als eine Wiener Zeitung über Giovanni David von „einer Leichtigkeit und Stärke, als ob es ihn nicht die geringste Anstrengung kostete“ sprach, von seinen klaren und reinen Tönen, seinen deutlichen und geregelten Verzierungen, seinen vortrefflichen Trillern; und schon als Flórez bei seinem ersten Auftritt die berühmte Treppe herunterkam, dachte ich an den Satz: „Wie ein zweiter Cäsar scheint sein Erscheinen schon den Sieg zu verkünden, denn nichts misslingt ihm, so grandios das Wagstück auch sein mag“. Eine Idealbesetzung fand auch die Matilde in Olga Peretyatko, die der Rolle die nötige erotische Ausstrahlung, Koketterie und Witz verlieh und die genauso über die dramatische Ausdrucksstärke wie über die lyrische Berücktheit verfügt. Ihr Schlussrondo, in dem der Regisseur in einem seiner schönsten Einfälle Matilde in die Rolle der Poetessa schlüpfen lässt und ihre Verse über die Moral der Liebe zu dem Sonett werden, das sie zuvor von dem Dichter Isidoro gefordert hat, war von einer Poesie, die der Oper nach all ihrer lawinenartigen Wucht eine magische Idylle verlieh. Schade nur, dass die Sängerin in der anschließenden Wiederholung ihre Variationen in ein paar geschmacklose Verzierungen abgleiten ließ.

Auch die ganze übrige Besetzung war exzellent. Mir hat der Edoardo der jungen Anna Goryachova ausgezeichnet gefallen, vor allem weil sie mit ihrem schönen Mezzosopran so gut durchdrang und ihre Koloraturen so sauber sang. Freilich war im Verlauf der Aufführungen eine gewisse Anstrengung nicht zu überhören – es ist die einzige Partie in dieser Oper, die gleich zwei große, sehr virtuose Arien aufweist. Die zweite stellt auch fast unmögliche Anforderungen an den Hornisten (Stefano Pignatelli), der seine „Koloraturpassagen“ bei der Hauptprobe traumwandlerisch, bei der Premiere (dem Vernehmen nach) saumäßig und ansonsten sehr artig ablieferte. Anders als Marco Vinco vor acht Jahren, verlieh Nicola Alaimo der Rolle des Aliprando in jeder Hinsicht das nötige Gewicht, während der Ginardo mit Simon Orfila ebenfalls exzellent besetzt war. Paolo Bordogna war ein achtbarer, witziger Isidoro, aber die Erinnerung an die Ausnahme-Buffi Bruno Praticò (1996) und Bruno de Simone (2004) konnte er nicht löschen. Chiara Chialli, die ich 2004 in der Rolle der eifersüchtigen und intriganten Contessa d’Arco „zum Krepieren komisch fand“, schien mir dieses Mal weniger bemerkenswert, aber hier kann gut die viel weitere Distanz zur Bühne nachteilig gewirkt haben. Giorgio Misseri war der deutlich aus dem Chor des Teatro Comunale di Bologna herauszuhörende Egoldo. Eine besondere Erwähnung verdient Marco Filippo Romano, der als Raimondo freilich nichts als ein paar Rezitative zu sagen hatte. Man fragt sich, weshalb Pesaro damit zuwartet, einem solchen begnadeten Talent eine adäquate Rolle zu geben!

Michele Mariotti führte sicher durch diese anspruchsvolle Partitur, was alleine schon eine riesige Herausforderung und Leistung für einen jungen Dirigenten ist. Bei seiner Interpretation scheint er mehr Wert auf dynamische Unterschiede (laut-leise) denn auf Tempoveränderungen (schnell-langsam) zu legen; agogisch könnte er mehr Spannung erzeugen. So wirkte die langsame Einleitung der Ouvertüre sehr träge. Insgesamt blieb mir das Dirigat von Riccardo Frizza als spritziger („più frizzante“) in Erinnerung, wenn das Wortspiel erlaubt ist.

Als Neuproduktion war Ciro in Babilonia angesagt, der zum ersten Mal beim ROF aufgeführt wurde und den Daniele Carnini und Ilaria Narici von der Fondazione Rossini in einer Revision nach den Quellen vorbereitet haben. Ciro ist eine der Opern, von denen das Autograph Rossinis als verloren gilt, weshalb es besonders schwierig ist, eine kritische Edition zu erstellen – es müssen alle Sekundärquellen (handschriftliche Partiturabschriften) analysiert werden, um dem Willen des Komponisten möglichst nahe zu kommen.

Mit etwas Skepsis erwartete man die Inszenierung von David Livermore, dessen letztjähriger Demetrio e Polibio mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Die Entwarnung kam aber schon Anfang Juli aus Amerika. Dort wurde nämlich die Produktion mit der weitgehend gleichen Besetzung voraufgeführt, worauf sich das ROF eingelassen hat, um nicht auf Ewa Podles verzichten zu müssen. Sie war in der für die Proben in Pesaro vorgesehenen Zeit bei „Bel Canto at Caramoor“ (in Katonah, Staat New York) engagiert, und statt sie freizugeben, machte dessen Leiter Will Crutchfield den Vorschlag einer Co-Produktion. Die Presseberichte waren ziemlich enthusiastisch und verrieten bereits, dass Livermore die Zeit der Stummfilme als Szenerie ausgewählt hatte. Die Handlung fängt während der Ouvertüre in einem Kino an, wo das Publikum erwartungsvoll dem neuen Film entgegensieht, der dann mit vielen Bildstörungen und einigen Pannen abläuft. Gezeigt wird die alte biblische Geschichte rund um Belsazars Festmahl mit dem „Menetekel“. Die Zuschauer tauchen aber als Chor in die Filmwelt ein, und bald ist nicht mehr klar, ob man einem Film beiwohnt oder seiner Produktion. Ein Kind wechselt ganz die Seite und wird vom Zuschauer zum Akteur, nämlich zu Cambise, dem kleinen Sohn Amiras und Ciros, der vom Libretto explizit als stumme Rolle vorgesehen ist („Bambino che non parla“: wäre es vermessen zu vermuten, dass dem Regisseur die Idee seiner Stummfilm-Inszenierung von diesem kleinen Hinweis gekommen ist?!). Es wird nie ganz klar, was eigentlich dargestellt wird – vielleicht einfach eine Fiktion, bei der die Kinobesucher so sehr in die Filmgeschichte involviert sind, dass für uns eine Oper daraus wird (denn eines ist klar: eine Oper selbst wäre denkbar ungeeignet für einen Stummfilm!). Das Erstaunliche war, dass das Ganze funktionierte und vom Publikum sehr gut aufgenommen wurde. Und noch erstaunlicher war, dass die dargestellte Handlung in total klassischer Manier aufgeführt wurde und wie eine Inszenierung aus den 1860er-Jahren wirkte; die assyrischen Schwarz-Weiß-Kostüme erinnerten an jene Fotos und Bilder, die die Schwestern Marchisio in der Semiramide zeigen. Im zweiten Akt hatte es viele Szenen, in denen der „Kinorahmen“ ganz verschwand und nur noch die klassische Inszenierung übrig blieb. Diese bediente sich freilich eines modernen Mittels, der Videoprojektion, und so entstand vor den Augen der Zuschauer das Gefängnis des Ciro, oder Belsazar rannte in den endlosen Thronsälen um sein Leben. Einiges war allerdings bewusst überzeichnet, angefangen von den Kostümen, den angeklebten Bärten, den Kopfbedeckungen in Form von Vogelkäfigen etc., über die Einblendung von Mondscheinromantik oder die Schlussszene (s. unten), mit der Livermore das Ganze vielleicht aus Angst vor dem eigenen Mut etwas ins Karikative zog.

In dieser Inszenierung zeigte sich die Oper, die schon als „seelenvoll aber körperlos“ beschrieben wurde, konsistenter als erwartet. Sie erhielt durch ihre szenische Uniformität eine gewisse dramaturgische Stringenz, wodurch die einzelnen musikalischen Perlen, die entlang des ganzen Verlaufs verteilt sind, erst recht zur Geltung kamen. Neben vielen berückenden, lyrischen Melodien und reichhaltigen virtuosen Stücken fallen so originelle Solobegleitungen (alle hervorragend gespielt durch die ersten Pulte des Orchestra del Teatro Comunale di Bologna) durch Horn (Arie Arbace), Fagott (Arie Amira im 1. Akt), Violine (Arie Amira im 2. Akt) und – selten! – Bratsche (Arie Argene) auf, ganz zu schweigen von der Vokallinie auf einen einzigen Ton in dieser letzteren Arie.

Will Crutchfield, der in Amerika als großer Belcanto-Spezialist gilt und auch bei der Accademia Rossiniana von Alberto Zedda in Pesaro schon öfters unterrichtet hat, hat sich mit großem Engagement ins Zeug gelegt und nicht nur die ganze Oper auswendig dirigiert, sondern auch die Rezitative am Cembalo selber – ebenfalls ohne Noten! – begleitet. Während sein professoral-symmetrischer Gestus als Dirigent (ohne Stab) zu einem exzellenten musikalischen Ergebnis führte – das nochmalige Anhören der Aufnahme bestätigt diesen Eindruck! –, gestaltete er die Rezitative in einer rigiden Weise, die schlicht entnervend war. An dieser Stelle sei auch einmal gesagt, dass der vor vielen Jahren in Pesaro und weitherum eingeführte Standard des „Basso continuo“ (Generalbass oder ununterbrochener Bass) in den Secco-Rezitativen, also die Begleitung durch Violoncello und Kontrabass nebst dem Cembalo, ein unnötiger Originalklang-Fetischismus ist, der sich schlecht mit dem Klang der modernen Orchester verträgt und einen unangenehmen Kontrast zwischen Musiknummern und Rezitativen schafft, während sich ein brillantes Cembalo heute viel „natürlicher“ ausnimmt und auch eine flexiblere Gestaltung der Rezitative zulässt.

Ewa Podles hat vor ein paar Jahren in einem Interview erklärt, dass sie keine Rossini-Rollen mehr singen werde. Spitze Zungen behaupteten nach ihrem Ciro, dass sie Wort gehalten habe… Obwohl sie ihren Zenit als große Rossini-Contraltistin (eine der ganz wenigen, die es überhaupt gab: fast alle Sängerinnen, die heute dieses Repertoire singen, sind normale Mezzosoprane) längst überschritten hat und ihre Registerwechsel und ein gewisses „Geknödel“ mehr als je hervortraten, vermochte sie immer noch mit ihrer besonderen Tiefe und Stimmfärbung aufzufallen. Mit gut platzierten, lang ausgehaltenen Schlusstönen gelang es ihr nach wie vor, das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. Die Art, wie sie sich bewegte, und der Wichtelbart, der ihr verpasst wurde, trugen freilich einiges zum Karikativen dieser Inszenierung bei.

Neben der Podles bildeten zwei Wildbader Entdeckungen das Hauptrollen-Trio. Jessica Pratt konnte an ihren Erfolg als Adelaide vom letztjährigen ROF anknüpfen. Wie diese handelt es sich auch bei Amira um eine Partie, die Rossini für die Sopranistin Elisabetta Manfredini geschrieben hatte und der australischen Sängerin perfekt liegt. Vor allem in ihren beiden Arien konnte sie mit schönem Legato, dramatischen Ausbrüchen und perlenden Koloraturen brillieren. Michael Spyres gab sein längst überfälliges Debüt in Pesaro, das seinem vorausgeeilten Ruf als neue große Rossini-Hoffnung voll gerecht wurde, auch wenn die Partie des Baldassare nicht so geeignet ist wie etwa die Nozzari-Rollen, um sein ganzes Können unter Beweis zu stellen. Abgesehen davon verlor er als Darsteller wegen der übertriebenen Verkleidung mit einem wilden Neptun-Bart etwas an Profil. Ausgezeichnet auch die beiden Bässe, Mirco Palazzi als Zambri und Raffaele Costantini als Daniello, sowie Tenor Robert McPherson als Arbace, während Carmen Romeu allein schon wegen ihrer viel erwarteten „eintönigen“ Arie Applaus einheimste (auch wenn ich nicht überzeugt war, dass das ihr bester Ton war).

In zwei Dingen tolerierte das ROF, dass sich der Regisseur über die üblichen Parameter des Festivals hinwegsetzte. Er wollte keine Übertitel, weil er ab und zu ein paar Szenenbeschreibungen einblenden ließ. Diese waren aber in keiner Weise dazu geeignet, das Textverständnis zu fördern, wie es heute dank der Übertitel zum erwartungsgemäßen Standard gehört. Und schon tauchten wieder die Lämpchen und Lampen im Saal auf, mit denen die Leute den Text im Programmheft lasen… Geradezu grotesk war die Herbeiführung des Finales. Livermore ließ Baldassare während der Gran Scena Ciros von zwei Skeletten in den Orkus werfen, womit Cyrus nicht mit göttlicher, sondern mit höllischer Hilfe zum Sieger wird. Das Kampfgetümmel, das in der Partitur im Rezitativ nach Ciros Arie zum glücklichen Ende führt, wurde einfach weggelassen (Szenen 13, 14, 15 und Teile von Szene 16). Maestro Crutchfield machte sich zum Komplizen dieser Machenschaft, indem er erklärte, dass es sich ja nicht um „Musik“, sondern „nur um Rezitative“ handelt. Dieses Vorgehen ist nicht tolerabel für ein Festival, das sich den „religiösen Respekt vor der authentischen Partitur“ (Worte von Gianfranco Mariotti, in Note per la presentazione alla stampa della XXXIII Edizione, ROF 2012) auf die Fahne geschrieben hat.

Wenn ein Regisseurenkollektiv mit dem subversiven Titel „Teatro sotteraneo“ (Untergrundtheater) erstmals eine Oper inszeniert, muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Ihr Signor Bruschino erwies sich aber als harmloses Theater im Theater. Eigentlich ist die Idee ganz witzig, dass es einen Freizeitpark gibt, der „Rossiniland“ heißt und in dem an verschiedenen Schauplätzen Opern von Rossini gespielt werden. Dort, wo im Europapark vielleicht die Achterbahn stehen würde, sehen wir die Kulisse, in der Il signor Bruschino gespielt wird. Das Publikum schaut zu, wie die Sänger die Oper spielen, und wartet erwartungsvoll auf den Running Gag des „Uh che caldo“. Die Darbietung wird in klassischen, wenngleich etwas kitschigen Kostümen gespielt (die Kostüme stammten, wie auch das Bühnenbild, von den Absolventen der Accademia di Belle Arti di Urbino). Einige Szenen finden eine Entsprechung in den Parkbesuchern, etwa wenn ein Liebespaar während des Duetts Sofia-Gaudenzio herumschmust. Einmal kam Gaudenzio auf einem Elektroroller (Segway) daher, was mich ein bisschen an eine Cenerentola-Inszenierung in Augsburg erinnerte, in der Dandini auf Inlineskates herumkurvte. Und in der Tat war das Ganze eigentlich nicht viel mehr als eine Inszenierung, wie sie auf deutschen Provinzbühnen gang und gäbe ist.

Entsprechend war auch das gesangliche Niveau. David Alegret war seiner Partie als Florville gut gewachsen, störend war aber seine etwas quäkende, nasale Stimme. Carlo Lepore ist ein sympathischer und guter Darsteller, aber die Stimme ist zu wenig brillant für die Buffo-Rolle des Gaudenzio. Roberto De Candia singt als Bruschino padre korrekt, vermag aber seinem Gesang keinen charakteristischen Stempel aufzudrücken. Einen guten Eindruck hinterließen in den kleinen Rollen Vincenzo Andrea Bonsignore als Filiberto und Chiara Amarù als Marianna. Als totale Fehlbesetzung erwies sich Maria Aleida, die letztes Jahr in Martina Franca in Aureliano in Palmira Furore gemacht hat. Zenobia benötigt ein hohes Register, das ihr gut liegt, und auch hier schaffte sie als Sofia die hohen Koloraturpassagen mühelos, aber die Mittellage ist völlig inkonsistent und wirkte ausgesprochen bemüht. Daniele Rustioni gilt als neuer Shooting Star in der Dirigentenszene und sorgte für eine alerte Leitung an der Spitze des Orchestra Sinfonica G. Rossini, das sich neben dem Hauptorchester aus Bologna wiederum ehrenvoll behaupten konnte.

Insgesamt war es also ein „harmonisches“ Festival, bei dem einem Provokationen und entsprechende Polemiken wie beim letztjährigen Mosè in Egitto erspart blieben. Interessant war, dass es neben der kompromisslos „klassischen“ Inszenierung der Matilde zwei neue Produktionen gab, in denen in einem werkfremden Rahmen (Stummfilmkino, Rossiniland) eine im Prinzip klassische Inszenierung gezeigt wurde. Ist das ein (hoffnungsvoller) Hinweis darauf, dass die Regisseure langsam kapieren, dass das Publikum wieder vermehrt schönes Theater erleben will, aber noch einen „Vorwand“ brauchen, bevor sie den konsequenten Schritt eines Martone wagen?

Reto Müller

Besuchte Aufführungen:
Halböffentliche Haupt- und Generalproben und 13., 14. und 17. August 2012
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Quelle: Mitteilungsblatt der DRG Nr. 57 (September 2012)
Fotos: ROF

19. August 2012

Worüber ich mich bei Rundfunksendungen immer wieder ärgere: Fehlerhafte Aussprache von Namen und falsche Besetzungsangaben

I.
Das kennt wohl jeder Klassik-Rundfunkhörer: manchmal kann man sich nur wundern, wie seltsam ein fremdsprachiger Name oder Titel ausgesprochen wird. Mit fremdsprachigen Namen haben wir ja alle unsere Probleme, insbesondere bei slawischen Namen, und ich bin mir sicher, dass im deutschsprachigen Raum z. B. die auf -ova endenden Namen russischer Sängerinnen oft falsch betont werden (und würde man richtig betonen, würde man bei bekannten Namen eher Befremden bei den Gesprächspartnern auslösen). Im Italienischen lauern die größten Fallstricke wohl bei Wort- und Silbenanfängen mit gh, ch und sch (s. hier). Da wünscht man sich eigentlich von Institutionen wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten eine Orientierungshilfe, aber die Hoffnung, dort die zutreffende Aussprache zu erfahren, trügt leider allzu oft. Da wird doch z. B. sogar aus Glyndebourne ein Ort namens Glindeborn... , der Nachname der italienischen Sängerin Daniela Barcellona wird ausgesprochen wie die spanische Stadt ähnlichen Namens etc. etc..Dabei dürften den Sendern doch weit mehr Informationsquellen zur Verfügung stehen als dem normalen Internetnutzer, aber sogar der kann sich im Internet
die richtige Aussprache und Betonung z. B. italienischer Wörter anhören (z. B. hier). Mit Schrecken denke ich immer noch an eine Jahre zurückliegende Sendung von Rossinis La Cenerentola, bei der die Ansagerin mit permanent falsch betonter Cenerentola einen ganzen Abend lang nervte. Und Di tanti palpiti falsch betonen, nämlich - wie tatsächlich in einer An- und Absage im Radio gehört - mit Betonung auf der Silbe pi, kann eigentlich nur, wer von dieser Arie aus Rossinis Tancredi nicht einmal die ersten Takte gehört hat.

Noch gravierender als fehlerhafte Aussprache sind natürlich falsche Besetzungsangaben, für die ich konkrete Beispiele anführen kann, da ich in den fraglichen NDR-Konzerten war, bei denen jeweils das Stabat mater von Rossini aufgeführt wurde, deren Mitschnitte dann später vom NDR gesendet wurden.

II.
Aktueller Auslöser dafür, dass ich mit diesem Blogpost meiner Verärgerung endlich einmal etwas Luft verschaffen möchte, ist ein Beitrag von Deutschlandradio Kultur, in dem in der Sendung „Fazit“ am 12. August 2012 über das Rossini Opera Festival in Pesaro berichtet wurde. Dieser Beitrag ist
hier im Internet noch nachzuhören, die Fehlleistungen sind also nicht - wie sonst meist – sofort wie Schall und Rauch vergangen.

Die ersten Minuten des Beitrags, in denen über die Premiere von Il signor Bruschino berichtet wird, sind nicht auffällig, insbesondere wird der Name Bruschino richtig ausgesprochen, aber dann in der Berichterstattung über die Aufführungen von Ciro in Babilonia und Matilde di Shabran – ab etwa 4:50 – reiht sich Fehler an Fehler: Der noch mehrmals erwähnte Signor Bruschino wird nunmehr plötzlich mit deutschem sch ausgesprochen, der amerikanische Tenor Michael Spyres bekommt einen deutsch ausgesprochenen Vornamen verpasst (man stelle sich nur mal vor, wie das bei Michael Jackson klingen würde!), der Name Flórez wird höchst eigenwillig auf der letzten Silbe betont (dabei hat der Akzent doch gerade die naheliegende Funktion anzuzeigen, welche Silbe zu betonen ist, - s. hier) und dann der Höhepunkt: Kennt jemand Olga Pretyakova? Gemeint ist die international durchaus bekannte und auch schon in den Vorjahren in Pesaro aufgetretene Olga Peretyatko, die die Titelpartie in Matilde di Shabran sang, aber den Programmzettel zum Ablesen hatte der Herr Berichterstatter wohl nicht griffbereit, und - wie eingangs gesagt – die slawischen Namen... Alexandrina Pendatchanska hat ja inzwischen die „Notbremse“ gegen eine Verballhornung ihres Namens gezogen und möchte jetzt Alex Penda genannt werden (s. hier). Zum Abschluss des Fazit-Beitrags bietet dann schließlich auch die Redakteurin im Studio noch eine alternative (und falsche) Betonung des schönen Namens von Pesaro ... Fazit: Innerhalb eines Beitrags - neben anderen Fehlern - sogar in zwei Fällen jeweils zwei verschiedene Aussprachevarianten, - soll sich doch der Zuhörer aussuchen, was er für richtig hält! Als bloße spontane Versprecher, wie sie natürlich immer vorkommen können (und dann meist auch sofort vom Sprechenden bemerkt und berichtigt werden), dürften sich die Fehler jedenfalls nicht einfach abhaken lassen, sondern sie sind m. E. Zeichen mangelnder Sorgfalt, wenn nicht gar mangelnder Kompetenz.


III.
Bedeutend schwerwiegender sind natürlich falsche Besetzungsangaben. In diesem Punkt müsste man sich eigentlich hundertprozentig auf die Angaben des produzierenden Senders verlassen können, leider ist das aber nicht immer der Fall. Merken kann man es eigentlich nur, wenn man in einer bestimmten Aufführung gewesen ist und dann später sieht, dass bei den Angaben des Senders für die Ausstrahlung im Radio Besetzungsänderungen nicht berücksichtigt worden sind.


Einen konkreten Fall möchte ich hier detailliert schildern.

Am 12. September 2011 sendete NDR Kultur den Mitschnitt des NDR-Konzerts vom 7. April 2011. Ich war in diesem Konzert am zweiten Aufführungstag (8.4.). Für die Aufführung des Stabat mater von Gioachino Rossini hatte es zwei Besetzungsänderungen gegeben (Alessandra Marianelli statt Marina Rebeka und Marco Vinco statt Andrea Concetti), von denen die erstere nicht einmal kurzfristig erfolgt war, sondern schon Wochen vorher auf der Internetseite des NDR Sinfonieorchesters stand und auch im Konzertprogrammheft abgedruckt war. Für die zweite Umbesetzung war ein Hinweisblatt ins Programmheft eingelegt. Obwohl zwischen Konzert und Sendetermin mehrere Monate lagen, waren beide Umbesetzungen in der Programmvorschau von NDR Kultur im Internet nicht berücksichtigt worden (und natürlich auch nicht in den vom NDR mit den Programminformationen versorgten Programmzeitschriften). In der Ansage der Sendung am 12. September 2011 wurde  zwar die Besetzungsänderung bezüglich der Sopranpartie mitgeteilt, als Bass wurde aber weiterhin Andrea Concetti genannt, der gar nicht gesungen hat, sondern durch Marco Vinco ersetzt worden war. Besonders peinlich ist an dem Fall, dass auf der Seite des NDR-Sinfonieorchesters die Ausstrahlung für den 12. September 2011 mit der korrekten Besetzung aller Partien angekündigt wurde, - das ist noch heute im Internet nachzulesen. Für mich als Hörerin ist es eine ärgerliche Erfahrung, dass ich mich nicht einmal bei einer Eigenproduktion des NDR auf die Richtigkeit der Besetzungsangaben verlassen kann, für den betroffenen Sänger aber ist es eine Zumutung, nicht genannt zu werden. Und man fragt sich natürlich auch, wie es beim NDR um die Führung des Archivs bestellt sein mag. Wer mag da als Bass im Konzert vom 7. April 2011 registriert sein? Und da sicherlich einige Hörer die Sendung mitgeschnitten haben, ist die Verbreitung der falschen Besetzungsangabe garantiert. Ich hoffe jedenfalls, dass für diesen konkreten Fall meine Hinweise, die ich vor und nach der Sendung vom 12. September 2011 an den NDR gemailt habe, zur Kenntnis genommen worden sind und bei einer künftigen erneuten Ausstrahlung des Stabat mater die Besetzungsangaben bereits in der Programmvorschau korrekt sein werden; eine Antwort auf meine Mails habe ich leider nicht erhalten.


Es war dies auch nicht das erste Mal, dass mir eine falsche Besetzungsangabe bei einer Eigenproduktion des NDR aufgefallen ist. So hatte ich den NDR bereits vor einigen Jahren anlässlich einer erneuten Sendung des Konzertmitschnitts vom 19. Oktober 2001 von Rossinis Stabat mater auf eine nach wie vor unrichtige Besetzungsangabe in der Programmvorschau hingewiesen (und auch eine sehr freundliche Antwort erhalten); damals war in der Basspartie Erwin Schrott kurzfristig eingesprungen, was bei der Sendung auch angesagt wurde. Und – dieser Fall betrifft nun das NDR Fernsehen – wenn die Aufzeichnung von Dvoraks „Rusalka“ vom SHMF 2004 wiederholt wurde, las man in der Programmvorschau bis zuletzt immer noch den Namen des Tenors Sergej Larin, obwohl – wie auch in Vor- und Abspann des Films richtig angegeben – Miroslav Dvorsky gesungen hat.

Fazit: Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser, - sofern man Derartiges überhaupt noch kontrollieren kann. Zumindest bei aktuellen Liveübertragungen / Aufzeichnungen aus Opernhäusern oder von Festivals, die ich aufnehmen möchte, habe ich es mir jedenfalls zur Angewohnheit gemacht, deren Internetseiten auf etwaige Besetzungsänderungen hin zu überprüfen; denn selbst wenn Änderungen in der Ansage mitgeteilt werden, sind unbekannte fremdsprachige Namen oft nur schwer nachvollziehbar. Bei Liveübertragungen bzw. Sendungen von Aufzeichnungen nur wenige Tage nach der Aufführung können kurzfristige Besetzungsänderungen natürlich nur angesagt werden - was allerdings insbesondere bei Nebenrollen auch nicht immer geschieht -, aber dass Besetzungslisten stets senderintern aktualisiert und korrekt archiviert werden, damit für spätere Sendetermine - ggf. auch bei anderen Sendern -  in den Programmvorschauen die Besetzungsangaben stimmen, sollte m. E. eine Selbstverständlichkeit sein.




Programmheft des Konzerts am 7. und 8. April 2011 mit Einlageblatt
(zum Vergrößern bitte ins Bild klicken)


Programmvorschau von NDR Kultur für den 12. September 2011

Ankündigung des Sendetermins 12.09.2011 auf der Seite des NDR Sinfonieorchesters


Fortsetzung des Themas:
Wieder Ärger mit der Programmvorschau von NDR Kultur!

 ... und noch einmal dasselbe Thema:
Gar nicht heiteres Rätselraten bei NDR Kultur: Botha oder Pisapia?

ZITIERT: Unsinniges - Seltsames - Peinliches etc.
hier im Blog auf der Seite Dies und das!

8. August 2012

Mit Internetradio Klassiksender aus aller Welt hören und aufnehmen - und z. B. mit RAI Radio 3 beim ROF live dabei sein!


In wenigen Tagen ist es wieder soweit! 
Am Freitag, 10. August, beginnt das Rossini Opera Festival (ROF) in Pesaro.

Auch dieses Jahr überträgt RAI Radio 3 alle drei Premieren live:
Ciro in Babilonia (10. August), 
Matilde di Shabran (11. August)
Il signor Bruschino (12. August)
(Details s. Opernsendungen aktuell).


Beim ARD Radiofestival ist aus Pesaro leider nichts dabei. Erfahrungsgemäß wird ohnehin von den deutschen Radiosendern - wenn überhaupt - nur von einer dieser Opern der Mitschnitt der RAI gesendet werden, und das wird dann - wie demnächst bei BR-Klassik - wegen der prominenten Besetzung mit Juan Diego Flórez und Olga Peretyatko am ehesten Matilde di Shabran sein. In dieser Wiederaufnahme der Produktion von 2004 singt Flórez in Pesaro den Corradino zum dritten Mal; YouTube-Videos der Aufführungen von 1996 und 2004 sind im Rossini-Opernführer verlinkt.


"Matilde di Shabran" - ROF Pesaro 2004
Die wirklich große Rarität ist aber m. E. Ciro in Babilonia, in Pesaro zum ersten Mal im Programm (und auch andernorts - abgesehen von der Inszenierung bei "Rossini in Wildbad" 2004  - nur selten und dann auch nur konzertant aufgeführt) und mit Ewa Podles, Michael Spyres und Jessica Pratt ebenfalls hochkarätig besetzt. Es geht hier (wie bei Händels Belsazar) um die biblischen Gestalten Belsazar (Baldassare) und den Perserkönig Cyrus (Ciro), - aber eher nur als Hintergrund für eine Geschichte um eine treue und standhafte Ehefrau (Libretto / Inhaltsangabe (engl.)). Die Inszenierung ist eine Coproduktion mit dem Caramoor Festival in identischer Besetzung der Hauptpartien; die Berichte über die dortige Aufführung Anfang Juli 2012 sind voller Begeisterung insbes. über Michael Spyres (ebenso übrigens wie die Kritiken über seinen Auftritt in Aubers La Muette de Portici in Paris) (s. Presseschau).


"Ciro in Babilonia" - Caramoor Juli 2012
Michael Spyres in "Ciro in Babilonia" - Caramoor Juli 2012
Wer möchte, kann bei den Premieren in Pesaro jedenfalls akustisch live dabei sein. Wie wohl inzwischen fast jeder Radiosender bietet natürlich auch RAI Radio 3 auf seiner Internetseite einen Livestream, auch über die Senderliste und die Programmseiten von operacast kann man Internetradio hören. Noch besser geht es mit einem Internetradio-Programm, mit dem man die Sendungen auch mitschneiden kann. Ich nutze seit Jahren den Phonostar-Player, der Aufnahmen nicht nur als mp3, sondern auch im qualitativ besseren wav-Format ermöglicht. Er ist kostenlos im Internet herunterzuladen, z. B. bei den Downloads von www.computerbild.de. Dort wird allerdings nur die aktuelle Version 3 angeboten, die vorherige Version 2 ist m. E. besser zu handhaben und gerade für Einsteiger übersichtlicher, aber das ist natürlich auch reine Gewöhnungssache*. Die Sender-Datenbank des Phonostar-Players enthält in der Rubrik "Gepflegte Klänge - Klassik und Oper" über 200 Sender aus aller Welt. Aus dieser Liste kann man sich leicht seine Favoritenliste zusammenstellen. Das tägliche Opernprogramm vieler dieser Sender gibt es bei operacast. Was die Qualität anbelangt, gibt es natürlich erhebliche Unterschiede, insbes. auch bei der Lautstärke am PC, die Benutzung von Kopfhörern ist zu empfehlen. Ob sich ein Mitschnitt bzw. das Brennen auf CD lohnt, muss man einfach ausprobieren, bei Mitschnitten von z.B. RAI Radio 3, BBC Radio 3 und Ö 1 ist die Qualität durchaus ordentlich bzw. noch akzeptabel trotz relativ geringer Streamstärke. So sendet z. B. Ö1 mit nur 128 kbit/s, RAI Radio 3 sogar mit nur 96 kbit/s, während WDR3 256 kbit/s - also die übliche CD-Qualität - bietet. Das Anhören derartiger Raritäten von Festivals und aus Opernhäusern aus aller Welt lohnt sich m. E. jedenfalls auch bei eingeschränkter Tonqualität, - besser so als gar nicht!

*Die Version 2 kann zur Zeit z. B. auf diesen Seiten heruntergeladen werden:

Hier von beiden Versionen Screenshots (zum Vergrößern bitte ins Bild klicken):

Aktuelle Version 3:
Ansicht: Suchergebnis für alle Sender der Rubrik "Klassik und Oper"
links unten: aufgeklapptes Fenster für Einstellungen
Ansicht: Aufnahmefenster (am 11.8.12 nachgetragener Screenshot)

 Version 2:
Ansicht: Suchfeld "Klassik &  Oper"
Ansicht: Favoriten  / Fenster mit Funktionen "On Air"
Ansicht: Aufnahmefenster (am 11.8.12 nachgetragener Screenshot)
Auswahl von Sendern,
die regelmäßig Übertragungen / Aufzeichnungen
aus den örtlichen bzw. nationalen Opernhäusern bringen:

Italien: RAI Radio 3
Frankreich: France Musique
Belgien: Klara
 / Musiq3
Niederlande: Radio 4 NL
Großbritannien: BBC Radio 3
Spanien (Barcelona): Catalunya Música
Spanien (Madrid): RNE Radio Clásica
Schweiz (franz.): RSR Espace 2

Schweiz (deutsch): DRS 2 (Hinweis: ab 16.12.2012 umbenannt in SRF 2 Kultur) 
Österreich: Ö 1