Posts mit dem Label Hamburgische Staatsoper werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hamburgische Staatsoper werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

20. Mai 2013

Rüdiger Wohlers und Salvatore Fisichella zum 70. Geburtstag - Zwei Tenöre, deren runde Geburtstage Erinnerungen wecken

"Dalla sua pace" - an manchen Abenden stimmte Rüdiger Wohlers diese Arie des Don Ottavio so behutsam und lyrisch an, dass man den Atem anhielt und der Verzauberung durch Musik erlag. Diese schöne Erinnerung stellt sich bei mir immer ein, wenn ich von Rüdiger Wohlers höre oder lese, und gerade habe ich gelesen, dass er am 4. Mai seinen 70. Geburtstag hatte. Es müssen ja nicht immer nur die ganz großen internationalen Stars sein, an die zu einem runden Geburtstag erinnert wird. Rüdiger Wohlers stand in den 1980er Jahren häufig auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper, neben den Mozart-Partien (Don Giovanni, Cosi fan tutte, Die Zauberflöte) auch als Lenski in Eugen Onegin, als Almaviva in Il barbiere di Siviglia und als Lindoro in L'italiana in Algeri (neben Marilyn Horne), in Zar und Zimmerman und Die lustigen Weiber von Windsor, in Cavallis L'Ormindo, in Macbeth und als Nemorino in L'elisir d'amore, - in meiner Datenbank stehen insgesamt 24 Aufführungen, in denen ich von 1980 bis 1987 Rüdiger Wohlers erlebt habe. Es war nicht nur eine Freude, ihm zuzuhören, sondern auch seine lebhafte Darstellung und jugendliche Erscheinung gaben den von ihm verkörperten Rollen ein glaubhaftes Profil.





Ganz anders die Bühnenpräsenz von Salvatore Fisichella. Als er am 24. Januar 1985 die Bühne der Hamburgischen Staatsoper betrat, war dieser mir bis dahin unbekannte Sänger im Gewimmel von Violettas Gästeschar sofort auszumachen - der Typ eines italienischen Tenors, wie man ihn eher von historischen Fotos zu kennen meint... Er stand und sang - einfach himmlisch, ein Belcanto-Alfredo, der allein mit stimmlichen Mitteln ein tief empfundenes Porträt des liebenden und leidenden Alfredo lebendig werden ließ. Das habe ich mir zwei Tage später gleich noch einmal angehört! Leider blieb dies meine einzige Livebegegnung mit diesem großartigen Stilisten. Am 15. Mai konnte Salvatore Fisichella seinen 70. Geburtstag feiern, auch ihm herzliche Glückwünsche!

In einem Interview vom 18. Oktober 2010 äußert sich Salvatore Fisichella detailliert zu Fragen der Gesangstechnik (veröffentlicht von 'Li Vigni Voice Studio' am 22.10.2010).

Homepage Salvatore Fisichella



14. April 2013

Mariella Devia: Norma-Debüt zum 65. Geburtstag

Am 12. April hatte nicht nur Montserrat Caballé Geburtstag, sondern auch Mariella Devia.
Herzliche Glückwünsche!

In Deutschland ist Mariella Devia auch heute noch nicht sehr bekannt, - in der deutschen Ausgabe von Wikipedia sucht man vergeblich nach einem Artikel über diese großartige Künstlerin, umso ausführlicher sind dagegen die Angaben in der italienischen Wikipedia mit einer umfassenden Auflistung der von ihr gesungenen Partien, davon fünfzehn in Opern von Donizetti. Ich hatte das Glück, einen ihrer seltenen Auftritte in Deutschland erleben zu dürfen: in der Hamburgischen Staatsoper am 3. Mai 1984 als Konstanze in Mozarts Die Entführung aus dem Serail. Es war fantastisch! Ich hatte den Namen dieser Sängerin zuvor nie gehört, und auch in den folgenden Jahren hörte oder las ich nichts über sie, aber den Namen merkte ich mir, und dann kamen glücklicherweise nach und nach immer mehr Livemitschnitte auf den CD-Markt: z. B. Lucia di Lammermoor aus Florenz, La Traviata und Adelia aus Genua, Adelaide di Borgogna aus Martina Franca, Elisabetta al castello di Kenilworth aus Bergamo (Diskografie). Es dauerte noch sehr lange, bis ich Mariella Devia wieder live hören konnte: im August 2001 in drei Vorstellungen von Rossinis La donna del lago beim Rossini Opera Festival in Pesaro und am 2. Januar 2002 in Marin Faliero von Donizetti in Parma.

Mariella Devia ist in Italien die "regierende" Belcantokönigin
und feiert ihren 65. Geburtstag mit einem weiteren Rollendebüt:
Bellinis Norma am 13. April 2013 im Teatro Comunale di Bologna  

Bereits vor der Premiere berichtet La Repubblica ausführlich über das Ereignis:
"Norma Divina Mariella Devia festa di compleanno sulle arie di Bellini"
 
 Und wie dieses aktuelle Video belegt, ist es nach wie vor eine große Freude, ihr zuzuhören:

Schlussapplaus 13. April 2013

Links zu Rezensionen auf der Seite Presseschau

Bei YouTube gibt es viele wunderbare Videos. Einige davon sind in den
Opernführern "Mit YouTube in die Oper" hier im Blog verlinkt (s. die Seite YouTube).


RAI: Norma in scena a Bologna - Paolo Zefferi intervista Mariella Devia

 
 


 
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
 
Bellini - Norma (Casta Diva):
 
 
 
 

13. April 2013

"Singende Königin der Herzen" - Montserrat Caballé zum 80. Geburtstag

"Singende Königin der Herzen" - so nannte Rainer Damm auf RBB Kulturradio in seiner liebevoll gestalteten Geburtstagssendung die "pfundige Primadonna" Montserrat Caballé, und auch ich möchte mich den zahlreichen Glückwünschen zu ihrem 80. Geburtstag am 12. April 2013 anschließen. Bei uns in Hamburg hieß sie "Caballé-Mäuschen", und ihre Hamburger Auftritte, die ich von 1980 bis 1985 miterleben durfte, bleiben unvergessen: konzertante Aufführungen von Rossinis "Semiramide", Bellinis "Norma" und Donizettis "Roberto Devereux" und als fulminante Tosca neben José Carreras und Ingvar Wixell bzw. Theo Adam in der Ponnelle-Inszenierung. Im Februar 1998 konnte sich Montserrat Caballé dann über das Bühnendebüt ihrer Tochter Montserrat Martì als Zerlina an der Hamburgischen Staatsoper freuen. Für das Internationale Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper gab Montserrat Caballé bis vor Kurzem noch Meisterklassen, und in Konzerten - mit und ohne Tochter - fand sie auch in späteren Jahren ein begeistertes Publikum, zu dem ich trotz aller Sympathien für diese großartige Künstlerin allerdings nicht gehöre.
 
"Semiramide" in Hamburg (mit Marilyn Horne)
Foto: privat
 

Ihr Repertoire war weitgefasst - sie sang sogar Sieglinde (1977 in Barcelona) und Salome (1987 an der Scala). Am bekanntesten sind sicherlich ihre zahlreichen Gesamtaufnahmen von Verismo- und Verdi-Partien. Ihre größten und bleibenden Verdienste liegen aber m. E. im Belcantofach, für das sie mit ihrer Legato- und Pianokultur prädestiniert war. Sie hat einmal geäußert, sie sei durch die Türen gegangen, die Maria Callas geöffnet hat... und was sie da gefunden und glücklicherweise in den Jahren 1965 bis 1972 auch aufgenommen hat, waren Raritäten von Rossini, Donizetti, Bellini und aus den frühen Verdi-Opern:


Zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken
 



 

Umfassende Ausführungen zum persönlichen und künstlerischen Werdegang von Montserrat Caballé ist den zahlreichen Würdigungen in der Presse zu entnehmen, z. B.  von Jürgen Kesting in der FAZ vom 7. April 2013, der allerdings zu einem Geburtstag am 9. April gratuliert.


Rossini - Semiramide (Aix-en-Provence 1980)
Bellini - Norma (Madrid 1980)



Puccini - Tosca (Nizza 1980)


Donizetti - Roberto Devereux

 



10. November 2012

Mozart-Glück: "Le nozze di Figaro" mit Danielle de Niese, Ailyn Pérez und Rebecca Jo Loeb an der Hamburgischen Staatsoper

Mozart ist gut für die Seele, - ich jedenfalls brauche diese Musik und dann am liebsten natürlich live. Und wenn ich in eine ganz "normale" Repertoireaufführung gehe, so ist es meist eine Oper von Mozart. Wegen der Besetzung machte ich mir früher kaum Gedanken, - im Ensemble hatten wir Sänger und Sängerinnen, die Mozart zumindest ordentlich, oft aber auch gut oder sehr gut singen und gestalten konnten, und gelegentlich gab es sogar (noch) unbekannte Gastsänger zu entdecken, z. B. Mariella Devia als Konstanze (1984), Jonas Kaufmann in "Cosi fan tutte" (2000), Diana Damrau als Königin der Nacht (2001). Aufführungen unter der Leitung von Dirigenten wie Peter Schneider und Bernhard Klee waren besondere Erlebnisse, auch Ingo Metzmacher dirigierte Figaro und Titus ausgezeichnet. Seit einer sehr unerfreulichen Aufführung von "Le nozze di Figaro" vor fast genau zwei Jahren schaue ich allerdings jetzt doch genauer auf die Besetzung. Ein bunt zusammengewürfeltes "Ensemble" aus Kräften des Hauses war da vom Dirigenten durch die Partitur gehetzt worden, - keine Mozart-Wonnen, sondern meine Nerven flatterten. Als der Vorhang zur Pause fiel, rief jemand laut "Buh", - ich ergriff schweigend die Flucht! Seitdem heißt es: insbesondere auf Besetzungsänderungen achten und abwägen, - in der "Zauberflöte" vor einem Jahr sang Genia Kühmeier als Einspringerin eine hinreißende Pamina, da konnte man die Fehlbesetzung des Sarastro mit einem Bass ohne Tiefen und eine uninteressante Königin der Nacht verschmerzen. Eigentlich widerstrebt mir diese Sichtweise; denn gerade bei den Opern Mozarts sollte es doch eigentlich gar nicht auf einzelne Starsänger ankommen, sondern auf eine ausgewogene Ensembleleistung.

Dies doch einmal vorab zum aktuellen Stand der Hamburger Mozart-"Pflege", die m. E. in musikalischer Hinsicht einen traurigen Tiefpunkt in der von Simone Young dirigierten Premiere des "Don Giovanni" gefunden hat.

Jetzt aber lockte endlich wieder eine weitgehend attraktive Besetzung von "Le nozze di Figaro". Danielle de Niese übernahm als Einspringerin die Susanna, was zugleich ihr Deutschlanddebüt war, und beglückte mit wundervollem Mozartgesang. Auch in den Rezitativen wurde jede Nuance gestaltet, und darstellerisch war sie ein Wirbelwind.
 


Auch Ailyn Pérez - mir aus der vorigen Spielzeit bereits als Marguérite in Gounods "Faust" in guter Erinnerung - bot sängerisch und darstellerisch ein überzeugendes Rollenporträt der Gräfin. Besonders zu erwähnen ist der gelungene Triller, über den sich viele sonst hinwegschummeln.
 
 

 

Rebecca Jo Loeb, die mir schon als Rosina gut gefallen hatte, sang und spielte einen hinreißenden Cherubino.


Die Männer konnten da leider nicht ganz mithalten. Wilhelm Schwinghammer als Figaro und Viktor Rud als eher kleinstimmiger Graf Almaviva boten zwar durchaus gepflegten stilsicheren Gesang, blieben aber doch bei dieser Frauen-Power irgendwie farblos, - passt ja irgendwie auch zu den Rollen, denn das Heft in der Hand haben eindeutig die Damen, die den Männern zeigen, wo es lang geht, aber etwas mehr bassgewaltiges Grollen in der großen Arie des Grafen Almaviva hätte man sich beispielsweise doch gewünscht.

Ein großes Plus der Aufführung war, dass endlich einmal wieder auch die Rezitative gestaltet und nicht einfach als eher lästige Übergänge von Musiknummer zu Musiknummer abgespult wurden. Die weiteren Partien - Daniela Denschlag als Marcellina, Ayk Martirossian als Bartolo, Peter Galliard als Basilio, Frieder Stricker als  Don Curzio und Solen Mainguené als Barbarina - waren ansprechend besetzt.

Stefan Soltesz erwies sich wieder einmal als guter Kapellmeister, der bei durchaus flotten Tempi immer aber auch den Sängern Raum ließ für Nuancen der Gestaltung.

Besuchte Aufführung: 17. Oktober 2012


Händel - Giulio Cesare (Glyndebourne 2005) 


9. November 2012

Zum Gedenken an Hans Werner Henze (1926 - 2012)


Ein Nachruf auf den am 27. Oktober 2012 verstorbenen Hans Werner Henze in einem der Belcanto-Oper gewidmetem Blog? Ja, mir ist es ein Bedürfnis! Denn wenn sich auch mein Interesse im Laufe der Jahrzehnte auf Belcantogesang fokussiert hat, hat das Werk von Hans Werner Henze in meinem Opernleben eine wichtige und auch durchaus prägende Rolle gespielt.


Mein Zugang zur Oper geschah gänzlich unvoreingenommen. Nach meinem ersten Opernbesuch am 8. Mai 1960 - Mozarts "Entführung aus dem Serail" mit Anneliese Rothenberger und unter dem wundervollen Dirigat von Istvan Kertesz - war ich so begeistert, dass ich so schnell wie möglich wieder in die Hamburgische Staatsoper wollte. So wurde die gerade uraufgeführte Oper "Der Prinz von Homburg" von Hans Werner Henze (Libretto: Ingeborg Bachmann nach dem Schauspiel von Heinrich von Kleist) am 28. Mai 1960 mein zweiter Opernbesuch, und ich war wieder begeistert!

Als ich Jahrzehnte später Hans Werner Henze auf der Premierenfeier von "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" von meinem Jugenderlebnis erzählte, hat ihn das sehr gefreut. Letztlich verdanke ich ihm, dass ich stets neugierig auch auf Neues und Unbekanntes geblieben bin und keine Scheu vor modernen Opern habe, auch wenn mir natürlich nicht alle gleichermaßen gefallen. Aber Live-Erlebnisse wie die Weltraumoper "Aniara" von Karl Birger Blomdahl (1961), "Le Grand Macabre" von György Ligeti (1981), "Kullervo" von Aulis Sallinen (2001 am Theater Lübeck) oder "Tri sestri" von Peter Eötvös (2000/2001 und 2006) und zuletzt "Lear" von Aribert Reimann (im Januar 2012 endlich in Hamburg!) waren und sind prägende Stationen in meinem Opernleben, - Beispiele für modernes Musiktheater, das sich bei einem rein akustischen Zugang sicherlich nicht so leicht erschließen ließe. Also neugierig sein und hingehen! Mir ist immer gegenwärtig, dass ja auch die Opern, die heute unser Standardrepertoire bilden oder die jetzt nach 150 oder gar 200 und mehr Jahren wieder "ausgegraben" werden, alle einmal ein auf die Uraufführung neugieriges Publikum hatten.

Nach einer längeren Unterbrechung gab es dann in den 1980er Jahren wieder einige Gelegenheiten, an der Hamburgischen Staatsoper Werke von Hans Werner Henze aus seinen verschiedensten Schaffensperioden kennenzulernen: "Das Wundertheater" (1980 und 1981 in der  Opera stabile), "El Rey de Harlem" (1982 in der Opera stabile) und die Bearbeitung von Paisiellos "Don Quichotte"(1983 auf Kampnagel). Im Juni 2001 brachte Ingo Metzmacher endlich auch in Hamburg (Laeiszhalle) "Das Floß der Medusa" (Oratorium in memoriam Che Guevara) zur Aufführung , - die Uraufführung 1968 in Hamburg war unter Tumulten nebst Polizeieinsatz gescheitert, der Chor hatte seine Mitwirkung wegen einer roten Fahne am Dirigentenpult verweigert (Bericht in "Die Zeit" vom 13. Dezember 1968). Im September 2001 stand dann im Großen Haus der Hamburgischen Staatsoper "We Come to the River" auf dem Spielplan, ein Werk aus den 1970er Jahren, einer Zeit, in der Henze auch die Filmmusik zu "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" schuf; die daraus entstandene Konzertsuite für Orchester ist  - zusammen mit einem Auszug aus der Filmmusik zu "Un Amour de Swann" - auf LP erschienen, und von dem, was ich nicht live erleben konnte - wie z. B. die Opern "Der junge Lord" und "Boulevard Solitude" oder "Tristan" (Préludes für Klavier, Tonbänder und Orchester von 1974) -, steht einiges jedenfalls in meiner LP-/CD-/DVD-Sammlung.

 
Unter Simone Young konnte ich in Hamburg 2006 (und bei der WA 2008) "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" erleben, - ein anrührendes märchenhaftes Werk voller Altersweisheit.


Foto: Homepage Reto Nickler
 
Ein ganz besonderes Erlebnis war dann 2008 die Aufführung von "Elegie für junge Liebende" in der kongenialen Inszenierung von Reto Nickler am Theater Lübeck, - ein packendes Psychodrama um den von Gerard Quinn hervorragend gesungenen und subtil gespielten egomanischen Künstler Mittendorfer.

Auch moderne Musik kann Gefühl, Herz und Seele unmittelbar ansprechen und berühren. Danke!

 

 
 
 

3. Juli 2012

"Die unglückselige Cleopatra" – Oper von Johann Mattheson (1704) in der Opera stabile der Hamburgischen Staatsoper


Im Februar 2011 hatte ich anlässlich der damals noch bevorstehenden Jubiläumsspielzeit 333 Jahre Oper in Hamburg über die Gänsemarktoper geschrieben. Telemanns "Flavius Bertaridus" ging im Oktober 2011 erfolgreich über die Bühne (da ich nach längerer Unterbrechung erst wieder ab Frühjahr 2012 mit dem Posten begonnen habe, werde ich über diese Produktion nach der Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit berichten). Ihren Abschluss fand die Jubiläumsspielzeit nun mit Aufführungen von Matthesons "Cleopatra".

Alljährlich zum Ende der Spielzeit gibt es eine Produktion des Internationalen Opernstudios, - im Wechsel zeitgenössische oder barocke Oper. Dieses Jahr stand – passend zum Jubiläum - die 1704 an der Gänsemarktoper uraufgeführte Oper "Die unglückselige Cleopatra oder Die betrogene Staats-Liebe" auf dem Spielplan, um einiges gekürzt im Vergleich zu der 2006 konzertant im Bucerius Kunstforum aufgeführten Fassung.

Während das Publikum in der Opera stabile Platz nimmt, lümmelt sich vor einem Fernseher ein junger Mann und konsumiert Chips und Videos mit alten Filmen: Hollywood-Spektakel um die schöne Cleopatra. Die Film-Bilder werden auf die transparente Pyramide in der Mitte projiziert, in der das Orchester Platz genommen hat und um die herum dann auf wüstensandigem Boden das Spektakel lebendig wird, - der Fernseher wird beiseite geräumt, der junge Mann betrachtet vergnügt das alles jetzt von oben von der Galerie aus und greift dann zu gegebener Zeit selbst in die Handlung ein.

Zunächst aber erhalten wir Einblick in das Privatleben Cleopatras. Marcus Antonius hat sich an einen einsamen Ort zurückgezogen, um fern von „Herrschsucht, Zank und Neid“ ein ruhiges Leben zu führen. Und vor Cleopatra will er auch seine Ruhe haben, wie seiner Arie zu entnehmen ist: „Ich will geruhig leben und muss ihr süßes Heucheln, ihr angebornes Schmeicheln großmütig widerstreben, sie soll betrogen sein“. Kaum dies gesungen, erscheint die reizende Cleopatra und betört ihn, wieder nach Hause zurückzukehren, - zu ihr und den beiden gemeinsamen Kindern Candace und Ptolemaeus. Diese Kinder sind bereits im heiratsfähigen Alter, ihre Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen sind ein wesentlicher Teil der Geschichte, die in dieser Oper erzählt wird. Und was ist nun die im Titel genannte „betrogene Staatsliebe“?


Der römische Kaiser Augustus - den gibt jetzt der eingangs erwähnte junge Mann aus der Psychiatrie - hat die Ägypter besiegt, Antonius weigert sich aber weiterhin, Cleopatra zu verlassen und zu seiner Frau Octavia nach Rom zurückzukehren. Daraufhin beschließt Augustus, eine List anzuwenden: Er will zum Schein um Cleopatra werben und ihr vorgaukeln, sie zur römischen Kaiserin zu machen. Die Rechnung geht auf: Kaum hat Cleopatra den Brief des Augustus erhalten, ist sie bereit, Antonius zu verraten. Antonius wird die Falschmeldung überbracht, Cleopatra habe sich vergiftet. Er ersticht sich. Cleopatra bereut nicht nur ihre Untreue, sondern hat inzwischen auch die unehrlichen Absichten des Augustus durchschaut. Um nicht als Siegestrophäe nach Rom gebracht zu werden, begeht auch sie Selbstmord. Die Oper endet dann aber doch mit einer fröhlichen Szene, in der Augustus die beiden glücklichen Liebespaare vereint: "Wohlan, es sei, um wieder zu versüßen den Unfall, der euch hart getroffen hat, will ich euch die verlobten Hände schließen"....Der Regisseur Holger Liebig glaubt aber nicht den Worten des Augustus vom "beliebten Freudenschein", der die jungen Leute erwartet, sondern zeigt die Kehrseite der Medaille, nämlich dass Augustus, der sich selbst zum Vormund der beiden Kinder ernannt hat, diese in seiner Gewalt hat ...und sie - nebst den gerade Angetrauten - aus dem Wege räumt. Oder ist das nur die Fantasievorstellung des jungen Mannes aus der Psychiatrie? Den hat sein Wärter inzwischen wieder mit Knabberzeug versorgt und vor den Fernseher gesetzt.

Die Musik zu dieser Handlung besteht aus einer raschen Abfolge von Rezitativen und meist kurzen Arien oder Ensembles, die keine übermäßigen technischen Anforderungen an die Sänger stellen. Anders als im "Boris Goudenow" ist der Text durchgehend auf Deutsch und ohne Einschub italienischer Arien.  Es gibt bei Mattheson keine koloraturgespickten Bravourstücke, auch keine Dacapo-Arien, sondern seine Musik ist bestimmt durch schlichte Melodiebildung, wie er es auch in seinen musikwissenschaftlichen Schriften dargelegt hat. Seine Schriften - z. B. "Das neu-eröffnete Orchester" (1713) und  "Der vollkommene Capellmeister" (1739) - gelten auch heute noch als "Gebrauchsanweisungen" für die barocke Aufführungspraxis. Dass sich auch der Dirigent Nicholas Carter (auch am Cembalo I) damit beschäftigt hat, ist anzunehmen. Jedenfalls war es eine Freude, dem farbenreichen Spiel des aus zwölf  Philharmonikern gebildeten kleinen Orchesters zuzuhören.

Die Sänger und Sängerinnen des Internationalen Opernstudios sind mir natürlich von Aufführungen im Großen Haus bekannt. In der Akustik der kleinen Opera stabile klangen sie zunächst ungewohnt, insbesondere die teils zu große Lautstärke war gewöhnungsbedürftig. Die Titelpartie sang mit klangschönem und facettenreichem Sopran die 1990 geborene Mélissa Petit, die als bisher jüngstes Mitglied des Internationalen Opernstudios vor zwei Jahren nach Hamburg kam und jetzt für ein drittes Jahr im Opernstudio verbleibt. Für den im Großen Haus in der kleinsten Rolle positiv auffallenden Tenor Paulo Paolillo schien die Partie des Antonius teilweise unbequem tief zu liegen. Der Bassist Levente Páll als Augustus war sängerisch und darstellerisch eine wahre Freude. Ich möchte hier nicht alle einzeln aus der Besetzungsliste (s. u.) aufführen, die allesamt ihren guten Teil zum Gelingen der Produktion beigetragen haben, aber hervorheben möchte ich doch noch die beiden Gäste, beides Absolventen der Hamburger Musikhochschule: Nerita Pokvytyte als extrovertiert ausdrucksstarke und auch darstellerisch sehr präsente Mandane, und ganz besonders Daniel Philipp Witte, der in der Rolle des  Dercetaeus, Diener des Antonius, mit klangschönem Tenor, guter Diktion und umwerfender Bühnenpräsenz als Spaßmacher ein Kabinettstück nach dem anderen bot, dass man aus dem Staunen nicht herauskam.

In den Werken der Gänsemarktoper gab es üblicherweise die Rolle des Komödianten, der sich als Element des Volkstheaters in die Handlung einmischt und diese und ihre Akteure kommentierend und oft mit anzüglichen Sprüchen auf die Schippe nimmt. Mit mehrstrophigen Arien, die beinahe wie Offenbachsche Couplets vorgetragen wurden, erscheint Dercetaeus z. B. bei Cleopatras Gastmahl als Schornsteinfeger. Der seiner Arie vorausgehende Dialog mit Cleopatra über das Fegen der Öfen in ihrem Schlafgemach wurde leider ausgelassen; der Auftritt war als nur an das Publikum gerichtete Einlage inszeniert. Über machthungrige Frauen äußert er sich in einer Travestienummer gar vier Strophen lang auf Plattdeutsch: "Wat stellt sick doch en Deren vertwifelt hillig an? Un kumt se eerst thum Mann, so will se stracks regieren."* Und wenn Augustus an der toten Cleopatra die Schlangenbisswunde inspiziert und überlegt, ob man ihr nicht das Gift aus allen Gliedern saugen könnte, besingt Dercetaeus in einer Arie ein an seinem Weib erprobtes "gut Klistier".

*Kompletter Text unten bei den Nachträgen

Im Vergleich zu diesen gekonnten Auftritten wirkte die sonstige szenische Gestaltung oft doch eher unbeholfen. Unzureichende Personenregie oder Absicht? Oder einfach nur Folge der fehlenden Distanz zwischen Publikum und Bühne?  Es wurde jedenfalls viel herumgestanden, was ja in der Barockoper durchaus szenisches Stilmittel sein kann, dann aber mit dem entsprechenden Ausdruckskanon an Gesten, Haltung und Bewegungen (s. die Videos im Beitrag zur Aufführung von Matthesons "Boris Godounow" hier). Aber das hieße sicherlich, von einer kurzlebigen Opernstudio-Produktion zu viel zu erwarten.


Belebt wurde die Szenerie durch drei Tänzer, die neben einer Tanzeinlage auch weitere Auftritte hatten, z. B. als Bedienstete am Hof Cleopatras oder als Schornsteinfeger; zusammen verkörperten sie auch - mit entsprechend dekorativer Bemalung der Oberkörper - die Schlange, deren Biss Cleopatra tötet, - eine gelungene Alternative zu der sonst wohl unvermeidlichen Plastikschlange.

Unvermeidlich ist es aber, bei dieser Oper auf den legendären Eklat zwischen Mattheson und Händel bei der letzten Vorstellung der am 20. Oktober 1704 uraufgeführten "Cleopatra" einzugehen. Händel war seinerzeit u. a. als Cembalist an der Gänsemarktoper tätig und vertrat Mattheson in der musikalischen Leitung der Aufführung seiner "Cleopatra", in der Mattheson, der auch Sänger war, als Antonius auf der Bühne stand. Nach dessen Bühnentod wollte er wie üblich den Platz am Cembalo einnehmen und die Vorstellung zu Ende führen, was Händel dieses Mal aber verweigerte. Es soll da ein ziemliches Gerangel am Cembalo gegeben haben, - wer "Sieger" blieb oder ob die Vorstellung gar abgebrochen wurde, habe ich nicht herausfinden können, jedenfalls aber soll es zwischen den beiden Streithähnen zu einem Duell auf dem Gänsemarkt gekommen sein, dessen Ausgang Mattheson selbst wie folgt schildert:  „welcher für uns beide sehr unglücklich hätte ablaufen können, wenn es Gottes Führung nicht so gnädig gefüget, daß mir die Klinge im Stoßen auf einen breiten, metallenen Rockknopf des Gegners zersprungen wäre“ (zitiert nach
Wikipedia). Legende oder Wahrheit? Gibt es Berichte weiterer Augenzeugen? Dass der NDR in seinen TV-Produktionen zum Händeljahr 2009 ("Händel - Der Film" bzw. "Händel in Norddeutschland") aus dem Rockknopf einen Notenstapel gemacht hat, den Händel in der Spielszene grinsend unter seinem Rock hervorzieht, sei nur am Rande erwähnt; auf der Internetseite des NDR ist es jedenfalls weiterhin der Knopf ...

Besuchte Vorstellung: 24. Juni 2012

Bilder: Programmheft der Hamburgischen Staatsoper

Zitate: Programmbuch der Aufführung im Bucerius Kunstforum 2006 






Die konzertante Aufführung 2006 im Bucerius Kunstforum ist auf CD (mit Libretto)
erschienen und wurde von St. Jacobi Hamburg für € 25,00 an
einem Stand in der Opera stabile angeboten, ist also noch lieferbar.

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Drei deutsche Barockkomponisten - Dreimal Cleopatra
Johann Mattheson - Johann Adolf Hasse - Carl Heinrich Graun
Johann Mattheson "Die unglückselige Cleopatra"
 Johann Adolf Hasse "Marc'Antonio e Cleopatra"
(Zum 250-jährigen Bestehen der Berliner Staatsoper Unter den Linden )
Hierzu erhielt ich einen Hinweis auf Videos bei Vimeo:
Teil 1 und Teil 2 (nicht komplett, aber zusammen 2,5 Stunden!)

 ... und 4. natürlich auch Händel:

"Giulio Cesare in Egitto"
Se pietà di me non senti
Se pietà di me non senti
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Nachträge:


Der komplette Text der plattdeutschen Arie des Dercetaeus:

Wat stellt siek doch en Deren
vertwifelt hillig an?
Un kumt se eerst thum Mann,
so will se stracks regieren.
Da heet et bald: du arme Blot,
nimm du de Schört, giff my den Hot,
ick willt in allen Saken
et uht de Wysemaken.

Da geit et an thum mäkeln,
da is bald dit bald dat,
de krancket weht nich wat,
daräver se muth kekeln!
Da is dat Aas so Superklok,
dat ok des Mannes Prük un Brok,
vor eren Schnack un Kiyen
nicht unvexert kann bliven.

Se gifft up sine Gänge
mit Argusogen acht.
Un kriggt se man Verdacht,
so is dat Huß tho enge.
Da lunt, da brummt dat Murmeldeert,
un prühnt de Näß und reit den Steert,
fangt entlick an tho bellen,
dat em de Ohren gellen.

Darüm so ist am besten
dat man so deit als ick,
un sick in süverlick
enthollt van sullken Gästen.
Erst sünt se aller Framheit vull,
herna so warrt se spetter dull,
un willt den Mann wat brüden,
dat mug de Velten liden.

 (Auszug aus dem Libretto im Programmbuch
zur konzertanten Aufführung am 10. und 11. Oktober 2006
Herausgeber: Bucerius Kunst Forum gemeinnützige GmbH)

Der Diener Dercetaeus hat die für die Werke der Gänsemarktoper typische Rolle des Spaßmachers, - sozusagen ein barocker Kabarettist als "Stimme des Volkes", der mit frechen Texten alles Mögliche aus Alltagsleben, Gesellschaft und Politik auf die Schippe nimmt und damit insbesondere das einfache Volk amüsieren soll, das auf den billigen Plätzen ebenfalls zum Publikum der Bürgeroper gehörte. In der Abhandlung von Kerstin Schüssler-Bach „... daß, wo die besten Bancken auch die besten Opern sind“ (Bürgerliche Lebenswirklichkeiten auf der Bühne der Hamburger Gänsemarkt-Oper) sind weitere plattdeutsche Zitate aus anderen Opern zu finden.

Homepage Daniel Philipp Witte

Libretto-Sammlung zur Gänsemarkt-Oper

Die obige Aufführungsrezension wurde im September 2012 - zusammen mit dem Opsatz "Cleopatra in Plattdüütschland" von Thomas Stelljes - in "Quickborn - Zeitschrift für plattdeutsche Sprache und Literatur" (102. Jahrgang - Heft 3/2012) veröffentlicht.

Aufführungsrezension auf Welt.de: Cleopatratragödie mit großer Tonfilmgeste

14. Mai 2012

Vor 50 Jahren: George London - Elisabeth Grümmer - Fritz Wunderlich gemeinsam auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper

Fotos: Screenshots von folgenden YouTube-Videos: George London - Elisabeth Grümmer - Fritz Wunderlich
Am gestrigen Sonntag zur mitternächtlichen Klassik-"Prime-Time" sendete der RBB die Dokumentation von 2011 "George London - Von Göttern und Dämonen", und immer, wenn ich den Namen George London höre, erinnere ich mich an einen frühen Höhepunkt meines damals noch sehr jungen Opernlebens:

Vor ziemlich genau 50 Jahren, am 2. Mai 1962, gastierte George London im Rahmen der "Festlichen Opernabende" an der Hamburgischen Staatsoper als Mozarts Don Giovanni. Und er war nicht das einzige großartige Erlebnis dieses von Hans Schmidt-Isserstedt geleiteten Opernereignisses: Elisabeth Grümmer war Donna Anna, Fritz Wunderlich sang Don Ottavio (s.u. den Scan des Besetzungszettels)! Gesungen wurde seinerzeit noch auf Deutsch, aber die sog. Champagnerarie  sang George London auf Italienisch, und das Publikum gab keine Ruhe, bis er sie wiederholte. Meiner Erinnerung nach das einzige Dacapo, das ich auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper erlebt habe. Auch nach den Arien des Don Ottavio tobte das Publikum vor Begeisterung, - mir schien es länger, als die Arien gedauert hatten, so habe ich es damals in meinem Tagebuch vermerkt, - aber zu einer Wiederholung ließ sich Fritz Wunderlich leider nicht bewegen. Und dann die traumhaft schöne Stimme und tief emotionale Rollengestaltung von Elisabeth Grümmer, einfach unbeschreiblich, - darum hier ein Video mit ihr als Donna Anna (Salzburg 1954):


Zur DVD-Ausgabe der Dokumentation über George London (mit Bonus):

Schaut man sich bei YouTube um, findet man mit George London zwar diverse mit Standfotos geschmückte Audiodateien, aber - jedenfalls bis jetzt - kaum Videomaterial von seinen großen Bühnenrollen. Davon gibt es nun in der genannten Dokumentation, die bei Arthaus auf DVD erschienen ist, reichlich, - man kommt aus dem Staunen nicht heraus, alles bisher unveröffentlichtes Material. Allerdings gab es seinerzeit nur wenige Aufzeichnungen kompletter Opern (- zum Glück aber immerhin den Salzburger "Don Giovanni" von 1954 mit Elisabeth Grümmer, den Münchener "Barbier von Sevilla" von 1955 mit Fritz Wunderlich und eine "Tosca" von 1961 aus Stuttgart mit Renata Tebaldi und George London -), aber Stars der Metropolitan Opera traten in TV-Shows auch in Opernszenen in Bühnenbildern und in Kostüm auf, so z. B. George London und Maria Callas 1956 in einem Ausschnitt aus dem 2. Akt von "Tosca". Die 60-minütige Dokumentation mit diversen Statements von "Weggefährten" zeigt nun - neben Spirituals und Liedern - in zahlreichen Ausschnitten George London in seinen großen Bühnenrollen: Don Giovanni, Boris Godunow, Holländer, Tosca, Wotan, Jago. Aber beinahe noch wichtiger (und aufregender!) ist der sog. "Bonus" von 95 (!) Minuten Dauer: bisher unveröffentlichtes Videomaterial (Oper und Konzert), darunter insbesondere auch die ungekürzte Szene aus "Tosca" (Länge:14:23) und Mussorgskys "Lieder und Tänze des Todes".  



30. April 2012

Rossini im Repertoire der Hamburgischen Staatsoper - Ein Rückblick auf die Spielzeit 2011/2012


Rossini - Il barbiere di Siviglia
Vorstellungen vom 17. Januar, 13. und 17. April 2012
(mit Rückschau auf die Vorstellungen am 19. / 22. Juni 2011)

In fast jeder Serie des "Barbiere di Siviglia" erweckt die neue Besetzung mindestens einer Partie bei mir Neugier, und so war ich diese Spielzeit wieder dreimal dabei.  Es waren die Vorstellungen Nr. 191, 193 und 194 seit der Premiere am 29. Dezember 1976, eine Inszenierung, die ich inzwischen auch bereits 47 mal gesehen habe, mit Generationen von Rosinas, Almavivas und Figaros, - und das mit den Generationen kann man durchaus wörtlich nehmen, standen doch am 3. Dezember 1983 Renate Behle - als Einspringerin aus (wenn ich recht erinnere) Hannover herbeigeeilt - als Rosina und am 12. Februar 2010 ihr Sohn Daniel Behle als Almaviva in dieser Inszenierung auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper. Aber auch nach so vielen Jahrzehnten mag ich die Inszenierung immer noch gerne. Nächste Spielzeit wird es leider keinen Barbiere geben, da wird man sich mit einigen Vorstellungen von "La Cenerentola" begnügen müssen, - mehr gibt es nicht von Rossini!

Für mich persönlich ist die Besetzung des Conte Almaviva von größtem Interesse, - der war schließlich bei der Uraufführung die Titelfigur ("Almaviva o sia L'inutile precauzione"), ein Thema, mit dem sich Saverio Lamacchia ausführlich befasst hat (s. Lamacchia - Der wahre Figaro).  Die für den damaligen Startenor Manuel Garcia geschriebene Musik ist ein guter Prüfstein für die Qualitäten der heutigen wirklichen oder nur so genannten Belcanto-Tenöre, - auch wenn die große Arie "Cessa di più resistere" in Hamburg  - außer von Rockwell Blake im Januar 1998 - nicht gesungen wird.

Foto: Homepage
In der Aufführung am 17. Januar 2012 war Juan Francisco Gatell der Conte Almaviva, mit vielen Vorschusslorbeeren für sein Hamburg-Debüt angekündigt, die er aber  - abgesehen von seinem blendenden Aussehen - nicht voll bestätigen konnte: hübsches Timbre, aber ziemlich einförmige Darbietung. Für mich also keine herausragende Entdeckung, aber umso größer die freudige Überraschung, die das neue Ensemblemitglied Rebecca Jo Loeb als Rosina bot. Herausragend wie immer Renato Girolami als Bartolo, Adrian Sâmpetrean als Don Basilio - abgesehen von der noch entwicklungsbedürftigen Tiefe - rollendeckend. Und Viktor Rud, der Sänger des Figaro? Ein derartiges Geschummel bei den Koloraturen habe ich selten erlebt, - in Rossini-Partien leider keine gute Besetzung, wie auch schon in "La Cenerentola" zu hören gewesen war!

Bei der Vorstellung am 13. April 2012 gab es - ohne Angabe von Gründen - gleich drei Umbesetzungen: Lawrence Brownlee für José Manuel Zapata, Rodion Pogossov für George Petean und Tara Erraught für Michaela Selinger. Don Bartolo war wieder Renato Girolami, Don Basilio Tigran Martirossian, Katja Pieweck als Berta krönte das erste Finale mit strahlenden Tönen.

Foto: Hamburgische Staatsoper

Lawrence Brownlee hatte in Hamburg bereits früher den Almaviva gesungen, - damals für mich etwas enttäuschend, da zu gradlinig ohne das gewohnte Raffinement -, aber dieses Mal legte er sich mächtig ins Zeug, insbesondere auch darstellerisch zog er zum Vergnügen des Publikums alle Register. Rodion Pogossov, schon als Posa in Verdis "Don Carlos" und kürzlich bei der Übertragung des "Barbiere di Siviglia" aus der Metropolitan Opera New York positiv aufgefallen, sang und spielte einen agilen Figaro.

Foto: Screenshot YouTube-Video
Beide Herren wirkten geradezu animiert durch die vorzügliche Leistung der charmanten Tara Erraught, die eine Rosina der Extra-Klasse sang und ihr auch darstellerisch ein eigenes selbstbewusstes Profil gab. Auf sie war ich besonders neugierig gewesen, hatte ich sie doch schon als Einspringerin in "La Cenerentola" hören können, und ich wurde nicht enttäuscht, - im Gegenteil! Das Ganze hat mir so gut gefallen, dass ich mir sofort eine Karte auch für die Vorstellung am 17. April besorgte. Leider schien Tara Erraught etwas indisponiert und sang vorsichtiger.

Nicholas Carter schlug flotte Tempi an, achtete aber dennoch auf Feinheiten der Partitur und dirigierte ausgesprochen sängerfreundlich.

Um noch einmal auf den Conte Almaviva zurückzukommen: Keiner der beiden genannten Rollenvertreter konnte an Alexey Kudrya (mehr zu diesem Sänger s. hier im Blog) heranreichen, den ich zum Ende der vorigen Spielzeit am 19. und 22. Juni 2011 gehört hatte. Ich habe lange nicht mehr ein solch schmachtendes “Se il mio nome” gehört, Effekte allein erzielt mit Mitteln des Belcanto-Gesangs. Dazu eine attraktive Bühnenerscheinung und ausgefeiltes lebhaftes Spiel mit vielen kleinen Gesten. Sehr schade, dass er nicht auch die große Arie gesungen hat! Es war aber auch sonst eine ausgezeichnete Aufführung, eine der besten des Barbiere, die ich in Jahrzehnten gehört habe. Vesselina Kasarova war – im Vergleich zu der Aufführung im September 2010 (über die ich hier berichtet habe) – wie ausgewechselt, sie hatte erkennbar Freude, mit Partnern auf weitgehend gleichem Niveau zu singen und zu spielen, ganz ohne die von mir im September 2010 beklagten Manierismen bei der szenischen Aktion. Auch Donato di Stefano (Bartolo) gab ein erfreuliches Hamburg-Debüt. Dalibor Jenis lieferte zwar für das Ohr schwer erträgliche gebellte Koloraturen, machte dies aber mit seinem szenischen Einsatz bald wieder vergessen, wenn sie überstanden waren. Alfred Eschwé dirigierte schwungvoll und ausgesprochen sängerfreundlich.


Rossini - La Cenerentola
Vorstellungen vom 28. September und 9. Dezember 2011

In der Premiere am 8. Mai 2011 hatten unter der musikalischen Leitung von Antonello Allemandi Hamburger Publikumsliebling Maite Beaumont, Maxim Mironov, Enzo Capuano und Viktor Rud die Hauptpartien gesungen, - hier das Video der Hamburgischen Staatsoper mit dieser Besetzung:
 

 

 Premierenbericht  Hamburg sucht das Superputtel (Die Welt 10.5.2011)


In der Spielzeit 2011/2012 war für die erste Serie ursprünglich Kate Aldrich als Angelina vorgesehen, für sie sprang dann aber am 28. September 2011 Tara Erraugth ein, eine wahre Entdeckung, die eine wunderbare Cenerentola sang. Maxim Mironov wiederholte seinen stilvoll gesungenen Don Ramiro, Enzo Capuano war wieder ein guter Don Magnifico. Abgesehen von der sängerisch nicht zufriedenstellenden Leistung von Viktor Rud als Dandini war es unter dem schwungvollen Dirigat von Alessandro De Marchi eine gelungene Aufführung.

Dies kann von der Vorstellung am 9. Dezember 2011 leider nicht gesagt werden. Den Don Ramiro sang nun Alek Shrader, unauffällig in Timbre und Darstellung. Viktor Rud bewies wieder, dass ihm Koloraturen gar nicht liegen, und die Cenerentola von Maria Markina war - ich kann es nicht beschönigen - eine ziemliche Zumutung (so wie es auch ihre zweimal gehörte Zerlina im "Don Giovanni" war, - es geht also nicht um die eher zufällige Form eines Abends): eine ziemlich harte und unruhige Stimme, die die Grundvoraussetzung für Belcantogesang nicht erfüllen kann, nämlich eine gleichmäßige, von ruhigem Atem getragene Stimmgebung. Wie das geht, demonstrierte Renato Girolami, -  wie immer eine reine Wohltat, ihm zuhören zu dürfen. Was aus dem Orchestergraben kam, war dieses Mal nicht der von Alessandro De Marchi gewohnte Rossini-Drive, sondern eher Ausdruck des Bemühens, die Sache irgendwie zusammen zu halten und über die Runden zu bringen, so jedenfalls mein persönliches Empfinden.

Bei einem derart unbefriedigenden musikalischen Eindruck gewann die bunte und aktionsreiche  Inszenierung ein derartiges Übergewicht, dass ich meinte, in einer großen Bühnenshow mit Musikbegleitung zu sein. Ich kann allerdings nur den ersten Akt beurteilen, denn in der Pause bin ich gegangen, - etwas, was ich äußerst selten tue und schon gar nicht bei einer Rossini-Oper.

Um zu den schöneren Erinnerungen zurückzukehren, hier abschließend Tara Erraught:
Finalrondo der Cenerentola
(Beginn bei 2:20)