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15. April 2012

Samuel Ramey – Eine Hommage zu seinem 70. Geburtstag

Hamburg 1983 (Foto: privat)
Am 28. März 2012 wurde Samuel Ramey 70 Jahre alt. Radio Ö 1 brachte aus diesem Anlass am 27. März einen Rückblick auf die Karriere dieses großen Sängers, der im Rahmen der Rossini-Renaissance das in Vergessenheit geratene Stimmfach des Koloraturbasses wieder in den Focus der Aufmerksamkeit rückte. Und auch mir wurden die Erinnerungen an die Zeit lebendig, als Samuel Ramey regelmäßig an der Hamburgischen Staatsoper zu erleben war.


Mein persönlicher Blick zurück beginnt mit dem 30. Mai 1980. Es gab eine mit Hermann Prey in der Titelpartie prominent besetzte Repertoire-Aufführung von Tschaikowskys „Eugen Onegin“. David Rendall war ein wunderbarer Lenski, aber im letzten Akt ist der Tenor bekanntlich nicht mehr präsent. Da stand nun die Arie des Gremin an, und ich bereitete mich innerlich – ich muss es zugeben – auf einige gepflegt-langweilige Minuten vor... , aber als dann „Ein jeder kennt die Lieb' auf Erden“ erklang – seinerzeit wurde „Eugen Onegin“ noch auf Deutsch gesungen –, war ich hellwach und begeistert. Was für eine Stimme! Was für eine Gestaltung! Samuel Ramey? Wer ist denn das? Googeln konnte man damals ja noch nicht, in der Presse wurde er nicht einmal erwähnt.


Ich aber beschloss, mir diesen Namen zu merken. Und als ich dann einige Monate später den Namen wieder in einer Besetzungsliste entdeckte, war ich natürlich dabei und hörte am 1. November 1980 einen ausgezeichnet gesungenen Banquo in Verdis „Macbeth“.

Dass Ramey in der Zwischenzeit im Sommer 1980 in Aix-en-Provence als Assur in Rossinis „Semiramide“ an der Seite von Marilyn Horne und Montserrat Caballé sein internationaler Durchbruch als Koloraturbass gelungen war, erfuhr ich erst später, - für mich war Samuel Ramey immer noch meine ganz persönliche Entdeckung.


 Als Assur 1980 in Aix-en-Provence


 


1983 kam Rossinis „Semiramide“ dann endlich auch nach Hamburg, - wenn auch nur konzertant und – wie in Aix - von über vier Stunden Musiklänge auf knapp drei Stunden gekürzt. In den vier Hauptpartien die Besetzung wie in Aix-en-Provence 1980: Montserrat Caballé, Marilyn Horne, Francisco Araiza und Samuel Ramey. Diese erste Begegnung mit einer ernsten Rossini-Oper hat bei mir eingeschlagen wie der Blitz und mich für diese Musik auf Dauer infiziert, - kein Wunder, wenn man sie so großartig präsentiert bekommt. Das waren in den großen Duetten Horne – Caballé und Horne – Ramey wahre Koloraturwettstreite, und dann die über 15 Minuten lange Solo-Szene des Assur, - atemberaubend! 1985 gab es noch einmal eine Serie, wieder mit dem Vierergespann aus Aix, aber sogar das war noch zu toppen: in der Vorstellung am 13. Mai 1985 sang nicht Araiza den Idreno, sondern...Chris Merritt, damals noch in Augsburg engagiert, aber bald auf dem Weg zur großen internationalen Karriere als Rossini-Baritenor. Der Erfolg in Hamburg war durchschlagend: der Chor trampelte Beifall!



Drei der ganz Großen der Rossini-Renaissance zusammen auf der Bühne, unvergesslich!

Welches Opernneuland in den 1980-er Jahren mit den unbekannten Opern Rossinis betreten wurde, mag folgende Begebenheit veranschaulichen: Als in einer Mailänder Zeitung berichtet wurde, dass die Scala erstmalig „Il viaggio a Reims“ - also die Reise nach Reims - präsentiert, soll es Anrufe von Interessenten gegeben haben, die nach Reims mitfahren wollten!


 
Hamburg 1985 (Foto: privat)


Leider blieb der Assur die einzige Rossini-Partie, in der ich Samuel Ramey live erleben durfte. Aber in anderen Rollen gastierte er in Hamburg: Die vier Bösewichte in „Les Contes d'Hoffmann“ von Offenbach (1983), König Philipp in Verdis „Don Carlo“ (1983 und 1985), Mephistofeles in Gounods „Faust“ (1985 und 1986), Boitos „Mefistofele“ (konzertant 1986) und Mozarts „Don Giovanni“ (1987 und 1988). Ein besonderes Ereignis war der Solo-Abend am 21. März 1988 mit einem weitgefächerten Programm von Händel und Purcell über Schubert, Rossini, Britten, Ravel bis Ives und mit fünf Zugaben von Mozart über Gounod bis zum „Ol' Man River“.


Herzlichen Dank, lieber Samuel Ramey!


Interview The Houston Chronicle 17. April 2012:
Bass Samuel Ramey still loves his opera life

 
 
 
 
 

 
 Der Post wurde am 7. März 2013 überarbeitet, indem einige bei YouTube
zwischenzeitlich gelöschte Videos ersetzt worden sind.

3. Dezember 2009

Von „Carmen Jones“ bis „General Horne“ - Dokumentation über Marilyn Horne


Endlich auf DVD erschienen ist die 1994 entstandene TV-Dokumentation „Marilyn Horne – A Profile“, ein liebevolles Porträt dieser großen Künstlerin, deren 75. Geburtstag eigentlich ein guter Anlass gewesen wäre, diese Dokumentation im deutschen Fernsehen zu zeigen. Leider ist dieser Geburtstag in der deutschen Fachpresse und bei den Rundfunk- und Fernsehanstalten aber so gut wie unbeachtet geblieben – als rühmliche Ausnahme ist mir persönlich jedenfalls nur die Sendung auf OE1 in Erinnerung -, und das, obwohl am Anfang ihrer Bühnenlaufbahn ein Engagement am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier stand, damals noch als Sopran. Auch hierüber erzählt Marilyn Horne in dieser Dokumentation, die chronologisch und mit vielen privaten Bild- und Tondokumenten den familiären Hintergrund und den Karriereverlauf nachzeichnet, auch ihre Partner – wie Joan Sutherland und Henry Lewis - kommen zu Wort.

Für die ungekürzte Wiedergabe von Arien und Szenen ist allerdings leider kein Raum, - mit Ausnahme einer Szene aus dem Spielfilm „Carmen Jones“, bei dem Marilyn Horne ihre Stimme der Carmen Jones von Dorothy Dandridge lieh, muss man sich mit sehr kurzen Ausschnitten begnügen. Wer aber einen Eindruck von der Persönlichkeit von „General Horne“ (so genannt wegen der vielen militärischen Anführer, die sie in den Opern von Rossini und Händel verkörperte) gewinnen möchte, dem sei diese DVD wärmstens empfohlen, und bei denjenigen, die das große Glück hatten, Marilyn Horne live zu erleben, werden sicherlich wieder Erinnerungen wach, und zwar eben nicht nur an großartige gesangliche Darbietungen, sondern auch an ihren gar nicht primadonnenhaften Umgang mit ihrem Publikum (s. Marilyn Horne - Zu ihrem 75. Geburtstag)

Hier nun auch mit Bild und Ton:
Von "Carmen Jones"...


... bis "General Horne"!

1. Februar 2009

Dank an Marilyn Horne - Zu ihrem 75. Geburtstag


Im „Opernleben“ eines jeden Fans gibt es zwar viele Höhepunkte, aber nur selten das große Glück, bei einem ganz besonderen Ereignis dabei gewesen sein zu dürfen.

Für mich war der 8. März 1980 einer dieser beglückenden Tage: die Premiere von Rossinis L’italiana in Algeri an der Hamburgischen Staatsoper mit Marilyn Horne in der Titelpartie. Darauf hatte ich mich schon monatelang gefreut, hatte aber zu meinem Erstaunen auch feststellen müssen, dass kaum jemand meine Vorfreude teilte, - kaum jemand im Stammpublikum des 4. Rangs wusste überhaupt, wer Marilyn Horne war! Die Premiere der Italiana war auch nicht ausverkauft, danach war dann allerdings der Ansturm umso heftiger, und Marilyn Horne wurde auch in Hamburg zum großen Publikumsliebling.

Gespielt wurde die Ponnelle-Inszenierung der Mailänder Scala. Von der New Yorker Aufführungsserie dieser Produktion ist kürzlich eine DVD erschienen, bei YouTube sind diverse Ausschnitte (und auch sonst eine ganze Menge Videos mit Marilyn Horne) im Netz.

Hier der wohl etwas missglückte Versuch des Rezensenten der „Welt“, das Ereignis Marilyn Horne irgendwie in Worte zu fassen:

“Der Auftritt der Horne läßt zunächst vermuten, es sei der Intendanz gelungen, die Zarah Leander der mittleren Jahre für ‚Hallo Dolly’ zu gewinnen. Den Inhalt vor Augen, aber der ist ohnehin sinnlos, muß man befürchten, Lindoro, der Geliebte der ‚Italienerin’ habe sich beim Umzug von Mailand nach Hamburg einen echt italienischen Mama-Komplex zugezogen. Doch sehr bald wird man eines Besseren belehrt – und geht in die Knie vor Entzücken. Die Horne singt die Glanzpartie der Koloratur-Altistinnen mit einem geradezu luxuriösem Belcanto. Ihre Perlenketten des Ziergesangs funkeln wie Juwelen – the must of Marilyn Horne! -, und ihre darstellerische Pfiffigkeit, ihr echter ‚Mutterwitz’, übertrumpften die angestrengtesten Bemühungen ihrer Umgebung mit einem Fingerschnalzen. Ein ganz unglaubliches Ereignis: eine Primadonna, über die man nach Herzenslust lachen kann.“

Ich fasse mich kürzer: Es war sensationell! Technische Perfektion und Brillanz, die glücklicherweise auch heute noch anhand der zahlreichen Tondokumente bewundert werden können, verbunden mit einer entwaffnenden szenischen Präsenz!

Seinerzeit steckte die Rossini-Renaissance noch in den Kinderschuhen – insbesondere was die opera seria anbelangte. Und so war im Staatsopern-Magazin zum Hamburger Debüt von Marilyn Horne zu lesen, dass – neben der Isabella und der Rosina – „die Arsace aus Semiramis“ zu ihren besonders glänzenden Partien zählte. Terra incognita also auch für die Mitarbeiter der Dramaturgie der Hamburgischen Staatsoper! Mit Semiramide stand dann aber im Frühjahr 1983 endlich auch eine opera seria von Rossini auf dem Spielplan der Hamburgischen Staatsoper, natürlich mit Marilyn Horne in der Rolle des Arsace und einer auch ansonsten fulminanten Besetzung: Montserrat Caballé, Samuel Ramey und Francisco Araiza. Die konzertanten Aufführungen im Frühjahr 1983 waren ein derart sensationeller Erfolg, dass es im Frühjahr 1985 nochmals eine Serie gab, bei der in einer Vorstellung Chris Merritt den Idreno sang, – nach seiner Arie (er hatte in der gekürzten Fassung leider nur eine zu singen) trampelte sogar der Chor vor Begeisterung!

Unvergesslich auch die Hamburger Konzertauftritte von Marilyn Horne! Ich hatte das Glück, bei drei Konzerten dabei zu sein: Solo-Abend in der Hamburgischen Staatsoper am 28. April 1983, Festkonzert des NDR zum Europäischen Jahr der Musik in der Musikhalle am 7. Februar 1985 und Solo-Abend in der Musikhalle am 15. Mai 1986.

Marilyn Horne verstand es, ihr Publikum – mit Charme und mit direkter Ansprache – quasi um den kleinen Finger zu wickeln, und für die Ovationen bedankte sie sich mit einem Füllhorn voller Zugaben. Bei dem Solo-Abend in der Hamburgischen Staatsoper schien das Publikum überhaupt nicht gehen zu wollen, sogar die „Garderoben-Flitzer“ hielt es auf ihren Sitzen, und nach der fünften (oder gar schon sechsten?) Zugabe sagte Marilyn Horne: „Nun müssen Sie aber wirklich nach Hause gehen“ und sang noch das Wiegenlied „Guten Abend, gute Nacht…“. Und danach waren auch noch die zahlreichen Autogrammwünsche zu erfüllen!

Marilyn Horne und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen haben erfolgreich bewiesen, wie schön und aufregend Belcantogesang sein kann, wenn er nach den Regeln der (Belcanto-)Kunst ausgeführt wird, und dass ihre Pionierarbeit auf fruchtbaren Boden gefallen ist, zeigt die Entwicklung der letzten Jahre, in denen zunehmend vergessene Belcanto-Opern wieder auf die Spielpläne gesetzt werden und junge Sängerinnen und Sänger das technische Rüstzeug erworben haben, um auch im Belcantofach erfolgreich Karriere machen zu können.

Auch nach Beendigung ihrer aktiven Bühnenlaufbahn ist Marilyn Horne über die von ihr vor 15 Jahren gegründete Marilyn Horne Foundation weiterhin in Sachen Belcanto aktiv. Am 18. Januar 2009 wurde der „doppelte“ Geburtstag mit einem Festkonzert in der Carnegie Hall begangen, von dem hoffentlich ein Mitschnitt veröffentlicht werden wird.

Danke, liebe Marilyn Horne, für die vielen schönen Stunden und für den großartigen Einsatz zur Wiederbelebung der Kunst des Belcanto!

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Nachtragen möchte ich zwei Begebenheiten, die mir von Ohren- und Augenzeugen berichtet worden sind:

Öffentliche Generalprobe zu "Bianca e Falliero" in Pesaro 1986: Das Auditorium Pedrotti verfügte über keine Klimaanalage, und es war unheimlich heiß an diesem Tag - zahlreiche Zuschauer verschafften sich mit Fächern oder Programmheften Kühlung. Und während die Horne ihre Arie sang, passierte das Unglaubliche: mitten in der Phrase setzte sie aus, trat einen Schritt nach vorn und sagte: "Non posso! Non posso cantare, se tutti fanno così con i ventagli" (“So geht es nicht! Ich kann nicht singen, wenn alle so machen mit den Fächern") - dabei ahmte sie die Fächerbewegungen nach, die offenbar überhaupt nicht zum Takt der Musik passten. Das Publikum hatte Verständnis, und bei dieser und der folgenden Aufführung herrschte absolute Bewegungslosigkeit im Saal, wenn die Horne ihre großen Auftritte hatte.
Liederabend in Hamburg im Mai 1990: Bei einem "Addio" von Rossini erklärte Marilyn Horne vorher, dass der Komponist gewollt habe, dass der im Text vorkommende Fluss (im Original die Seine) jeweils dem Ort angepasst werden solle, in dem man sich befinde - und so ertönte "il fiume Elba".


Bericht über die Gala "Celebrating Marilyn Horne" am 18. Januar 2009

Videos:


 
Marilyn Horne und Henry Lewis