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12. Februar 2014

Rossinis "L'italiana in Algeri" in Beijing - Ein Einblick in das aktuelle Operngeschehen in China


Kürzlich sendete 3sat die Dokumentation "Chinas neue Musentempel", eine Erkundungstour durch die zahlreichen neuen Opern- und Theaterbauten in chinesischen Mega-Citys: faszinierende Bilder moderner Architektur und Gespräche mit Sängern (u.a. Hui He) und Musikern, jungen Opernfans, chinesischen Funktionären und ausländischen Auftragnehmern. Wenn man sich die Besetzungslisten des NCPA in Beijing bei operabase ansieht, findet man dort nicht nur viele international bekannte Sänger - auch Placido Domingo ist als Nabucco mit dabei -, sondern auch bereits für die Hauptpartien einheimische Kräfte, von denen neben Hui He bisher allerdings wohl nur der Tenor Yijie Shi international bekannt sein dürfte.

Die Dokumentation "Chinas neue Musentempel" wird am Mittwoch, 19. Februar, 22:10 Uhr, auf ZDFkultur wiederholt.

Der nachfolgende Bericht von A. Rosenbusch, der zuvor im Mitteilungsblatt Nr. 61 der Deutschen Rossini Gesellschaft erschienen ist, gibt nun die seltene Gelegenheit, in einem anschaulichen Augen- und Ohrenzeugenbericht einen Einblick in das moderne Operngeschehen in China zu erhalten. Ich danke dem Verfasser und freue mich, diesen interessanten Bericht auch über den Mitgliederkreis der DRG hinaus zugänglich machen zu können. esg

 
Das NCPA in Beijing
 

Eine „Italienerin“ in Beijing
 
Anlässlich einer Reise nach China besuchte ich am 30. Nov. 2013 in Peking das NCPA (= National Center of Performance Art), um zu erfahren, welche Vorstellungen an diesem Abend auf den Bühnenbrettern von Chinas Hauptstadt angeboten wurden.
 
Zum Vergrößern bitte ins Bild klicken
 
Das NCPA ist ein neu errichtetes komplexes Gebäude, welches drei Theater und einen Konzertsaal unter einem Dach vereint.

  
 
Beim Betreten der riesigen Eingangshalle des Theaterkomplexes erblickte ich sogleich ein Plakat, auf dem eine Dame in amouröser Pose dargestellt war. Mit diesem im westlichen Jugendstil gehaltenen Werbeposter wurde  für Rossinis Italienerin in Algier, gespielt an vier aufeinanderfolgenden Abenden vom 28. Nov. bis zum 1. Dez. 2013, geworben.
 
Der an der Kasse ausliegende Flyer ermöglichte mir schnell die Besetzung der Rollen zu erfahren; Und siehe da, zumindest ein Name war mir vom Rossini Festival aus Bad Wildbad 2013 vertraut: Silvia Beltrami (in Bad Wildbad die Zomira in der Oper Ricciardo e Zoraide ) singt in Peking die Titelpartie der Italienerin, also die Rolle der Isabella.


In kürzester Zeit war ich im Besitz eines Tickets (7.Reihe Parkett) für die nahezu ausverkaufte Vorstellung an diesem 30.Nov.2013.


 


Foto des Autors
Die Aufführung fand im kleineren Theater statt, das Platz für 1035 Besucher bietet. In Szene gesetzt wurde die Oper von Giancarlo del Monaco, der am NCPA bereits Tosca (2011), den Fliegenden Holländer und Lohengrin (2012) sowie den Otello von Verdi (2013) inszeniert hatte. Ihm zur Seite standen William Orlandi für Bühnenbild und Kostüme sowie Jacopo Pantani für das Lichtdesign. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Gianluca Martinenghi (zuletzt erster Gastdirigent beim Teneriffa Festival für Falstaff und Tosca), der das China NCPA Orchestra und die 18 Herren des China NCPA Chorus dirigierte.
 
Gesungen wurde italienisch, die Übertitel in englischer Sprache wurden über der Bühne, die sicherlich passende chinesische Textinterpretation wurde zu beiden Seiten der Bühne an fest installierten LED-Displays angezeigt.
 
 
Giancarlo del Monaco führte auf einer von drei Lampenreihen umsäumten Showbühne im Stil der 1920-er Jahre durch die Version einer „Opern-Revue“. Der Orchestergraben war umrahmt von einem strahlend weißen ca. 1m breiten Laufsteg, der häufig für die Rezitativpassagen meist von Isabella und Mustafa (vor allem in der PAPATACI szene) bespielt wurde.
 
Bereits während der Ouvertüre wurde das Meer in barocker Theatermanier auf sich hin und her bewegenden, die stürmischen Wellen darstellenden Holzelementen präsentiert. Ein auf einem Gestell montierter Doppeldecker mit Isabella als Pilotin und Taddeo als Flugbegleiter an Bord stürzte im Sturm der Musik mit lautloser Eleganz in die Wogen. Heranziehende Piraten-Fischer retteten beide vor dem Untergang auf Flugzeugwrackteilen ans Land.


Fotos: Wang Xiaojing / chncpa.org 


Nach dieser Vorgeschichte wandelte sich die Bühnenprojektion in die Gartenanlage von Mustafas Palast, und Song Yuanming klagte als Elvira mit ihrem klaren lyrischen Sopran über die mangelnde Liebe von Mustafa (Enzo Capuano), der zusammen mit seinem Adjudanten Haly (Wang Hexiang) in einem überlangen mindestens 3/4 der Bühnenbreite einnehmenden Oldtimer vor dem Palast vorfuhr.
 
Mit Enzo Capuanos Mustafa präsentierte sich ein Bass mit ca. dreißigjähriger Bühnenerfahrung, der die komödiantischen Effekte der Partie auch optisch geschickt nutzte und durch seinen Körpereinsatz mittels lüsternem taktbetontem Hüftkreisen in dieser Vorstellung so manchen Lacher auf sich zog. Die stimmlichen Herausforderungen bereiteten ihm dabei kaum Schwierigkeiten. Haly (Wang Hexiang) diente ihm mit seinem soliden Bariton als eifriger Adlatus.
 
Lindoro (Yijie Shi), der Geliebte von Isabella, hatte in den wenigen getragenen Phasen der Partie seine schönsten Momente, während die Koloraturpassagen an diesem Abend rau und hölzern klangen. Die eher schmächtige Statur des Sängers wurde durch einen kindlich wirkenden Matrosenanzug noch verstärkt, so dass er mit seinem bemüht sportlichen Agieren einen schlaksigen Typ darbot.
 
Dass die kleine, etwas untersetzte Silvia Beltrami ihre Auftrittsarie in einem bodenlangen, düsteren Ledermantel mit lederner Pilotenmütze zu absolvieren hatte, wirkte für eine gerettete Primadonna auf mich befremdlich.
 
Umso gelungener geriet ihre erste Zusammenkunft mit Mustafa. Der ganze Sultans-Hofstaat blickte erwartungsvoll nach rechts in die Bühnengasse, während eine elegant kostümierte Isabella von hinten links auf die Bühnenmitte zuschritt, so dass sie die Überraschung für sich verbuchen konnte. Spätestens von diesem Zeitpunkt begannen alle Sänger auf der komödiantischen Musikwelle Rossinis zu surfen.
 
Silvia Beltrami brachte mit nuanciert farbenreicher Stimme dominant zum Ausdruck, dass Sie sich nicht unterkriegen lässt, und behielt ihren Belcantostil bis zum Ende der Oper in überzeugender Weise bei. Ebenfalls in bester Belcantomanier sang Lui Songhu als Taddeo mit seinem herrlich samtigen Timbre in allen Facetten und war somit ihr großartiger Mitstreiter, der auch darstellerisch allen anderen chinesischen Sängerkollegen in dieser Aufführung weit überlegen war.
 
Vom Dirigenten des Abends, Maestro Gianluca Martinenghi, hätte ich mir etwas mehr zupackenden italienischen Drive gewünscht. So klang das hauseigene NCPA-Orchester streckenweise bloß routiniert und wenig inspiriert und ließ das witzig zwinkernde Auge Rossinis allzu oft vermissen.
 
Der Herrenchor sang präzise und umrahmte besonders in den Palastszenen kostümiert als „Haremswächter“ mit nackten Theaterbäuchen und goldenen Bikinioberteilen in resonanter Weise das Spiel der Solisten. Dass jeder der Chorsänger vom ersten ihrer Auftritte an jeder an einem roten Schal strickte, der von Mal zu Mal immer länger wurde, läßt mich mit der Hoffnung schließen, dass hier ein roter Teppich gewirkt wird, der hoffentlich dazu dient, Rossinis Opern weiterhin den Weg in den chinesischen Kulturkreis zu öffnen.
 
Als Besonderheit sei noch vermerkt, dass sich die Türschließer während der gesamten Vorstellung an den Eingängen im Zuschauerraum aufhielten. Ausgestattet mit Laserpointern richteten diese rote Laserstrahlen auf die Zuschauer, welche während der Vorstellung versuchten, Fotos von der Aufführung zu machen. Die „Übeltäter“ waren sichtlich irritiert und ließen ihr Aufnahmegerät (meist Mobilephone oder iPad) sofort wieder verschwinden. Das ist eine effektvolle aber störende Methode, die leider auch das übrige darin unerfahrene Auditorium ablenkte, bis es merkte, dass diese Aktion nicht zur Inszenierung gehört.
 
 Für alle, die an weiteren Aufführungen am NCPA in Beijing interessiert sind, hier die Homepage:

Von Gioachino Rossini wurde dort bisher gespielt:
Der Barbier von Sevilla
La Cenerentola
Die Italienerin in Algier
 
A. Rosenbusch


21. Januar 2014

WACHGEKÜSST - Rossinis "Torvaldo e Dorliska" (DVD-Rezension)

Die nachfolgende Rezension von Julia Poser ist dem Mitteilungsblatt Nr. 61 der Deutschen Rossini Gesellschaft entnommen. Ich danke der Verfasserin für die Überlassung des Textes und freue mich, so auf diese unbekannte, aber sehr hörenswerte Oper Rossinis auch über den Mitgliederkreis der DRG hinaus aufmerksam machen zu können. esg 
 
Wachgeküsst

Fast ein Jahrhundert lang war Rossinis dramma semiseria Torvaldo e Dorliska im Dornröschenschlaf versunken. Zwar dirigierte Alberto Zedda 1982 im italieni­schen Rundfunk eine RAI-Übertragung, im Jahr 1992 gab es eine konzertante Aufführung in Lugano, 1995 sang William Matteuzzi beim Belcanto Festival von Dordrecht den Torvaldo und schließlich dirigierte Alessandro de Marchi die Oper bei Rossini in Wildbad, wovon es einen Naxos-Mitschnitt gibt. Der neuerliche Durchbruch geschah 2006, als im schönen alten Teatro Rossini in Pesaro eine begeistert gefeierte Aufführung die Oper zu neuem Leben erweckte.
Die Kritik in den «Notizie del Giorno» schrieb 1815 anlässlich der Römer Uraufführung allerdings, dass „die Musik von Signor Rossini nicht die Hoffnungen erfüllt hätte, die man sich davon hätte erwarten können“; auch „das sehr üble und uninteressante Libretto hätte Homer nicht aus seinem Schlaf wecken können“.
Die von der Firma Dynamic aufgenommene DVD von der Aufführung des sommerlichen ROF in Pesaro widerlegt den römischen Kritiker zur Gänze. Schon die Ouvertüre ist von besonderer Schönheit und reich orchestriert. Den drei Hauptpartien hat Rossini herrliche Arien, traumschöne, romantische Duette, ein Männerterzett, das seinesgleichen sucht, und mitreißende Finali kompo­niert. Selbst die Secco-Rezitative mit Cembalobegleitung wirken lebendig. Auch Cesare Sterbinis Libretto ist originell, und die einzelnen Personen sind treffend charakterisiert.
Erfreulich an dieser DVD ist auch, dass nach so manchen unsäglichen „Modernisierungen“ in Pesaro die fast werkgetreue Inszenierung von Mario Martone, dessen Personenführung überlegt und dynamisch ist, gefällt und Freude macht. Sergio Tramonti zaubert einen düsteren Wald als Hintergrund, davor ein großes Gitter, das den Schlosshof schützt, auf die Bühne, die noch durch einen Laufsteg rund um den Orchestergraben vergrößert wird. Manche Szenen spielen sogar im Auditorium oder direkt vor den Logen. Cesare Accettas stimmungsvolle Lichtregie und Ursula Patzaks hübsch anzusehende Kostüme erfreuen das Auge.
Michele Pertusi ist mit seinem aufregend dunkel leuchtendem Bass ein überragender Duca d‘Ordow, der mit verführerischem Timbre die von ihm begehrte Dorliska gewinnen will. Unange­strengt und klar sind seine Koloraturen, mit ungezähmter Wut in der Stimme behauptet er seine Forderung nach Hingabe. Im musikalisch einzigartigem Männerterzett ist sein temporeiches Parlan­do unübertrefflich. Den von Leidenschaft getriebenen Duca spielt er mit Bravour.
Francesco Meli als Torvaldo besitzt einen strahlenden Tenor, der mit kraftvoll heldischen, aber auch lyrischen Tönen zu überzeugen weiß. Schon von der ersten Arie an „Tutto è silenzio“ ist man vom Wohllaut der Stimme gefangen. Darina Takova in der Partie der unglücklichen Dorliska ent­täuscht zu Anfang mit herbem Sopran, unausgeglichenen Spitzentönen und verwaschenem Timbre. Erst wenn der Herzog im 2. Akt zudringlich wird, gewinnt ihre Stimme bei „morir pel caro sposo“ an Klarheit. Jetzt leuchten die Kantilenen und die Koloraturen perlen. Den Schlossverwalter Giorgio gibt der unverwüstliche Bruno Praticò mit zwar nachlassender Stimmkraft aber herrlich komischem Spiel. Jeannette Fischer singt die hilfreiche Carlotta mit vollem Mezzo. Ihre Arie „Una voce lusinghiera“ wird bei ihr zu mehr als nur einer Sorbettoarie. Auch bei Simone Alberghinis köstlicher Birnenarie, die er mit klangvollem Bass bringt, würde niemand seine Loge für ein Eis verlassen.
Victor Pablo Pérez dirigiert das exzellent spielende Orchestra Haydn di Bolzano e Trento mit rossinierfahrener Hand: Die unterschiedlichen Aspekte der halbernsten Oper differenziert er genau. Hier die dramatische Situation des gedemütigten Paares und die sadistische Perfidie des Herzogs, da der albern plappernde Giorgio, der zuletzt noch zum Retter wird. Zuverlässig singt der Prager Kammerchor unter der Leitung von Altmeister Lubomír Mátl.
Für Rossini-Liebhaber eine wertvolle Rarität!
Torvaldo e Dorliska, Dynamic 33528, 2 DVD (157'), Aufnahme vom August 2006, Teatro Rossini in Pesaro (Rossini Opera Festival). Mit Darina Takova, Michele Pertusi, Francesco Meli, Bruno Praticò, Jeannette Fischer, Simone Alberghini; Orchestra Haydn di Bolzano e Trento, Coro da Camera di Praga; Leitung Victor Pablo Pérez, Inszenierung Mario Martone. Untertitel angeblich in d|e|f|i|sp, aber auf dem besprochenen Exemplar nicht verfügbar. Booklet mit Inhaltsangabe und Begleittext von Alberto Cantù in d|i|f.
Julia Poser

28. Oktober 2013

SEMIRAMIS-OPERN AUF CD: Rossinis "Semiramide" aus der Vlaamse Opera unter Alberto Zedda und vom Festival Rossini in Wildbad unter Antonino Fogliani / Semiramis in Opern von Catel und Meyerbeer


"Semiramide", uraufgeführt 1823, ist Rossinis letzte und die vollkommenste seiner italienischen dramatischen Opern, und wenn Alberto Zedda dieses Meisterwerk dirigiert, ist dies für die Deutsche Rossini Gesellschaft willkommener Anlass, dort die Jahreshauptversammlung oder ein Mitgliedertreffen zu organisieren, um ihren Ehrenpräsidenten live zu erleben und nach der Aufführung zu treffen, - so zu Aufführungen von "Semiramide" 2001 an der Opéra Royal de Wallonie in Liège (Lüttich), 2003 an der Deutschen Oper Berlin und zuletzt 2011 an der Vlaamse Opera in Gent. Von dieser Aufführungsserie in Gent (und Antwerpen) ist nun eine Aufnahme auf CD erschienen, - neben dem Mitschnitt vom Rossini Opera Festival in Pesaro 1992 die einzige auf CD dokumentierte "Semiramide" in der Interpretation von Alberto Zedda.



Die nachfolgende CD-Rezension von Julia Poser wird im nächsten Mitteilungsblatt der DRG erscheinen:

Zeddas bezwingende Interpretation

Die Mitglieder der Deutschen Rossini Gesellschaft, die im Januar 2011 in Gent eine musikalische Sternstunde mit Semiramide unter Alberto Zedda erlebten, können sich jetzt auf eine Einspielung der Oper auf CD freuen. Die Firma Dynamic hat den Mitschnitt aus Gent kürzlich herausgebracht und so kann man zuhause noch einmal die Schönheit der Musik Rossinis unter der Stabführung ihres begnadeten Dirigenten genießen. Keine Striche – jeder einzelne Takt wird von dem dreiundachtzigjährigen Maestro mit geradezu jugendlichem Feuer gebracht. Über vier Stunden entwickelt er eine klare Gestaltungskraft und so erlebt man eine unübertreffliche Wiedergabe dieser letzten großen italienischen Oper Rossinis.

          Das hochmotivierte Symphonie Orchester der Vlaamse Oper musiziert unter Zeddas Leitung kraftvoll und spannungsreich, hält den großen Bogen von der Ouvertüre bis zum jubelnden Schlusschor „Adori il novello suo re“ mit nie nachlassendem Elan.

          Die drei Hauptpartien sind glänzend besetzt. Myrto Papatanasiu singt die babylonische Königin mit glockenreinen Spitzentönen, sicheren Koloraturen und bewältigt gesanglich den Wechsel von der verliebten Frau zur schuldbewussten Mutter mit erschütternder Intensität. Ann Hallenberg überzeugt mit volltönendem Mezzo als Arsace. Von besonderer Schönheit sind die Duette der beiden Sängerinnen in „Alle piu care imagini“ und in „Giorno d’orror“, in denen die Stimmen in wunderbarer Harmonie zusammenfinden. Josef Wagner als ruchloser Königsmörder kann mit sonorem schwarzem Bass prunken . „Egli geme, egli smania, sospira“ kommentiert der Chor seine Wahnvorstellungen, die er mit kraftvollen Koloraturen besingt. Robert McPherson erreicht nicht ganz das hohe Niveau der drei Protagonisten. Die zwei anspruchsvollen Arien des indischen Königs Idreno bewältigt der Tenor mit Anstand, aber ohne besondere Leuchtkraft. Igor Bakan (Oroe), Julianne Gearhart (Azema), Eduardo Santamaria (Mitrane) und Charles Dekeyser (Stimme des Nino) ergänzen die Einspielung. Hervorragend bewährt sich der Chor der Vlaamse Opera.

          Auf dem Aufdruck der CDs wird man an die schauderhafte Regie und die hässlichen Kostüme von Nigel Lowery erinnert, aber die sieht man beim Anhören zum Glück nicht.

Semiramide Dynamic CDS 674-1-3, 3 CDs (74'04), (76'11), (79'17), Aufnahme aus Gent 11. Januar 2011, Etwas mageres Beiheft: ital.-engl. Aufsatz von Danilo Prefumo, kurze Inhaltsangabe ital.- engl. ohne Tracks, Namen der Orchestermusiker und des Chors, keine Biographien der Solisten.

Julia Poser
Einen Eindruck von der Inszenierung bietet das

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Auch beim Festival "Rossini in Wildbad" gab es 2012 Aufführungen
von Rossinis "Semiramide", dirigiert von Antonino Fogliani.
Der Mitschnitt ist nun bei Naxos auf CD erschienen.

 
Aufführungsbericht hier im Blog und CD-Rezension bei Opera Lounge.

Eine Einführung in das Werk und das komplette Libretto (Italienisch / Deutsch)
bietet Band 34 der von der DRG herausgegebenen Reihe "Operntexte":


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Episoden aus dem Leben der babylonischen Königin Semiramis wurden auch bereits vor Rossini von zahlreichen anderen Komponisten als Opernstoff gewählt. Zwei m. E. sehr lohnende Raritäten wurden bei Festivals aufgeführt und sind als CD-Mitschnitte erhältlich: zum einen "Sémiramis" von Charles-Simon Catel (1802) aus Montpellier vom Festival de Radio France 2011 unter Hervé Niquet (und mit einer fulminanten Maria Riccarda Wesseling in der Titelpartie), zum anderen "Semiramide riconusciuta" von Giacomo Meyerbeer vom Belcantofestival Rossini in Wildbad 2005 unter Richard Bonynge:

Maria Riccarda Wesseling, Gabrielle Philiponet, Mathias Vidal,
Nicolas Courjal, Andrew Foster-Williams, Nicolas Maire


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Nachtrag (7. 8. 2014)






10. September 2013

Joyce DiDonato ist Rossinis "Prima donna del lago" - Ein Bericht aus den USA über Vorstellungen in Santa Fe

La donna del lago boomt derzeit, - so jedenfalls der Eindruck, wenn man sich vergegenwärtigt, wie selten die opere serie von Rossini ansonsten auf den Spielplänen stehen. Genf - Mailand - Paris -  Wien (TadW) - London - Santa Fe, - alles szenische Produktionen seit 2010. Und wenn auch die Inszenierungen in der Regel heftig umstritten sind, so feiert dieses Meisterwerk doch musikalisch wahre Triumphe, lassen sich doch jetzt alle vier Hauptrollen angemessen bis sensationell besetzen.
Die Titelpartie der Donna del lago reizte auch bereits in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Sängerinnen, wie ein Blick in die Liste der Gesamtaufnahmen und Produktionen bei esdf-opera zeigt. Bei den Tenören war - abgesehen natürlich von Rockwell Blake und Chris Merritt - die Lage eher problematischer. 
In der Titelpartie unangefochtene Nummer Eins  - eben die prima donna im wahrsten Sinne des Wortes - ist derzeit Joyce DiDonato. Auch in Santa Fe feierte sie wahre Triumphe; neben ihr sangen Lawrence Brownlee (Uberto), Marianna Pizzolato (Malcolm) und René Barbera (Rodrigo). Charles Jernigan berichtet in seinem Opera Journal im dortigen Post "Santa Fe Sojourn" nicht nur über die dortige Produktion, sondern befasst sich auch ausführlich und grundsätzlich mit diesem Meisterwerk Rossinis und zieht Vergleiche zu der ebenfalls besuchten Produktion in London. Die folgende Übersetzung ins Deutsche bringt eine gekürzte Fassung des sehr lesenswerten amerikanischen Originaltextes. Da im nächsten Mitteilungsblatt der Deutschen Rossini Gesellschaft aus Platzgründen nur eine wiederum gekürzte Fassung der deutschen Übersetzung erscheinen kann, freue ich mich sehr, in meinem Blog die Langfassung der Übersetzung veröffentlichen zu können.


A Scene from 'The Lady of the Lake' (1849) by Alexander Johnston

 

La donna del lago – im New Mexico Stil
I) Ein paar Anmerkungen zur Oper
[…] Es ist eine noch unbeantwortete Frage, wer Walter Scotts poetische Erzählung The Lady of the Lake (ca. 5000 Verse lang) als Stoff für die neue Oper der Herbstsaison 1819 in Neapel ins Gespräch brachte. Andrea Leone Tottola, der Librettist der Oper, sagte im Vorwort zu seinem Werk, der Impresario Barbaja habe die Idee dazu gehabt und sich an ihn, seinerzeit Hausdichter am Teatro San Carlo, mit der Bitte gewandt, ein Libretto zu verfassen. Zu ungefähr derselben Zeit könnte aber Rossini in Rom eine französische Übersetzung von Scotts Erzählung, die noch nicht ins Italienische übersetzt worden war, in die Hände gefallen sein. Vielleicht kamen also Komponist und Impresario gleichzeitig auf die Idee (*).
Wie auch immer es gewesen sein mag – es war eine bedeutsame Entscheidung; denn hierdurch wurden Walter Scotts Werke in die italienische Oper eingeführt, und – noch wichtiger – das neue Opus wurde die erste romantische Oper, eine Art Brücke zwischen dem Typ von Opern, die im 18. Jahrhundert populär waren, und dem Genre, das im 19. Jahrhundert dominieren sollte. Was Scotts Einfluss auf die italienische Oper betrifft, so ist er schwerlich zu unterschätzen, gibt es doch im Laufe der folgenden rund 80 Jahre Dutzende Opern nach Walter Scotts Romanen (am berühmtesten Lucia di Lammermoor). […] In jener Zeit war in Italien der Ossian Maßstab für alles Romantische, besonders wenn es um Schottland ging. Es finden sich in Tottolas Versen auch Abschnitte mit der Ausmalung von Naturszenen, die typisch romantisch sind und von Scott stammen. Romantik war 1819 in Italien etwas „Neues“, und es scheint mir völlig plausibel, dass Barbaja seinem Publikum etwas „Neues“ bieten wollte, das Interesse wecken und Kommentare auslösen würde – und Rossini und Tottola kamen seiner Anregung gerne nach.
Tottola bekommt schon seit über 200 Jahren schlechte Kritiken als „Schreiberling“, und es zirkulierte zu seiner Zeit ein kleiner populärer Knittelvers, in dem sich sein Name auf “nottola“ (= „Nachtsegler“) reimte. Es mag sein, dass er nicht der Schöpfer der brillantesten Dramen in der Geschichte der Oper war, aber er war kein „Schreiberling“, und er lieferte Rossini Verse und eine Story, die manchmal „bardisch“ sind (im Sinne von folkloristisch wie Ossians Verse) und Scotts Erzählung sehr eng folgen, auch wenn es einige Änderungen gibt, z.B. bei der Charakterisierung von Elenas Vater Douglas und dem Schicksal des Clanchefs Rodrigo, der bei Scott – anders als in der Oper – bis zum Ende wenn auch schwer verwundet überlebt. […]
Rossinis Musik ist oft ganz innovativ und soll das bardische, volkstümliche Element der Geschichte, die er in Töne gesetzt hat, suggerieren oder die raue Welt der gälischen Krieger oder die Naturszenerie von Wald, Vögeln, Bächen und Seen, die Scott beschreibt, eine Art von Szenenausmalung also, die in der romantischen Musik sehr verbreitet ist, vielleicht angestoßen durch Beethovens Pastorale. […] Aber obwohl Rossinis Musik häufig einen Ausflug in die Romantik darstellt, ist sie ansonsten in Form und Empfindung sehr nahe am 18. Jahrhundert: das weiter entwickelte Erbe von Opernkomponisten wie Händel mit formellen Arien wie z.B. Selbstgesprächen, die exemplarische Emotionen freisetzen, welche die zahlreichen die Handlung vorantreibenden Rezitative unterstreichen. Der größte Teil des 2. Aktes entfaltet sich auf diese Weise, wie eine normale Opera seria. […]
Scotts Erzählung in Gedichtform ist vieles in einem: eine einfache, ziemlich unkomplizierte Mischung aus Abenteuer- und Liebesgeschichte, erzählt in einfachen Paarreimen mit manchmal ausschweifenden Beschreibungen; ein Kompendium schottischer Folklore; Reisewerbung für Schottlands unzählige Schönheiten; eine politische Abhandlung über die Tugenden einer Verbindung zwischen einem englischen (sächsischen) Monarchen und dem schottischen Volk. Mit vielen eingeschobenen Liedern und mit Barden, die diese, begleitet von der keltischen Harfe, singen, ist sie auch sehr „musikalisch“.
Tottolas Libretto ist eine überraschend sinngetreue Wiedergabe von Scotts Geschichte, und seine Verdichtungen sind sinnvoll. Nur ein Beispiel: Die vier oder fünf Barden, die in der Erzählung als Sänger auftreten, werden vereinigt zu einem Chor der Barden. Er musste auch der Notwendigkeit nachkommen, allen Protagonisten eine hinlängliche Anzahl von Arien zu geben, damit diese ihre Kunstfertigkeit zur Geltung bringen konnten. Tottola, dessen Geburtsdatum nicht bekannt ist, starb 1831, doch in vielerlei Hinsicht ist er noch ein Mann des 18. Jahrhunderts. Auch Rossini stand mit einem Fuß im vorhergehenden Jahrhundert, und manchmal ist seine Musik das, was einige italienische Kritiker gerne „reine Musik“ nennen, d.h. losgelöst vom Text oder Kontext einer Geschichte. Derartige Musik gibt es in La donna del lago, aber auch solche, die eine Szene im romantischen Sinne ausmalt. Diesen Stil entwickelte er noch zehn Jahre weiter bis zu seiner letzten Oper Guillaume Tell. Dieses Werk ist ein Monument der Romantik, das wieder in einer wilden alpinen Landschaft angesiedelt ist, doch ich für meinen Teil bin der Meinung, dass der Pesarese am glücklichsten mit der „reinen Musik“ im Stil des verlängerten 18. Jahrhunderts war, der Musik zu Il barbiere di Siviglia, La Cenerentola oder L’italiana in Algeri, die die Welt so liebt.


II) Die Aufführung in Santa Fe
    Ich habe diese Produktion der Santa Fe Opera zweimal – am 17. Juli und 1. August – erlebt. Bei der zweiten Vorstellung hatte es nachmittags ein heftiges Gewitter gegeben, und zu dem Zeitpunkt, als die Aufführung begann, hingen in der Ferne Nebelschleier in den Bergen, die durch die Rückseite der Freilichtbühne sichtbar waren. Für einen Augenblick hätte diese Szenerie Schottland und nicht New Mexico sein können, und es war ein magischer Moment, als Joyce DiDonato von der Rückseite der Bühne auftrat. Doch insgesamt schoss diese Inszenierung am Ziel vorbei.
In einer Anmerkung des Regisseurs im Programmheft lesen wir, dass Ms. DiDonato (Elena) und Paul Curran (Regisseur) übereinstimmend der Meinung waren, dass „eine Aktualisierung des Schauplatzes für diese Inszenierung keine Option war“, und doch wollte Curran dabei „dramaturgische Klischees und Verfälschungen abbauen“: So gab es „nicht überall Schottenmuster, keine malerische, nebelverhangene Moorlandschaft, kein kunstvolles gotisches Gemäuer“. Und – so könnten wir hinzufügen – keinen See. Doch leider ist das Ergebnis ein einmalig hässliches braunes Einheitsbühnenbild auf unebenem Grund, das mehr wie Macbeths „dürre Heide“ als wie Scotts Schottland aussieht oder wie der Blick eines Touristen auf die reizenden Trossachs, wo die Oper angesiedelt ist. An der Stelle im 2. Akt, wo das Libretto nach einem Wald verlangt, kamen Komparsen mit drei abgestorbenen Bäumen auf die Bühne und pflanzten diese in den „Boden“. Jemand hinter mir murmelte: „Das muss Birnams Wald sein“ – noch ein Bezug zu Macbeth.
Man kann sich ausmalen, dass sich Ms. DiDonato nach ihren Erlebnissen in der Titelrolle von drei unseligen, viel kritisierten modernisierten Inszenierungen in Europa nach einer traditionellen Version sehnte. Da gab es ja zunächst 2010 die Genfer/Wiener Regiearbeit von Christof Loy, in der Malcom entweder das (weibliche!) Alter Ego der Heldin oder ihre lesbische Geliebte ist. Elena heiratet dann den König, nachdem sie entdeckt hat, dass ihr(e) Verlobte(r) lesbisch veranlagt (oder sie selbst in einer tieferen Stimmlage?) ist. Diese Umsetzung wurde so rundweg abgelehnt, dass die Primadonna sich veranlasst sah, diese in ihrem Blog zu verteidigen, wobei sie gleichzeitig erklärte, dass sie keinen Einfluss auf das habe, was verrückte Regisseure tun. Danach erlebte man in Paris die Inszenierung von Lluis Pasqual, die in einem Opernhaus spielte, das der klassischen Salle Garnier (wo diese Produktion auf die Bühne kam) ähnelte, mit gewollt alten, abgewetzten Bühnenaufbauten und Figuren in Rüstungen, aber auch (einigen) in Abendkleidung, die wie Opernbesucher in der damaligen Zeit aussahen. Diese Inszenierung, die auch in Mailand zu sehen war, sollte eigentlich in London übernommen werden, wurde aber so sehr verspottet, dass Covent Garden sich für eine eigene Produktion entschied, die fürchterliche Inszenierung von John Fulljames.
Deshalb wählte Curran in Santa Fe einen traditionellen Ansatz und bewies nur, dass eine traditionelle Inszenierung langweilig, ja sogar bizarr sein kann. Nicht nur das Hauptbühnenbild (ohne See weit und breit) war hässlich, sondern auch die zweite Szene, die in Elenas Hütte spielt, und die wie ein mittelalterliches Buswartehäuschen aussah. […] Schauplatz der ersten Szene des zweiten Aktes ist laut Libretto ein dichter Wald mit einer Höhle, hier jedoch diese Heidelandschaft, verunziert durch zahlreiche Spieße, auf deren Spitzen abgetrennte Köpfe zu sehen sind, vermutlich derjenigen, die in der jüngsten Schlacht zwischen König und Hochlandbewohnern erschlagen wurden. In diese grauenhafte Szenerie tritt Giacomo, um sein Liebeslied „Oh fiamma soave“ zu singen. Anscheinend bemerkt er diese Köpfe nicht oder kümmert sich nicht darum, wie unpassend seine leidenschaftliche Liebeserklärung inmitten der Enthauptungsopfer ist. Als Elena für ihr Duett die Bühne betritt, das zum Terzett wird, ist sie auch von diesen abgetrennten Köpfen umgeben, die man kaum übersehen kann, aber meistens gelingt es den drei Akteuren.
Wenn im Finale I die Barden aufgefordert werden, ihren großen von der Harfe begleiteten Chor zu singen, mit dem sie die Krieger, die in die Schlacht ziehen, segnen wollen, kommen sie auf die Bühne gelaufen mit türkisblauen Gesteinsbrocken in den Händen, die aussehen, als wären sie bei einer der weniger bedeutenden Produktionen von Peter Sellers übrig geblieben. Die Barden tragen keine Hemden, sondern sommerliche Gewänder von derselben Farbe wie ihre Felsbröckchen. Sie räkeln sich in einem veralteten, opernhaften Hoochie-Coochie [erotische Tanzform in den USA vom späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert], der nur dann bardenhaft oder schottisch ist, wenn „Barden“ College-Studenten sind, die sich mit schottischem Whisky betrunken haben und sich als Stripper in einem billigen Nachtklub in Marion, Indiana etwas dazuverdienen (für Choreographie zeichnete niemand verantwortlich, und das ist auch gut so). In dieser Inszenierung wird übrigens eine Menge getrunken: Rodrigo lässt sich volllaufen, ebenso Malcom und Duglas – ich schätze, es ist „single malt“.


Die Soldaten schwenken schottische Flaggen mit dem Andreas-Kreuz auf blauem Grund. Das mag historisch zutreffend sein oder auch nicht – mich erinnerte das jedenfalls an die Fußballweltmeisterschaft, und ich glaube, Schottland schnitt beim letzten Mal nicht besonders gut ab. Weil es keinen See gibt, gibt es auch kein Boot, und das ist besser als in der Covent-Garden-Produktion. Dort im Royal Opera House stellten sich nämlich Elena und Uberto, als sie im 1. Akt in einem Ruderboot losfahren sollten, vor das Modell eines Dreimastschoners in einer Glasvitrine. So sieht also „nel piccol legno“ (das im Libretto genannte kleine Boot) aus !

   Die Schlussszene des 2. Aktes in Stirling Castle setzt ein, als der Hofstaat (alle in schönen Kostümen) aus dem Hintergrund auf einem Podium sichtbar wird, die Lichter endlich angehen und die etwas düstere Inszenierung zwar etwas plötzlich aber gerade rechtzeitig für „Tanti affetti“ in hellem Licht erstrahlt. Für die Lichtregie war Duane Schuler verantwortlich – viel hat er nicht gemacht.

   Die Kostüme stammten wie das Bühnenbild von Kevin Knight. Ms. DiDonato sah mit ihren langen roten Haaren und einem schlichten, historisierenden Kleid atemberaubend schön aus, und einer der erfreulichen Momente in dieser Inszenierung ist ihr erster Auftritt im 1. Akt: Sie tritt von hinten auf die Bühne, die den Blick auf den Himmel New Mexicos freigibt, gerade als in der Ferne die echte Sonne über Los Alamos untergeht (nach dem Libretto ist es zwar die Zeit der Morgendämmerung, doch seien wir nicht zu kleinlich!). Sie bückt sich, um ein paar Zweige Heidekraut (vermute ich) zu pflücken, und für einen Augenblick sind wir alle verzaubert. Marianna Pizzolato in der Hosenrolle des Malcom wirkte hingegen in ihrer Nicht-Verkleidung wie eine Matrone mit mehr als einem Kinn, zumal in ihrer außergewöhnlich hässlichen Ausstaffierung aus kariertem Schottenstoff, die ihr Hinterteil betonte. Wenn sie einige Male ihr Schwert zog, löste dies Gekicher im Publikum aus – es passte einfach nicht zusammen.
Mit Ausnahme von DiDonato, die sich in dieser Partitur gut auskennt und die glücklich gewesen sein dürfte, nicht mit einem lesbischen Transvestiten verlobt zu sein, war die Schauspielkunst bei den anderen nur rudimentär und voller opernhafter Klischees. Der aus Schottland stammende Regisseur hat seinem Heimatland mit seiner Vision einer kargen Landschaft ohne See keinen Gefallen getan. Abgesehen von diesen Kritikpunkten schätze ich, dass diese Produktion der Santa Fe Opera besser ist als eine der drei europäischen, die Ms. DiDonato durchlitten hat. Denn wenigstens versucht die Inszenierung meistens dem Libretto zu folgen und nicht dieses neu zu erzählen (Fulljames) oder die Vorstellung zu erwecken, dass es sich um ein in Ehren ergrautes, altmodisches Stück handelt (Pasqual) oder es aus reiner Bosheit zu verfälschen (Loy).
   Und dann ist da natürlich noch der Gesang. Jede Rezension, die ich gelesen habe, hebt Ms. DiDonato in den Himmel, und dies völlig zu Recht. Sie ist die uneingeschränkte Meisterin dieser Musik, viel besser als June Anderson vor zehn oder fünfzehn Jahren oder Frederica von Stade vor dreißig Jahren. Sie ist in absoluter Bestform: Stimmglanz, Spitzentöne, Triller, Fiorituren usw. Und als Krönung des Ganzen ist sie eine schöne Frau von 44 Jahren, die restlos überzeugend eine ungefähr 20 Jahre junge Frau ist und spielt. Wenn ihre Leistung, die ich im Juni von ihr in London erlebte, geringfügig (aber wirklich nur um eine Winzigkeit) besser war als diese in Santa Fe, dann hatte dies vielleicht mit der Höhenluft (knapp 2500 m) oder der Freilichtbühne oder der kühlen Abendbrise zu tun.
   Auch Lawrence Brownlee war sehr gut. Ich vergleiche ihn nur ungern mit Juan Diego Flórez, wahrscheinlich seinem einzigen Konkurrenten in diesem Repertoire, möchte aber doch sagen, dass Flórez immer seine äußerst hohe Tessitura mühelos auszusingen scheint, während man bei Brownlee manchmal merkt, wie schwer dies in Wirklichkeit ist. Er ist hervorragend, schwebt aber nicht wie Flórez mit einer gewissen Nonchalance durch die schwierigsten Passagen. Desgleichen ist Marianna Pizzolato als Malcom sehr gut, doch ihr unbestrittenes Gesangspotenzial erreicht nicht ganz das Niveau von Daniela Barcellona, welche diese Rolle in London sang. Außerdem kann die großgewachsene Barcellona – trotz ihrer ebenso hässlichen Schottentracht – mit weitaus größerer Glaubwürdigkeit einen Mann spielen. Den Rodrigo sang hier in Santa Fe René Barbera, den ich im vergangenen Jahr in der Los Angeles Opera als Prinz Ramiro in La Cenerentola hörte. Auch dieses Mal beeindruckte er mit seinen klangvollen Spitzentönen und sicherer Koloraturtechnik. Doch Rossini komponierte die Rolle des Rodrigo für Andrea Nozzari, einen der größten Tenöre seiner Zeit, dessen stimmliche Möglichkeiten ihm offensichtlich nicht nur kraftvolle Töne im oberen Register, sondern auch im tieferen Bereich erlaubten und er deshalb große Sprünge vom hohen C ins fast baritonale Register machen konnte. Barbera war großartig im oberen Tonbereich und schmetterte seine hohen Cs in Hülle und Fülle im Duell-Duett mit Mr. Brownlee, doch wenn er mit der Stimme nach unten gehen musste, wurde sie immer schwächer. Da er ein junger Sänger ist, wird er wahrscheinlich mit der Zeit sein tieferes Register weiterentwickeln können. Auf der anderen Seite wurde Giacomo/Uberto ursprünglich von Giovanni David gesungen, einem weiteren Spitzentenor, dessen Tessitura duchweg hoch liegt. Dieser Kontrast kann das Terzett „Parla…chi sei?“ im 2. Akt so spannend machen. In London sang Colin Lee den Rodrigo, ein Tenor, der „sowohl hoch wie tief singen kann“, um einen Satz aus Shakespeares Was ihr wollt (II/3) zu zitieren. Wayne Tigges (Duglas) schien mir überfordert zu sein, obwohl er vor kurzem den Pharao in der New York City Opera-Produktion von Mosè in Egitto gesungen hatte.
   Dirigent Stephen Lord schien mir mit seinen Tempi nicht immer genau richtig zu liegen, doch der Chor spielte und sang voller Leben. Diese Produktion benutzte die kritische Partiturausgabe mit Bühnenorchestern an den richtigen Stellen, einschließlich der Einleitungsmusik vor dem überwältigenden Schlussteil des Rondo-Finale „Fra il padre e fra l’amante“.
   Nachdem ich im vergangenen Sommer in Santa Fe Maometto II und vorher viele weitere großartige Inszenierungen von Rossinis opere serie gesehen habe, frage ich mich, warum es für Regisseure so schwer ist, gerade dieses Melodrama werkgerecht auf die Bühne zu bringen. Es heißt, die Metropolitan Opera will diese Santa-Fe-Produktion nach New York bringen, wahrscheinlich 2014/15 zur dortigen Erstaufführung. Ich könnte mir vorstellen, dass das für die viel kleinere Bühne in Santa Fe entworfene Bühnenbild ausgebaut werden müsste – vielleicht kommt ein See hinzu?! Ich hoffe aber auch, dass andere Details verändert werden, bevor die Oper an der Met aufgeführt wird: man sollte sich der bardenähnlichen, blauen Schlängelwesen entledigen und diese lebensechten abgetrennten Köpfe in Opernhäuser schicken, die eine Aufführung der Salome ins Auge gefasst haben. Ich kenne nicht die Namen der für New York geplanten Sänger(innen), aber die Besetzungsliste wird sicher Ms. DiDonato als Titelheldin aufweisen. Sie verdient etwas Besseres als das, was sie bisher bekommen hat; vielleicht wird die Met ihr endlich eine Inszenierung bieten, die ihres Talents würdig ist.
Charles Jernigan (Besuchte Aufführungen: Premiere vom 17. Juli und 1. August 2013)
Bearbeitung und Übersetzung aus dem Amerikanischen von Walter K. Wiertz
(*)Es sei darauf hingewiesen, dass Tottola nicht von Barbaja, sondern von der „Impresa“, also der Theaterleitung spricht. Und da Rossini zu dieser Zeit die Musikalische Direktion der Königlichen Theater innehatte und auch für die Auswahl der Libretti zuständig war, dürfte Tottola Rossini selbst gemeint haben. Vgl. auch «La Gazzetta» 2012, S. 61, Fußnote 46 (Anm.d.R.)
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Anm.: In einem weiteren Bericht im Opera Journal ("Ladies 3; Lakes 0 - August 26, 2013")
befasst sich Charles Jernigan mit Michael Spyres als Rodrigo in der konzertanten Aufführung beim diesjährigen Rossini Opera Festival in Pesaro:

"King James V, disguised as "Uberto," is a high tenor role and his rival, the Highland Chieftain, Rodrigo, is what we might call a bari-tenor, that is a tenor able to sing very high notes but also able to  descend into the baritone register.  Originally the roles were sung by Giovanni David and Andrea Nozzari, respectively.  The bari-tenor is an unusual species today, and although Colin Lee in London managed to sing it, Rene Barbera in Santa Fe had ringing high notes, but his voice faded away when he had to descend into the baritone register.  In Pesaro this year the Rodrigo was Michael Spyres, who hails from Missouri, and who is gaining a major reputation as a tenor in this repertory.  Based on the evidence of this performance, he is a true bari-tenor, able to leap tall buildings at a single bound (excuse me, I got my heroes mixed up)--able to sing high notes with ease and plunge to low ones with a full and resonant voice.  A friend who has a better ear than I do assured me that he reached a "D" above high "C."  At any rate, Mr. Spyres is scheduled to sing the lead tenor role of Arnold in William Tell in Wichita, Kansas, in mid-February, and if I am anywhere close, I will go to see him."

s. auch die Beiträge hier im Blog:

7. September 2013 - Ein erneuter Triumph in London
bei The Last Night of the Proms:
(Peinlich die BBC-Ansage: "Giacomo Rossini")



30. Juni 2013

"Guillaume Tell" und "Ricciardo e Zoraide" - zwei neue Bände der Reihe "Operntexte" der Deutschen Rossini Gesellschaft


 Rechtzeitig zum diesjährigen Festival "Rossini in Wildbad" sind in der von der Deutschen Rossini Gesellschaft herausgegebenen Reihe "Operntexte" die vollständigen Libretti der beiden Rossini-Opern Guillaume Tell und Ricciardo e Zoraide erschienen, zweisprachig und jeweils mit einer ausführlichen Einleitung zur Entstehung des Werks und zur Aufführungshistorie:
 
ISBN 978-3-86583-783-7 | Leipzig 2013, 214 Seiten,
12x19 cm, Klebebindung, € 12,--. Bestellung
Rossini komponierte Guillaume Tell 1828/29 in Paris für die königliche Oper, deren Produktionssystem mehr Musik verlangte, als tatsächlich aufgeführt werden konnte. Vor und nach der Premiere vom 3. August 1829 wurden Stücke gestrichen. Außerdem richtete der Komponist selbst 1831 eine reduzierte dreiaktige Fassung mit einem neuen Finale ein. In dieser Ausgabe der Reihe Operntexte ist der vollständige Wortlaut sämtlicher Musikstücke, wie sie von Rossini vertont wurden, abgedruckt und übersetzt.
 
Die Handlung der Oper:
Um 1300 leiden die innerschweizerischen Gebiete unter dem Joch des österreichischen Landvogts Gessler. Wilhelm Tell verurteilt die Liebe zwischen dem Einheimischen Arnold Melchtal und der habsburgischen Prinzessin Mathilde. Die Ermordung des alten Melchtal wird zum Auslöser der Erhebung der Urner, Schwyzer und Unterwaldner, die unter der Führung von Tell, Arnold und Walter Fürst auf der Rütliwiese über dem Vierwaldstättersee einen Bund schließen. Als Tell bei einem Fest die Verneigung vor Gesslers Hut verweigert, wird er gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Jemmy zu schießen. Obwohl der Schuss gelingt, soll Tell ins Gefängnis überführt werden. Er kann fliehen und den Tyrannen töten. Unterdessen haben Arnold und die Eidgenossen Altdorf von den Besatzern befreit. Die Schweizer feiern die wiedererlangte Unabhängigkeit, und Mathilde bekennt sich zu Arnold und seinen Landsleuten.


ISBN 978-3-86583-784-4 | Leipzig 2013, 134 Seiten,
12x19 cm, Klebebindung, € 8,--. Bestellung
Ricciardo e Zoraide ist Rossinis fünfte „Reformoper“ für Neapel, die dort 1818 Triumphe feierte und von dem Komponisten in Wien und Venedig auch in einaktigen Fassungen präsentiert wurde. Bis Mitte der 1830er-Jahre wurde die Oper regelmäßig gespielt, um dann vollständig von den Bühnen zu verschwinden und nur 1990 und 1996 in Pesaro eine Wiederaufnahme zu erleben. Mit der konzertanten Aufführung in Bad Wildbad 2013 soll dem einstigen Erfolg nachgespürt werden. In dieser Ausgabe der Reihe Operntexte ist der vollständige Wortlaut, wie er von Rossini vertont wurde, abgedruckt und übersetzt.
 
Die Handlung der Oper:
Agorant herrscht zur Zeit der Kreuzritterzüge über Nubien. Er hat Hyrkan, einen Fürsten asiatischer Herkunft, vertrieben, weil ihm dieser die Hand seiner Tochter Zoraide verweigerte. Das Mädchen hat den Vater aus Liebe zu dem Paladin Richard verlassen, ist aber von Agorant entführt worden. Dessen eifersüchtige Gattin Zomira intrigiert gegen Zoraide. Der fränkische Gesandte Ernest verlangt ihre Freilassung, während der als Afrikaner verkleidete Richard sie unter einem Vorwand sprechen kann. Zoraide widersetzt sich weiterhin Agorants Anträgen und soll mit Gefängnis bestraft werden, sofern sich kein Verteidiger findet. Hyrkan stellt sich unerkannt dem Zweikampf, während der verkleidete Richard Agorant vertreten muss. Dieser siegt, wird jedoch von Zomira enttarnt und gefangen gesetzt. Sie verhilft den Liebenden erst zur Flucht und lässt sie dann festnehmen, um sie der Rache des betrogenen Königs auszuliefern. Im letzten Moment können die Kreuzritter Richard befreien, der Agorant das Leben schenkt, während Hyrkan dem Paladin die Hand seiner Tochter gewährt..
  

2. Januar 2013

Maestro Alberto Zedda zum 85. Geburtstag - Sein Buch "Divagazioni rossiniane", vorgestellt von Gianfranco Mariotti

Heute feiert Maestro Alberto Zedda seinen 85. Geburtstag. Ich freue mich, aus diesem Anlass nachstehenden Beitrag veröffentlichen zu dürfen, der demnächst in La Gazzetta erscheinen wird, der Jahreszeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft, deren Ehrenpräsident Alberto Zedda seit vielen Jahren ist. Mit dieser - anlässlich der Präsentation des Buches von Alberto Zedda Divagazioni rossiniane gehaltenen - Rede zeichnet Gianfranco Mariotti, der Intendant des Rossini Opera Festivals in Pesaro, auf bewegende Weise die verschiedenen Facetten von Persönlichkeit und Schaffen Alberto Zeddas. Auf das Erscheinen des Buches in deutscher Übersetzung können wir uns wirklich sehr freuen. Herzliche Glückwünsche, alles Gute, Gesundheit und viele schöne musikalische Erlebnisse! (esg)
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Foto: Vlaamse Opera 2010/11
 
 Divagazioni rossiniane von Alberto Zedda. Buchpräsentation von Gianfranco Mariotti

Am 9. August 2012 präsentierte Gianfranco Mariotti, Intendant des Rossini Opera Festivals, in der Bibliothek „San Giovanni“ in Pesaro das eben erschienene Buch von Alberto Zedda, Divagazioni rossiniane („Rossinische Exkurse“).Auf unsere Anfrage hat Dr. Mariotti seine Rede für unseren Ehrenpräsidenten in Schriftform gebracht, und wir freuen uns, sie hier in deutscher Übersetzung rechtzeitig zu Alberto Zeddas 85. Geburtstag am 2. Januar 2013 abdrucken zu können. Die italienische Originalfassung ist unter www.rossinigesellschaft.de verfügbar. Außerdem bereitet die Deutsche Rossini Gesellschaft eine deutsche Übersetzung des Buches vor, die voraussichtlich Mitte 2013 als Band 8 der „Schriftenreihe“ bei Ricordi München erscheinen wird.

Wie wir alle wissen, gehört jedes Werk der menschlichen Kreativität (ein Buch, ein Gedicht, ein Musikstück, ein Bild, eine Skulptur), wenn es einmal den Kopf seines Schöpfers verlassen hat, dem Publikum: den Lesern, den Zuhörern, den Betrachtern. Ein Roman beispielsweise lebt, wenn die Nabelschnur zu seinem Schöpfer einmal durchtrennt ist, sein eigenes Leben und folgt einem eigenständigen Weg. Sie werden deshalb meine Verlegenheit verstehen, als mir die Aufgabe anvertraut wurde, ein Buch vorzustellen, das den Autor selbst verkörpert – und zudem noch einen Menschen, den ich gut kenne und an den mich eine brüderliche Freundschaft bindet und mit dem ich seit über dreißig Jahren leidenschaftlich ein rossinisches Abenteuer teile. Es fällt mir also schwer, die hier nötige Objektivität und Ausgewogenheit zu finden. Aber ich will es versuchen.

Das erste Merkmal, das an diesem Buch auffällt, ist seine Unausgeglichenheit. Zwar hat es zu Beginn ein Inhaltsverzeichnis, das genau das Gegenteil suggeriert, mit einer Reihe von schön geordneten Abschnitten. Es gibt einen autobiografischen Teil, einen Teil über die Bekanntschaft mit Rossini, einen zu den Fragen der rossinischen Vokalität, zu jenen der Aufführungspraxis, zu musikwissenschaftlichen Aspekten, Ratschläge für die Jungen, Betrachtungen in Form von Aufsätzen zu vierzehn Rossini-Opern. Aber es genügt eine erste Durchsicht, um sich bewusst zu werden, dass keiner dieser Abschnitte wirklich eigenständig ist, vielmehr berührt einer den anderen, und sie verflechten sich ständig. Man muss hinzufügen, dass sich der Autor des Problems vollkommen bewusst ist, wenn er gleich zu Beginn relativiert und daran erinnert, dass es sich eben um „Exkurse“ handelt, also um Notizen, um Gedanken und Ideen, die im Laufe der Zeit, in verschiedener Weise und zu unterschiedlichen Gelegenheiten entstanden sind, und wenn er anfügt, man solle beachten, dass es deshalb möglich sei, auf Wiederholungen, Ungenauigkeiten und sogar Widersprüche zu stoßen. Soweit, so klar? Nein. So wie Polonius angesichts von Hamlets Eigenartigkeiten ausruft: „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode“, so könnte ich sagen, dass der Mangel an Systematik in diesem Buch nicht nur von seiner Entstehungsgeschichte, vom Zufall oder von den Umständen abhängt, sondern von etwas Tiefgreifenderem und Grundsätzlicherem, das direkt dem Autor angehört. Kurz und gut: Es hat Methode. Tatsächlich erscheint Alberto Zedda in diesem Buch genau wie im Leben als ein Mensch mit drei Dimensionen: jener des Dirigenten, jener des Musikologen und jener des Lehrers. Grundsätzlich ist es so, dass er immer und jederzeit diese drei Dinge gleichzeitig ist. Es wäre ungerecht, aber auch unmöglich, Zedda nur unter einem dieser drei Aspekte zu betrachten. Das Resultat würde immer geringer als die Wirklichkeit ausfallen, denn es ist dauernd diese Dreieinigkeit, die seine Charakteristik und seine Stärke bildet. Alberto ist ein gebildeter Dirigent, mit einem reichen humanistischen Hintergrund, aber auch fähig eine Partitur mit der Kompetenz des Spezialisten zu handhaben. Im Weiteren ist er kein pedantischer Musikologe, sondern einer, der in der Lage ist, die Fragen des musikalischen Textes mit der Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand des praktizierenden Musikers anzugehen. Er ist schließlich ein großherziger Lehrer mit der Bereitschaft, den Jungen vor allem auf dem Gebiet des Belcanto die eigenen umfassenden Erfahrungen aus diversen Gebieten weiterzugeben. Die Unentwirrbarkeit dieser drei Dimensionen widerspiegelt sich in diesem Buch, und sie ist der wahre Grund für dessen Unausgeglichenheit. Wenn man einen schwülstigen Vergleich machen wollte, könnte man sagen, dass Zedda einem Künstler der Renaissance gleicht, der sich für alles interessiert und in unterschiedlichen Disziplinen brilliert. Wenn wir uns hingegen auf einen volkstümlicheren und banaleren Vergleich beschränken wollen, so könnten wir ihn mit einem Skifahrer vergleichen, der immer in der Kombination gewinnt…

Alberto Zedda bezeichnet sich gerne als „Dilettanten“, der es aber verstanden habe, Profi-Ergebnisse zu erzielen. Das ist offensichtlich eine Koketterie, aber sie enthält wie alle Paradoxe eine gewisse Wahrheit. Und in der Tat, wenn wir sehen, was der Autor über seine Erfahrungen erzählt, so erkennen wir, dass wir nicht weit von der Wahrheit entfernt sind. Doch hören wir seine eigenen Worte:
Mein kultureller Werdegang verlief eher ungewöhnlich. Statt in den Hörsälen der Universität und im Konservatorium, erfolgte er im Loggione der Scala und im Piccolo Teatro, in der Casa della Cultura und in der Società Umanitaria – also an Orten, wo damals begeisternde Diskussionen stattfanden, die in der Regel bei Jazz-Sessions im Santa Tecla, intellektuellen Mußestunden im„Giamaica“ und kräftigen Umtrünken im Cantinone endeten. […]

Ich habe mit allem experimentiert, jede Erfahrung mit leidenschaftlichem Eigensinn aufgesaugt: die religiöse Mystik, die erotische Exaltation, die Leidenschaft für das Schachspiel, die Schauspielkunst, die proletarische Arbeit, die rebellische Illegalität, Politik und Gewerkschaft, die kulturelle Debatte, die Suche nach Neuem, die Entdeckung des Alten – das Ganze bereichert durch eine unbändige Lesewut, die vor keinem Thema haltmacht. Ich bin also ein ‚Dilettant‘(im ursprünglichen Sinn des Wortes, d.h. jemand, der sich an allen Erfahrungen erfreut), der hart dafür gearbeitet hat, um in seinem Wirken eine tadellose Professionalität zu erreichen.
Objektiv gesehen ist keine seiner Laufbahnen wirklich linear und keine folgt einem kanonischen Studium und normalen Erfahrungen. Die Leidenschaft, die unerwarteten Ereignisse, manchmal der Zufall, das sich nicht Zufriedengeben mit einer Sache, das sich Zuwenden zu einer neuen Sache, ohne eine vorherige zu Ende zu führen – die plötzlichen Impulse beherrschen ihn, aber nur scheinbar: Die Resultate – auf allen Gebieten – erreichen immer wieder die Vollkommenheit, obwohl die Anhäufung vieler gleichzeitiger Dinge oft zu Überlappungen und Durcheinander führt. Wahrscheinlich ist es eine starke Egozentrik, die dieser scheinbaren Unordnung einen Sinn gibt. Die Ursache von all dem ist eine bemerkenswerte Entfaltung von Energie, die der eigenen Leidenschaft, dem eigenen Verlangen, den eigenen Trieben dient.

Aber betrachten wir ein Beispiel, das mir besonders typisch für all das Gesagte erscheint und das ich dem Buch entnehme. Bekanntlich hat Rossini 1867, ein Jahr vor seinem Tod, die Petite Messe solennelle für großes Orchester instrumentiert, nachdem er sie vier Jahre zuvor für eine Kammerbesetzung komponiert hatte. Seltsamerweise wird aber das Prélude Réligieux, das in der ursprünglichen Version dem Klavier solo anvertraut war, nicht orchestriert, sondern der Orgel übertragen, und zwar einer großen Domorgel, eine Voraussetzung, die in der Wirklichkeit oft nur schwer zu realisieren ist. An diesem Punkt (S. 115) bemerkt Zedda:
Es kommt so zu einem radikalen, ja peinlichen Klangkontrast: Während der acht Minuten des Prélude Réligieux und der vier des darauf folgenden „Sanctus” für Chor und Soli a cappella schweigt das Orchester; seine Instrumente ertönen dann nur noch einmal in den letzten beiden Nummern […]. Das daraus resultierende klangliche Ungleichgewicht ist derart gewaltig, dass das gesamte Werk dadurch aus der Balance gerät und in Hörer und Interpret ein vages Gefühl der Unvollendetheit entsteht […].

Einer der Gründe, die Rossini dazu bewogen haben könnten, das Prélude Réligieux gar nicht zu instrumentieren bzw. seine Orchestration auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, bestand vielleicht in einem technischen Problem: Die Exposition des Prélude beruht auf einem fugierten Thema, das nach klassischer Tradition eigentlich von einem einzigen Instrument ausgeführt werden sollte. Abgesehen jedoch von wenigen Streichinstrumenten wäre aufgrund seines ungewöhnlich großen Tonumfangs keines der übrigen von Rossini zur Orchestrierung seiner Werke verwendeten Instrumente in der Lage gewesen, das gesamte Thema durchzuführen. Wäre nicht sein Tod dazwischengekommen, dann hätte der Maestro wahrscheinlich auf ein entsprechend umfunktioniertes Bassetthorn (oder eine Bassettklarinette) zurückgegriffen. Heute lässt sich die Passage optimal mit einer Bassklarinette (oder einem Tenorsaxophon) bewältigen, die diesem sublimen Stück zudem die richtige Ausdrucksfarbe verleiht. Deshalb habe ich mir nach Jahren des Zögerns in aller Bescheidenheit erlaubt, es anstelle von Rossini zu instrumentieren, der mir diesen mutigen Liebesbeweis aber bestimmt verzeihen wird.
Es ist also Zedda selbst, der kühn, aber mit guten Argumenten das himmlische Prélude, das ursprünglich der Orgel überlassen wurde, für ein großes Sinfonieorchester instrumentiert. Ich füge an, dass die Petite Messe für Orchester in dieser Fassung auch einmal in Pesaro mit einem faszinierenden und überzeugenden Resultat aufgeführt wurde. Nun frage ich mich, und ich frage Sie: Welcher Zedda agiert in dieser Episode? Der Dirigent? Der Musiker? Der Musikologe? Der Korrepetitor? All dies zusammen?

Wenn wir dieses Buch als authentisches Zeugnis, als Dokument eines Lebens betrachten (und das ist es), dann müssen wir daraus schließen, dass all diesem ein widersprüchlicher Kern, ein Oxymoron zugrunde liegt, eine Mischung aus Großzügigkeit und Egoismus, zwei Kategorien, die natürlich nicht materiell zu verstehen sind, sondern vielmehr ideell oder metaphysisch. Was den ersten Punkt betrifft: Alberto lebte und lebt ein großherziges Dasein, das von der Bereitschaft gekennzeichnet ist, den anderen viel von sich zu geben, namentlich den jungen Künstlern, wie dieses Buch selbst bezeugt. Um diese Charakteristik zu verstehen, muss man ihn bei der Arbeit in den Kursen der Accademia Rossiniana erlebt haben, muss man ihn gehört haben, wie er mit seiner sintflutartigen und überbordenden Eloquenz die Schüler überrollt, um sie zu bezaubern, zu überraschen, zu informieren, zu korrigieren, zu beschimpfen, zu beschwichtigen, zu erhellen, zu überzeugen… Ein echtes Gewitter, vermischt mit wertvollen technischen Ratschlägen, geschmackvollen Bemerkungen, einschlägigen Hinweisen, das die Schüler schließlich gereinigt und verändert und jedenfalls mit einer bleibenden Dankbarkeit dem Maestro gegenüber für das unvergessliche Bildungserlebnis von Pesaro zurücklässt. Hören Sie dazu folgende Passage aus dem Buch:
Es wird nicht genügend beachtet, dass es einer umfassenden kulturellen Aus- und Fortbildung bedarf, die sichüber die rein auf die Musik ausgerichteten Gebiete hinaus erstreckt. Ohne eine entsprechende Neugier kann man aber nicht den ständigen Wandel der Interpretationsmodelle wahrnehmen, die jede neue Generation wieder in Frage stellt. Kritiker prüfen täglich die in den Opernhäusern und Konzertsälen bestehenden künstlerischen Tendenzen und analysieren sie unter der Lupe der Aktualität; Musikwissenschaftler untersuchen die Entdeckungen grundlos vergessener Nachlässe und fördern deren Neubelebung, indem sie Hinweise zu einer passenden Aufführungspraxis erteilen; Gesangsexperten verfeinern die Techniken, um den Anforderungen gerecht zu werden, die die wiederentdeckten Werke stellen; Komponisten riskieren es, bei der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksmitteln auf Unverständnis zu stoßen; Organisatoren von Festivals und Konzerten suchen nach Kommunikationsformen, die den Zuspruch eines jungen Publikums finden. Der Opernsänger darf hier nicht am Rande des Geschehens verharren, als ginge ihn das Ganze nichts an: Er weiß nicht, welch großen Nutzen er aus all diesen Erkundungen ziehen kann, wie viele Anregungen, wie viele Anstöße zur Bewältigung seiner jeweiligen Probleme. Denn auch das Singen ist eine geistige Aktivität und kommt von daher nicht ohne gründliches Nachdenken aus.Es wird für ihn eine angenehme Überraschung sein, festzustellen, wie viele Schwierigkeiten sich durch Intelligenz und Bildung aus dem Weg räumen lassen.
Was den Egoismus Zeddas betrifft, so handelt es sich – natürlich –um eine Haltung, die auf Ichbezogenheit und einer gehörigen Portion Selbstwertgefühl basiert, aber vor allem auf der Vorherrschaft und der Unbezwingbarkeit des Verlangens, verbunden mit einer geringen Bereitwilligkeit zum Verzicht. Dieses alles Verlangen und auf nichts Verzichten widerspricht natürlich jedes Mal der wirklich zur Verfügung stehenden Zeit und ist Ursache für Kollisionen, Überlappungen und Nichteinhaltungen. Das Merkwürdige dabei ist, dass dies nicht nur bei den großen Unternehmungen geschieht, sondern auch in den kleinen und alltäglichen Dingen, ob bei einem Museumsbesuch, einem Ausflug zu einem Aussichtspunkt oder selbst bei einem mehrgängigen Menü. Aber ich möchte ein anderes Beispiel anführen, das indirekt, aber vielsagend eine typische Form von Albertos metaphysischem Egoismus aufzeigt, nämlich die unbezähmbare Neigung zur Abschweifung. Ich habe bereits seine überbordende und unaufhaltsame Eloquenz erwähnt. Wenn er also spricht, bildet sich in seinem Gehirn manchmal eine Parenthese, die auf ein kleines Detail anspielt. Jeder andere würde zügig fortfahren, um den Faden nicht zu verlieren. Er nicht. Er geht auf die Klammer ein und fährt dann zuversichtlich fort, aber nicht immer findet er die Hauptlinie wieder, ja oftmals kommt er davon ab und verliert sich. Das ist, wie mir scheint, ein Beispiel seiner mangelnden Bereitschaft, selbst auf kleinste Details zu verzichten.

Der letzte Teil ist den Betrachtungen des Bildungsmenschen (natürlich immer in seiner Dreieinigkeit) rund um vierzehn rossinische Werke gewidmet. Es handelt sich um eine wahre Fundgrube von anregenden Bemerkungen, die ich hier nicht einmal zusammenzufassen versuche. Aber eine möchte ich zitieren, bezüglich Tancredi, weil sie selbst mich, der ich mit Alberto solche Themen unzählige Male diskutiert habe, überrascht hat. Bekanntlich hat Tancredi zwei Finali: das ursprüngliche, glückliche Ende, das Rossini 1813 für Venedig komponiert hat, und das tragische, das er im gleichen Jahr für die Wiederaufnahme in Ferrara geschrieben hat, wohl auf Anregung des Grafen Luigi Lechi, bei dem er zu Gast war. Es ist auch bekannt, dass der Oper ein Libretto zugrunde liegt, das von Absurditäten gekennzeichnet ist, wo die verliebten Hauptpersonen, Tancredi und Amenaide, Opfer eines tragischen Missverständnisses sind, das sie bis zum Schluss nie klären, obwohl sie viele Gelegenheiten dazu hätten. Daraus entsteht ein beklemmendes Klima, ein Albtraum, ähnlich den Träumen, die jeder von uns manchmal hat, in dem eine absurde Situation auf die andere folgt, ohne dass man je zu einer Auflösung kommt. Die Geschichte sagt, dass das tragische Finale wegen seiner ungewohnten, nüchternen Schmucklosigkeit das Publikum befremdet habe, zeigte es doch statt des üblichen schmerzlosen Schlusses eine tiefschürfende Sterbeszene mit wenigen essentiellen Noten im diminuendo, ein wahrhaftiges Aushauchen der Töne in der Totenstille (Fedele D’Amico schrieb seinerzeit wunderschön in unserem Programmheft:„man glaubt die Entstehung der Stille mittels der Musik selbst hören zu können“). Die Geschichte des Autographs erzählt uns Zedda in seinem Buch. Rossini, der von der Ablehnung des Publikums Kenntnis genommen hatte, griff wieder auf das glückliche Ende zurück und ließ das andere fallen; seine Spuren verlieren sich, und es galt für anderthalb Jahrhunderte als verloren. Die Nachfahren von Luigi Lechi haben es in den 1970er-Jahren in dessen Nachlass gefunden und Zedda zur Kenntnis gebracht, der es großzügig Philip Gossett überließ, dem Herausgeber der kritischen Edition von Tancredi. Dies erlaubte dem ROF, die Oper 1982 erstmals mit dem unveröffentlichten tragischen Ende aufzuführen, und zwar mittels eines Regieeinfalls sogar mit beiden Finali hintereinander (und man erlaube mir hier, die Verantwortung für die ursprüngliche Idee dieser eigenwilligen Lösung zu übernehmen). Es steht außer Zweifel, dass für unsere Kultur und unseren heutigen Geschmack das tragische Ende in ästhetischer Hinsicht als schöner, moderner, eindrucksvoller und bewegender betrachtet wird, und es ist auch dasjenige, das heute fast immer vorgezogen wird. Es bleibt die Verwunderung über eine so drastische und konsequente Lösung Rossinis. Zedda spricht in seinem Buch an zwei Stellen davon, die sich teilweise widersprechen. Die erste findet sich auf Seite 18, wo er sagt, dass dieses Stück
[…] mit beeindruckender Wahrhaftigkeit die Tragödie des Sterbens erfasst. Der Klang, die Musik, die Stimme erlöschen ganz allmählich, bis sie schließlich die kosmische Leere erreichen, das Nichts. Rossini muss dieses bittere Bekenntnis eines agnostischen Pessimismus selbst so erschüttert haben, dass er es bei späteren Reprisen nicht mehr in die Oper einfügen wollte. Gegen seine Gewohnheit ließ er das autographe Manuskript in den Händen seines Inspirators, der es dann, vielleicht dem Willen seines Gebers entsprechend, vor aller Welt verborgen hielt.
Aber später, auf Seite 172, stellt er eine anderslautende und eindringlichere Überlegung an, wenn er bemerkt, dass Rossini bei der Erfüllung von Luigi Lechis Wunsch…
[…] zwar eine intellektuell tadellose Operation ausführt, mit dieser sinnvollen Geste aber der versteckten Traumlogik widerspricht und ihren morbiden Zauber stört. […] Mit unfehlbarem theatralischem Gespür erkennt er, dass dieses konkrete Bild, dieser logische Schluss mit der Mysteriosität kollidiert, die das Handeln seiner Verliebten umgibt. Im Nachhinein verwirft er so seinen Eingriff und kehrt zu dem glücklichen Finale zurück, das – gerade wegen der evidenten Absurdität des Handlungsgeschehens – wie das beruhigende Erwachen aus einem Albtraum klingt.
Es stimmt, und ich gestehe, dass ich das nie in Erwägung gezogen habe. Das tragische Finale ist sicher schöner, aber es löst nicht, sondern verlängert vielmehr die beklemmende Widersinnigkeit, die das Merkmal dieser Oper ist. Das glückliche Ende dagegen, obwohl musikalisch weniger wertvoll, wirkt tatsächlich wie das „beruhigende Erwachen aus einem Albtraum“ und ist deshalb paradoxerweise in theatralischer Hinsicht viel schlüssiger als das andere. Nun müssen Sie wissen, dass dieses Buch voll von solchen erhellenden Betrachtungen ist, weshalb ich es Ihnen zur Lektüre empfehle.

Ich komme zum Schluss. Ich habe zuvor von Zeddas Energie gesprochen. Da gibt es auch eine ganz spezielle, diejenige, die die Spanier mit duende bezeichnen und die nur wenige besitzen; etwas, das niemand definieren kann, aber das alle kennen, nämlich eine verhüllte Energie, ein Charisma, eine Tiefe, ein positiver Dämon oder – um es mit Garcia Lorca zu sagen – „eine geheimnisvolle Macht, die jeder fühlt, aber kein Philosoph erklärt“ (Theorie und Spiel des Dämons, 1933). Also, wenn Sie es wissen wollen: Alberto ist voll von duende. Ich beschränke mich auf ein Beispiel. Vor einigen Jahren sollten wir beim Rossini Opera Festival La scala di seta zur Aufführung bringen, als der verpflichtete Dirigent plötzlich eine Krise hatte und uns nach der Generalprobe im Stich ließ. Wir hatten keine andere Wahl als auf die beiden Dirigenten, die vor Ort waren und zum Glück die Partitur kannten, zuzugehen und sie zu bitten, das Dirigentenpult abwechselnd zu übernehmen. Einer der beiden war Alberto Zedda. Ich füge hinzu, dass beide Dirigenten keine Gelegenheit hatten, mit dem Orchester zu proben. Als es soweit war, zeigte sich, dass hinsichtlich der Klarheit und Präzision der Zeichengebung der andere Dirigent besser zu dirigieren schien, aber dennoch fiel das Ergebnis anders aus: das Orchester spielte besser unter Alberto. Es hatte eine andere Brillanz, einen anderen Elan, ja selbst eine andere Klangfarbe. Eine Frage von Kommunikationsfähigkeit und Erfahrung, sicherlich; aber ich glaube vor allem eine Frage von duende!

Übersetzung von Reto Müller. Die Übersetzung der Buchzitate stammt von Marcus Köhler

© Deutsche Rossini Gesellschaft e.V.
Auszug aus «La Gazzetta», Zeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft, XII, 2012

Alberto Zedda, Divagazioni rossiniane, Mailand, Ricordi 2012, 196 Seiten, kartoniert, ISBN 978-88-7592-921-3, € 18,00.
Deutsche Übersetzung von Marcus Köhler
in Vorbereitung: München, Ricordi 2013 (=Schriftenreihe der Deutschen Rossini Gesellschaft, 8).

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Und hier meine ganz persönlichen Glückwünsche,
verbunden mit einem Auszug aus meiner Aufführungs-Datenbank:

Zum Vergrößern bitte anklicken!


Eine kleine Geschichte am Rande:
In den frühen 1980er-Jahren dirigierte Alberto Zedda des Öfteren an der Hamburgischen Staatsoper. Bei anderen Dirigenten gab es auch damals die - leider auch heute noch - üblichen Striche beim Barbiere di Siviglia, - nicht aber, wenn Alberto Zedda am Pult stand! In einer dieser Vorstellungen wähnte sich der Sänger des Conte Almaviva bei der Cabaletta des Duetts Figaro/Almaviva "All' idea di quel metallo" schon auf der Zielgeraden und wirkte leicht verwirrt, als es noch weiterging, - er fand aber schnell wieder den Anschluss...
 
 
Mehr zu Alberto Zedda hier im Blog:
 
 
Diverse Aufführungsrezensionen über die Rubrik