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8. Juli 2014

Rossinis Reminiszenz an Beethoven - Musikalische Zitate in "Semiramide"

"Hör dir bitte mal an, was ich zufällig entdeckt habe, das kennst du bestimmt auch", - und dann bekam ich Klaviermusik zu hören, und plötzlich... nur wenige Takte, aber die kamen mir sehr bekannt vor. Eindeutig Rossini! Selbstzitat? Nein, ich hörte eine etwa 1802 komponierte Klaviersonate von Ludwig van Beethoven!

(Die Fundstelle beginnt bei etwa 8:30)

Und so klingt das Zitat in Rossinis Semiramide 
in der Orchestereinleitung zur Arie "Bel raggio lusinghier":

(Die Fundstelle beginnt bei etwa 1:20) 

Rossini komponierte Semiramide 1823. Im Jahr zuvor hatte er sich in Wien zur Aufführung seiner Oper Zelmira aufgehalten. Ob er dort Beethoven tatsächlich besucht hat, ist umstritten. Berichte über ein angeblich sogar relativ ausführliches Gespräch mit dem immer wieder behaupteten Rat, Rossini solle noch viele Barbieres machen, scheinen nicht sehr glaubhaft; im Internet nachzulesen ist z. B. dieser Passus aus dem Buch von Jan Caeyers "Beethoven: Der einsame Revolutionär" (S. 667):

 (zum Vergrößern bitte ins Bild klicken)

Realistischer dürfte sein, was Ferdinand Hiller in seinen Aufzeichnungen "Plaudereien mit Rossini" notiert hat: 
[Rossini:] «Richtig. Welch eine Kraft, welch ein Feuer wohnten in diesem Manne! Welche Schätze enthalten seine Clavier=Sonaten! Ich weiß nicht, ob mir dieselben nicht noch höher stehen, als seine Sinfonien; es ist vielleicht noch mehr Begeisterung darin. - Haben Sie Beethoven gekannt?»
«Ich hatte das Glück, ihn als Knabe noch wenige Wochen vor seinem Tode zu sprechen,» - erwiderte ich.
«Während meines Aufenthaltes in Wien,» erzählte Rossini, «habe ich mich durch den alten Calpani bei ihm vorstellen las­sen; aber bei seiner Taubheit und meiner Unkenntniß der deut­schen Sprache war kein Gespräch möglich. Ich freue mich, ihn wenigstens gesehen zu haben. 
(zitiert nach der Ausgabe in der Schriftenreihe der Deutschen Rossini Gesellschaft, Band 1)


Einen dieser "Schätze" aus Beethovens Klaviersonaten finden wir also in Semiramide wieder. Einfach nur geklaut? Nein, ich glaube, das ist als wirkliche Reminiszenz an den verehrten Meister gemeint. Rossini kannte und verehrte die Werke von Mozart, Haydn und Beethoven, - nicht von ungefähr kommt sein Spitzname "il tedeschino" - der kleine Deutsche.


In Semiramide ist übrigens auch ein überraschendes Wiener Souvenir zu hören: das Volkslied "Freut euch des Lebens", angeblich Metternichs Lieblingslied... Hierüber berichtet Guido Johannes Joerg ausführlich in seinem Beitrag "Zur Verwendung des Volkslieds 'Freut euch des Lebens' in den Werken Gioachino Rossinis" in "Gazzetta - Mitteilungen der Deutschen Rossini Gesellschaft" 1/1992. Ein Auszug hieraus:


In der Introduktion der Ouvertüre wird dieses Thema erst von den Hörnern vorgestellt, die es dann auch - von den Streichern umspielt - weiterführen. Im weiteren Verlauf der Oper wird diesem Hömerthema noch eine entscheidende Bedeutung zuteil, da es ohne nennenswerte Veränderungen an gewichtiger Stelle innerhalb des ersten Finales - welches hier (wie meist in Rossinis Opern) Höhepunkt der Ent- und Verwicklung ist - zitiert wird: in dem Quintett «Giuri ognuno, a' sommi Dei». ... Als meisterhafter Beherrscher der motivisch­thematischen Arbeit fand Rossini immer neue und originelle Möglichkeiten der Ver­wandlung gleichen musikalischen Materials. So veränderte er (indem er die langge­haltenen Notenwerte zu schnell wiederholten Tonrepetitionen und fioriturenhaften Tonumspielungen aufspaltete) auch das Hörnerthema mit kleinen Mitteln, aber großer Wirkung, und benutzte es in dieser Form als (erstes) Hauptthema der Sinfonia. Dieses Thema, das wiederum einen deutlich anderen Charakter als die Vorlage aufweist, er­scheint ebenfalls an gewichtiger Stelle innerhalb der Oper wieder, und zwar in dem Männerchor «Un traditor, con empio ardir» im Finale des zweiten Aufzugs. Dort wurde es aber nicht einfach zitiert, sondern durch den Wechsel des geraden in ein ungerades Metrum neuerlich geschickt verändert. 




Zum Thema Reminiszensen auch der Blog-Beitrag 

28. Oktober 2013

SEMIRAMIS-OPERN AUF CD: Rossinis "Semiramide" aus der Vlaamse Opera unter Alberto Zedda und vom Festival Rossini in Wildbad unter Antonino Fogliani / Semiramis in Opern von Catel und Meyerbeer


"Semiramide", uraufgeführt 1823, ist Rossinis letzte und die vollkommenste seiner italienischen dramatischen Opern, und wenn Alberto Zedda dieses Meisterwerk dirigiert, ist dies für die Deutsche Rossini Gesellschaft willkommener Anlass, dort die Jahreshauptversammlung oder ein Mitgliedertreffen zu organisieren, um ihren Ehrenpräsidenten live zu erleben und nach der Aufführung zu treffen, - so zu Aufführungen von "Semiramide" 2001 an der Opéra Royal de Wallonie in Liège (Lüttich), 2003 an der Deutschen Oper Berlin und zuletzt 2011 an der Vlaamse Opera in Gent. Von dieser Aufführungsserie in Gent (und Antwerpen) ist nun eine Aufnahme auf CD erschienen, - neben dem Mitschnitt vom Rossini Opera Festival in Pesaro 1992 die einzige auf CD dokumentierte "Semiramide" in der Interpretation von Alberto Zedda.



Die nachfolgende CD-Rezension von Julia Poser wird im nächsten Mitteilungsblatt der DRG erscheinen:

Zeddas bezwingende Interpretation

Die Mitglieder der Deutschen Rossini Gesellschaft, die im Januar 2011 in Gent eine musikalische Sternstunde mit Semiramide unter Alberto Zedda erlebten, können sich jetzt auf eine Einspielung der Oper auf CD freuen. Die Firma Dynamic hat den Mitschnitt aus Gent kürzlich herausgebracht und so kann man zuhause noch einmal die Schönheit der Musik Rossinis unter der Stabführung ihres begnadeten Dirigenten genießen. Keine Striche – jeder einzelne Takt wird von dem dreiundachtzigjährigen Maestro mit geradezu jugendlichem Feuer gebracht. Über vier Stunden entwickelt er eine klare Gestaltungskraft und so erlebt man eine unübertreffliche Wiedergabe dieser letzten großen italienischen Oper Rossinis.

          Das hochmotivierte Symphonie Orchester der Vlaamse Oper musiziert unter Zeddas Leitung kraftvoll und spannungsreich, hält den großen Bogen von der Ouvertüre bis zum jubelnden Schlusschor „Adori il novello suo re“ mit nie nachlassendem Elan.

          Die drei Hauptpartien sind glänzend besetzt. Myrto Papatanasiu singt die babylonische Königin mit glockenreinen Spitzentönen, sicheren Koloraturen und bewältigt gesanglich den Wechsel von der verliebten Frau zur schuldbewussten Mutter mit erschütternder Intensität. Ann Hallenberg überzeugt mit volltönendem Mezzo als Arsace. Von besonderer Schönheit sind die Duette der beiden Sängerinnen in „Alle piu care imagini“ und in „Giorno d’orror“, in denen die Stimmen in wunderbarer Harmonie zusammenfinden. Josef Wagner als ruchloser Königsmörder kann mit sonorem schwarzem Bass prunken . „Egli geme, egli smania, sospira“ kommentiert der Chor seine Wahnvorstellungen, die er mit kraftvollen Koloraturen besingt. Robert McPherson erreicht nicht ganz das hohe Niveau der drei Protagonisten. Die zwei anspruchsvollen Arien des indischen Königs Idreno bewältigt der Tenor mit Anstand, aber ohne besondere Leuchtkraft. Igor Bakan (Oroe), Julianne Gearhart (Azema), Eduardo Santamaria (Mitrane) und Charles Dekeyser (Stimme des Nino) ergänzen die Einspielung. Hervorragend bewährt sich der Chor der Vlaamse Opera.

          Auf dem Aufdruck der CDs wird man an die schauderhafte Regie und die hässlichen Kostüme von Nigel Lowery erinnert, aber die sieht man beim Anhören zum Glück nicht.

Semiramide Dynamic CDS 674-1-3, 3 CDs (74'04), (76'11), (79'17), Aufnahme aus Gent 11. Januar 2011, Etwas mageres Beiheft: ital.-engl. Aufsatz von Danilo Prefumo, kurze Inhaltsangabe ital.- engl. ohne Tracks, Namen der Orchestermusiker und des Chors, keine Biographien der Solisten.

Julia Poser
Einen Eindruck von der Inszenierung bietet das

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Auch beim Festival "Rossini in Wildbad" gab es 2012 Aufführungen
von Rossinis "Semiramide", dirigiert von Antonino Fogliani.
Der Mitschnitt ist nun bei Naxos auf CD erschienen.

 
Aufführungsbericht hier im Blog und CD-Rezension bei Opera Lounge.

Eine Einführung in das Werk und das komplette Libretto (Italienisch / Deutsch)
bietet Band 34 der von der DRG herausgegebenen Reihe "Operntexte":


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Episoden aus dem Leben der babylonischen Königin Semiramis wurden auch bereits vor Rossini von zahlreichen anderen Komponisten als Opernstoff gewählt. Zwei m. E. sehr lohnende Raritäten wurden bei Festivals aufgeführt und sind als CD-Mitschnitte erhältlich: zum einen "Sémiramis" von Charles-Simon Catel (1802) aus Montpellier vom Festival de Radio France 2011 unter Hervé Niquet (und mit einer fulminanten Maria Riccarda Wesseling in der Titelpartie), zum anderen "Semiramide riconusciuta" von Giacomo Meyerbeer vom Belcantofestival Rossini in Wildbad 2005 unter Richard Bonynge:

Maria Riccarda Wesseling, Gabrielle Philiponet, Mathias Vidal,
Nicolas Courjal, Andrew Foster-Williams, Nicolas Maire


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Nachtrag (7. 8. 2014)






31. Juli 2012

"Rossini in Wildbad" 2012: "Semiramide" ungekürzt und mit erstklassigen Solisten

Rossinis Semiramide ungekürzt - das bedeutet großes Durchhaltevermögen für alle Beteiligten. Der erste Akt dauert rekordverdächtige 2:15 Stunden, der zweite Akt dann noch einmal annähernd zwei Stunden, aber bei einer Aufführung "aus einem Guss", wie sie in Bad Wildbad zu erleben war, kann sogar bei einer derart langen konzertanten Aufführung die Zeit wie im Fluge vergehen. Um der Handlung folgen zu können, enthielten die zweisprachigen Übertexte auch die Szenenangaben zum jeweiligen Ort des Geschehens und zu den handelnden Personen.

Die am 3. Februar 1823 am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführte Semiramide ist Rossinis Abschied von der italienischen opera seria und zugleich deren Höhepunkt. Und es ist die einzige für Venedig geschriebene Oper Rossinis, die - entgegen der üblichen Regel - mit einer Tötung enden durfte. Nur wenige Wochen zuvor hatte Rossini noch seinen Maometto II für die Aufführung am Teatro La Fenice umschreiben und mit einem glücklichen Ende versehen müssen, sogar sein Otello hatte für Venedig ein Happy End erhalten müssen...

Die Oper besteht aus nur dreizehn Nummern von teils beträchtlicher Länge. Durch die opulent instrumentierten Rezitative und die zahlreichen Einwürfe des Chores bei Arien und Duetten entsteht sogar der Eindruck einer weitgehend durchkomponierten Oper. Abgesehen von zwei kleineren Passagen hat Rossini keine Selbstanleihen aus anderen Werken vorgenommen, sondern für Semiramide neue originale Musik geschaffen. Und wenn man in der Ouvertüre die Melodie von "Freut euch des Lebens" zu erkennen meint, so ist das keineswegs abwegig; denn Rossini soll einer Anekdote zufolge Metternich zuliebe dessen Lieblingsvolkslied eingearbeitet haben...

Ich hatte das Glück, Semiramide bereits zuvor mehrmals in teils exquisiten Besetzungen zu hören:
1983 und 1985 in Hamburg konzertant mit Montserrat Caballé, Marilyn Horne, Francisco Araiza bzw. Chris Merritt und Samuel Ramey unter Michel Plasson bzw. Henry Lewis (gekürzte Fassung); 2001 in Lüttich konzertant - unter Alberto Zedda natürlich ohne Striche - mit Darina Takova, Ewa Podles, Rockwell Blake und Boris Martinovich; 2003 - wieder unter Zedda - in Berlin mit Darina Takova, Jennifer Larmore, Gregory Kunde und Simone Alaimo; ebenfalls 2003 in Pesaro unter Carlo Rizzi mit Darina Takova, Daniela Barcellona, Gregory Kunde und Ildar Abdrazakov und dann nochmals 2004 in Berlin unter Patrick Fournillier mit Denia Mazzola, Hadar Halévy, Kenneth Tarver und Michele Pertusi, - diesmal um lächerliche ca. 20 Minuten gekürzt, indem die Wiederholungen der Cabaletten gestrichen wurden, bei denen die Sänger doch gerade ihre Kunstfertigkeit durch Verzierungsvarianten sollen zeigen können...
Foto: Patrick Pfeiffer / RiW
v.l.n.r.:Raffaele Facciolà - Marija Jokovic - Lorenzo Regazzo - Alex Penda .- Marianna Pizzolato - Andrea Mastroni - John Osborn
In Bad Wildbad war nun für zwei konzertante Aufführungen von Semiramide, deren Mitschnitt bei Naxos auf CD erscheinen soll, eine neue Sängergeneration angetreten, - in den Hauptpartien Namen, die bereits für sich sprechen, aber hier durchweg - mit Ausnahme der Sängerin der Titelpartie  - mit Rollendebüts. Die ersten gesungenen Phrasen gehören allerdings dem Hohepriester Oroe, und bereits da horchte man auf: Was für eine Stimme, rund und dunkel und ebenmäßig fließend, auch in den Ensembles voll präsent!  Auch wenn es nur eine Nebenrolle ohne eigene Arie war: Dieser junge Bass Andrea Mastroni, der 2005 als Sparafucile debütiert hat, könnte bald in größeren Rollen Aufsehen erregen, vielleicht eines Tages auch als Assur. Den sang dieses Mal Lorenzo Regazzo, faszinierend in Stimme und Mimik, mit bruchlos gleichmäßiger Stimmgebung und klarer Diktion auch bei den sauber gesetzten Koloraturen und bis in die Tiefen hinab, hörbar an Samuel Ramey als großem Vorbild orientiert. Seine große Wahnsinnsszene war einer der Höhepunkte der Aufführung.

Marianna Pizzolato verfügt zwar nicht über die satte Tiefe eines Contraltos, wie man sie bei Marilyn Horne und Ewa Podles hören konnte, in puncto Legatokultur, Koloraturgeläufigkeit und textlicher Gestaltung bot aber auch sie eine exzellente Darbietung in der Rolle des Arsace. Ich erinnere mich immer wieder gerne an Il viaggio a Reims 2003 in Pesaro, wo ich Marianna Pizzolato in der Produktion der Accademia Rossiniana zum ersten Mal hörte, - eine hinreißende Melibea; im Folgejahr sprang sie, die eigentlich nur die Isaura singen sollte, in Pesaro dann kurzfristig in der Titelpartie von Tancredi ein, und damit begann ihre internationale Karriere. Übrigens haben auch weitere diesjährige Solisten von "Rossini in Wildbad" als Teilnehmer der Accademia Rossiniana  in Il viaggio a Reims in Pesaro gesungen: der eingangs erwähnte Andrea Mastroni (Trombonok 2007) sowie die beiden Protagonisten von I briganti: Vittorio Prato (Don Alvaro 2004) und Maxim Mironov (Libenskof 2005). Und der ganz junge Antonino Fogliani hat sich dort 2001 bei Il viaggio a Reims als Nachwuchsdirigent erfolgreich präsentieren können..

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat
Marianna Pizzolato
Hatte man Lorenzo Regazzo und Marianna Pizzolato bereits in den Vorjahren des Öfteren in Bad Wildbad erleben dürfen und zu Publikumslieblingen gekürt, waren die Sängerin der Titelpartie und der Tenor für den Idreno - beide international bekannt und gefragt - erstmalig bei "Rossini in Wildbad".

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat
Alex Penda

Als Semiramis ersang sich Alex Penda mit viel persönlichem Einsatz einen großen Erfolg beim Publikum. Im Gegensatz zur völlig ebenmäßigen belkantesken Stimmführung von Marianna Pizzolato bot sie allerdings eine eher expressive Gesangslinie, was in den beiden Duetten von Semiramide und Arsace besonders deutlich wurde. Aber wer ist Alex Penda? Als ich den Namen im Programmheft las, dachte ich zunächst, dass eine interne Abkürzung versehentlich übernommen worden war, aber die Nachfrage ergab: Es sei der Wunsch von Alexandrina Pendatchanska, jetzt Alex Penda zu heißen, da ihr Name schwer zu behalten sei bzw. falsch ausgesprochen werde. Die Überprüfung im Internet bestätigt die Namensänderung (s. Homepage); auch auf der Internetseite der Hamburgischen Staatsoper, an der sie im März im Don Giovanni singen soll, steht jetzt - anders als noch in der gedruckten Saisonvorschau - der Name Alex Penda. Bei Operabase allerdings findet man den neuen Namen für die Spielzeit 2012/13 nicht. Ob der Name wirklich eingängiger ist? In einer Rezension wurde daraus jedenfalls bereits Panda (s. Presseschau).  Es mag ja sicherlich in dem einen oder anderen Fall sogar geboten sein, einen eher karrierehemmenden Namen zu vereinfachen, so wie Pavol Breslik, der bei "Rossini in Wildbad" 2001 noch Bršlik bzw. auf seinen ersten CDs Brslik hieß (s. hier). Aber wie sinnvoll ist eine Namensänderung mitten in einer internationalen Karriere?

Den Idreno sang John Osborn, weltweit gefragt u. a. als Arnold (Guillaume Tell), Rossinis Otello und Rodrigo (La donna del lago), mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, höhensicher, aber auch dynamisch differenziert und mit feinen Schattierungen.

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat
Marianna Pizzolato und John Osborn
Die drei Herren Arsace, Assur und Idreno wetteifern alle um die Gunst von Azema (Marija Jokovic), - und die wurde von Rossini nicht einmal mit einer kleinen Sorbettoarie bedacht, sondern hat nur ein paar Rezitativ-Sätze zu singen. Was aus ihr und insbesondere auch aus Idreno wird, ist dem Libretto nicht zu entnehmen, beide Partien verlieren sich irgendwie ins Nichts, und es bleibt der Regie überlassen, ob beide (oder zumindest Azema) am Ende überhaupt noch auf der Bühne sind; in der Pariser Fassung von 1825 vereint immerhin die sterbende Semiramide Arsace mit Azema. In weiteren Nebenrollen gefielen der Tenor Vassilis Kavayas als Mitrane und der Bass Raffaele Facciolà als Geist des Königs Ninos.

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat

Besonders hervorzuheben ist das Dirigat von Antonino Fogliani - seit 2004 Jahr für Jahr bei "Rossini in Wildbad" und seit 2011 musikalischer Leiter des Festivals - , der offenbar den Siebten Sinn für Rossini und die richtigen Tempi hat und zugleich den Sängern ein rücksichtsvoller Begleiter ist. Zu bewundern ist auch sein Durchhaltevermögen - hat er doch dieses Jahr alle drei Opernproduktionen geleitet, - und das gilt natürlich auch für den Camerata Bach Chor Posen und die Virtuosi Brunensis, die mit den drei Opern und den erforderlichen Proben ein Riesenprogramm zu bewältigen hatten; für das Orchester kam noch ein Sinfoniekonzert hinzu.

Ein krönender Abschluss eines in jeder Hinsicht gelungenen Festivals! Nach rund 4 1/2 Stunden verließ man etwas erschöpft, aber beglückt die Trinkhalle, in der dieses Jahr alle Opern aufgeführt wurden, da im Kurtheater wegen Bauarbeiten nicht gespielt werden konnte. Auch nächstes Jahr wird das Kurtheater leider noch geschlossen sein. Für das dann zu begehende 25-jährige Jubiläum des Festivals ist Großes geplant: Rossinis Guillaume Tell! Natürlich - wie ebenfalls nächstes Jahr in Pesaro - die ungekürzte Fassung! In Pesaro soll Juan Diego Flórez den Arnold singen, in Bad Wildbad werden wir uns auf Michael Spyres freuen dürfen (s. hier), in dessen Anfangsjahren der Otello bei "Rossini in Wildbad" ein wichtiger Höhepunkt war und der dieses Jahr als Baldassare in Ciro in Babilonia in Pesaro debütieren wird.

(Besuchte Vorstellung: 22. Juli 2012)

Mitschnitte aus Bad Wildbad auf CD / DVD:
"Rossini in Wildbad" - Diskografie



1. Mai 2012

Fahren Sie in den Schwarzwald!


... und treffen Sie dort auf italienische Räuber deutscher Abstammung
 und orientalische Herrschaften aus Bagdad und Babylon...

Palais Thermal - Bad Wildbad (Foto)
 ... sowie auf eine Schar international bekannter Sängerinnen und Sänger,
die diese Figuren nach allen Regeln der Kunst des Belcanto
musikalisch wieder zum Opernleben erwecken wollen.

 
Die bisher bekannt gegebenen Besetzungen:

Mercadante - I briganti
(nach "Die Räuber" von Schiller)
Maxim Mironov
Vittorio Prato
Bruno Praticò
Dirigent: Antonino Fogliani

Rossini - Semiramide
(konzertant)
Alexandrina Pendatchanska
Marianna Pizzolato
Lawrence Brownlee John Osborn*
Lorenzo Regazzo
Dirigent: Antonino Fogliani

Rossini - Adina
(Produktion der Oper in Russe/Bulgarien)
Lorenzo Regazzo
Bruno Praticò

Recital Anna Bonitatibus

Dies alles (und noch mehr) erwartet Sie beim
XXIV. Festival "Rossini in Wildbad" (8. - 22. Juli 2012)
*Aktualisierung 23. Mai 2012 s. hier

15. April 2012

Samuel Ramey – Eine Hommage zu seinem 70. Geburtstag

Hamburg 1983 (Foto: privat)
Am 28. März 2012 wurde Samuel Ramey 70 Jahre alt. Radio Ö 1 brachte aus diesem Anlass am 27. März einen Rückblick auf die Karriere dieses großen Sängers, der im Rahmen der Rossini-Renaissance das in Vergessenheit geratene Stimmfach des Koloraturbasses wieder in den Focus der Aufmerksamkeit rückte. Und auch mir wurden die Erinnerungen an die Zeit lebendig, als Samuel Ramey regelmäßig an der Hamburgischen Staatsoper zu erleben war.


Mein persönlicher Blick zurück beginnt mit dem 30. Mai 1980. Es gab eine mit Hermann Prey in der Titelpartie prominent besetzte Repertoire-Aufführung von Tschaikowskys „Eugen Onegin“. David Rendall war ein wunderbarer Lenski, aber im letzten Akt ist der Tenor bekanntlich nicht mehr präsent. Da stand nun die Arie des Gremin an, und ich bereitete mich innerlich – ich muss es zugeben – auf einige gepflegt-langweilige Minuten vor... , aber als dann „Ein jeder kennt die Lieb' auf Erden“ erklang – seinerzeit wurde „Eugen Onegin“ noch auf Deutsch gesungen –, war ich hellwach und begeistert. Was für eine Stimme! Was für eine Gestaltung! Samuel Ramey? Wer ist denn das? Googeln konnte man damals ja noch nicht, in der Presse wurde er nicht einmal erwähnt.


Ich aber beschloss, mir diesen Namen zu merken. Und als ich dann einige Monate später den Namen wieder in einer Besetzungsliste entdeckte, war ich natürlich dabei und hörte am 1. November 1980 einen ausgezeichnet gesungenen Banquo in Verdis „Macbeth“.

Dass Ramey in der Zwischenzeit im Sommer 1980 in Aix-en-Provence als Assur in Rossinis „Semiramide“ an der Seite von Marilyn Horne und Montserrat Caballé sein internationaler Durchbruch als Koloraturbass gelungen war, erfuhr ich erst später, - für mich war Samuel Ramey immer noch meine ganz persönliche Entdeckung.


 Als Assur 1980 in Aix-en-Provence


 


1983 kam Rossinis „Semiramide“ dann endlich auch nach Hamburg, - wenn auch nur konzertant und – wie in Aix - von über vier Stunden Musiklänge auf knapp drei Stunden gekürzt. In den vier Hauptpartien die Besetzung wie in Aix-en-Provence 1980: Montserrat Caballé, Marilyn Horne, Francisco Araiza und Samuel Ramey. Diese erste Begegnung mit einer ernsten Rossini-Oper hat bei mir eingeschlagen wie der Blitz und mich für diese Musik auf Dauer infiziert, - kein Wunder, wenn man sie so großartig präsentiert bekommt. Das waren in den großen Duetten Horne – Caballé und Horne – Ramey wahre Koloraturwettstreite, und dann die über 15 Minuten lange Solo-Szene des Assur, - atemberaubend! 1985 gab es noch einmal eine Serie, wieder mit dem Vierergespann aus Aix, aber sogar das war noch zu toppen: in der Vorstellung am 13. Mai 1985 sang nicht Araiza den Idreno, sondern...Chris Merritt, damals noch in Augsburg engagiert, aber bald auf dem Weg zur großen internationalen Karriere als Rossini-Baritenor. Der Erfolg in Hamburg war durchschlagend: der Chor trampelte Beifall!



Drei der ganz Großen der Rossini-Renaissance zusammen auf der Bühne, unvergesslich!

Welches Opernneuland in den 1980-er Jahren mit den unbekannten Opern Rossinis betreten wurde, mag folgende Begebenheit veranschaulichen: Als in einer Mailänder Zeitung berichtet wurde, dass die Scala erstmalig „Il viaggio a Reims“ - also die Reise nach Reims - präsentiert, soll es Anrufe von Interessenten gegeben haben, die nach Reims mitfahren wollten!


 
Hamburg 1985 (Foto: privat)


Leider blieb der Assur die einzige Rossini-Partie, in der ich Samuel Ramey live erleben durfte. Aber in anderen Rollen gastierte er in Hamburg: Die vier Bösewichte in „Les Contes d'Hoffmann“ von Offenbach (1983), König Philipp in Verdis „Don Carlo“ (1983 und 1985), Mephistofeles in Gounods „Faust“ (1985 und 1986), Boitos „Mefistofele“ (konzertant 1986) und Mozarts „Don Giovanni“ (1987 und 1988). Ein besonderes Ereignis war der Solo-Abend am 21. März 1988 mit einem weitgefächerten Programm von Händel und Purcell über Schubert, Rossini, Britten, Ravel bis Ives und mit fünf Zugaben von Mozart über Gounod bis zum „Ol' Man River“.


Herzlichen Dank, lieber Samuel Ramey!


Interview The Houston Chronicle 17. April 2012:
Bass Samuel Ramey still loves his opera life

 
 
 
 
 

 
 Der Post wurde am 7. März 2013 überarbeitet, indem einige bei YouTube
zwischenzeitlich gelöschte Videos ersetzt worden sind.

30. März 2001

Weiße Hortensien für Semiramide

Das ist mir nur einmal passiert, dass ich mich von einem großartigen Opernerlebnis zu einem Gedicht habe hinreißen lassen. Sei's drum, ich lasse meine Leser gerne mit mir über diesen Versuch schmunzeln...

Bei der konzertanten Aufführung war der Bühnenrand auf dem geschlossenen Orchestergraben komplett mit Blumenkästen voller weißer Hortensien geschmückt. Zwei junge Damen neben mir in der ersten Reihe räumten kurzerhand zwei Kästen ab, um eine bessere Sicht auf die Mitwirkenden zu haben. Hatten wir dann auch, - besonders auf viele Beine...und es gab Wasserflecken auf dem Teppichboden!

Wer nicht dabei war und wissen möchte, wer die Hochgelobten waren: die Besetzungsliste steht unten, das Bild ist durch Anklicken zu vergrößern. 



Weiße Hortensien

Weiße Hortensien im Takte nicken
zu Rossinis Musik! Welch großes Entzücken
ward uns in der Oper in Liège zuteil.

Wir haben’s gewagt, wir waren dabei,
als

  • il maestro dirigierte
    und alle lächelnd inspirierte,
  • il grande contralto superb brillierte,
  • gewandt il basso assistierte,
  • il soprano in Rot tirillierte,
  • auch il tenore imponierte,
  • l’orchestra bravourös agierte.
Kurzum:
  • das Auditorium kollabierte
    ob solcher Koloraturen, Triller!
Vor Staunen ward es immer stiller
bis zum erlösenden Applaus.
Es tobte da das ganze Haus.

Auch die Hortensien waren entrückt,
kehrten nun in unser Blickfeld zurück,
doch wir dachten nur an Belcantomusik.
Doch wer hat da nun was gesungen?
Was hat so schön in der Seele geklungen?
Die Hortensien wissen’s, - und wir,
die von Ferne angereist sind hierher.


März 2001