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3. Juli 2012

"Die unglückselige Cleopatra" – Oper von Johann Mattheson (1704) in der Opera stabile der Hamburgischen Staatsoper


Im Februar 2011 hatte ich anlässlich der damals noch bevorstehenden Jubiläumsspielzeit 333 Jahre Oper in Hamburg über die Gänsemarktoper geschrieben. Telemanns "Flavius Bertaridus" ging im Oktober 2011 erfolgreich über die Bühne (da ich nach längerer Unterbrechung erst wieder ab Frühjahr 2012 mit dem Posten begonnen habe, werde ich über diese Produktion nach der Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit berichten). Ihren Abschluss fand die Jubiläumsspielzeit nun mit Aufführungen von Matthesons "Cleopatra".

Alljährlich zum Ende der Spielzeit gibt es eine Produktion des Internationalen Opernstudios, - im Wechsel zeitgenössische oder barocke Oper. Dieses Jahr stand – passend zum Jubiläum - die 1704 an der Gänsemarktoper uraufgeführte Oper "Die unglückselige Cleopatra oder Die betrogene Staats-Liebe" auf dem Spielplan, um einiges gekürzt im Vergleich zu der 2006 konzertant im Bucerius Kunstforum aufgeführten Fassung.

Während das Publikum in der Opera stabile Platz nimmt, lümmelt sich vor einem Fernseher ein junger Mann und konsumiert Chips und Videos mit alten Filmen: Hollywood-Spektakel um die schöne Cleopatra. Die Film-Bilder werden auf die transparente Pyramide in der Mitte projiziert, in der das Orchester Platz genommen hat und um die herum dann auf wüstensandigem Boden das Spektakel lebendig wird, - der Fernseher wird beiseite geräumt, der junge Mann betrachtet vergnügt das alles jetzt von oben von der Galerie aus und greift dann zu gegebener Zeit selbst in die Handlung ein.

Zunächst aber erhalten wir Einblick in das Privatleben Cleopatras. Marcus Antonius hat sich an einen einsamen Ort zurückgezogen, um fern von „Herrschsucht, Zank und Neid“ ein ruhiges Leben zu führen. Und vor Cleopatra will er auch seine Ruhe haben, wie seiner Arie zu entnehmen ist: „Ich will geruhig leben und muss ihr süßes Heucheln, ihr angebornes Schmeicheln großmütig widerstreben, sie soll betrogen sein“. Kaum dies gesungen, erscheint die reizende Cleopatra und betört ihn, wieder nach Hause zurückzukehren, - zu ihr und den beiden gemeinsamen Kindern Candace und Ptolemaeus. Diese Kinder sind bereits im heiratsfähigen Alter, ihre Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen sind ein wesentlicher Teil der Geschichte, die in dieser Oper erzählt wird. Und was ist nun die im Titel genannte „betrogene Staatsliebe“?


Der römische Kaiser Augustus - den gibt jetzt der eingangs erwähnte junge Mann aus der Psychiatrie - hat die Ägypter besiegt, Antonius weigert sich aber weiterhin, Cleopatra zu verlassen und zu seiner Frau Octavia nach Rom zurückzukehren. Daraufhin beschließt Augustus, eine List anzuwenden: Er will zum Schein um Cleopatra werben und ihr vorgaukeln, sie zur römischen Kaiserin zu machen. Die Rechnung geht auf: Kaum hat Cleopatra den Brief des Augustus erhalten, ist sie bereit, Antonius zu verraten. Antonius wird die Falschmeldung überbracht, Cleopatra habe sich vergiftet. Er ersticht sich. Cleopatra bereut nicht nur ihre Untreue, sondern hat inzwischen auch die unehrlichen Absichten des Augustus durchschaut. Um nicht als Siegestrophäe nach Rom gebracht zu werden, begeht auch sie Selbstmord. Die Oper endet dann aber doch mit einer fröhlichen Szene, in der Augustus die beiden glücklichen Liebespaare vereint: "Wohlan, es sei, um wieder zu versüßen den Unfall, der euch hart getroffen hat, will ich euch die verlobten Hände schließen"....Der Regisseur Holger Liebig glaubt aber nicht den Worten des Augustus vom "beliebten Freudenschein", der die jungen Leute erwartet, sondern zeigt die Kehrseite der Medaille, nämlich dass Augustus, der sich selbst zum Vormund der beiden Kinder ernannt hat, diese in seiner Gewalt hat ...und sie - nebst den gerade Angetrauten - aus dem Wege räumt. Oder ist das nur die Fantasievorstellung des jungen Mannes aus der Psychiatrie? Den hat sein Wärter inzwischen wieder mit Knabberzeug versorgt und vor den Fernseher gesetzt.

Die Musik zu dieser Handlung besteht aus einer raschen Abfolge von Rezitativen und meist kurzen Arien oder Ensembles, die keine übermäßigen technischen Anforderungen an die Sänger stellen. Anders als im "Boris Goudenow" ist der Text durchgehend auf Deutsch und ohne Einschub italienischer Arien.  Es gibt bei Mattheson keine koloraturgespickten Bravourstücke, auch keine Dacapo-Arien, sondern seine Musik ist bestimmt durch schlichte Melodiebildung, wie er es auch in seinen musikwissenschaftlichen Schriften dargelegt hat. Seine Schriften - z. B. "Das neu-eröffnete Orchester" (1713) und  "Der vollkommene Capellmeister" (1739) - gelten auch heute noch als "Gebrauchsanweisungen" für die barocke Aufführungspraxis. Dass sich auch der Dirigent Nicholas Carter (auch am Cembalo I) damit beschäftigt hat, ist anzunehmen. Jedenfalls war es eine Freude, dem farbenreichen Spiel des aus zwölf  Philharmonikern gebildeten kleinen Orchesters zuzuhören.

Die Sänger und Sängerinnen des Internationalen Opernstudios sind mir natürlich von Aufführungen im Großen Haus bekannt. In der Akustik der kleinen Opera stabile klangen sie zunächst ungewohnt, insbesondere die teils zu große Lautstärke war gewöhnungsbedürftig. Die Titelpartie sang mit klangschönem und facettenreichem Sopran die 1990 geborene Mélissa Petit, die als bisher jüngstes Mitglied des Internationalen Opernstudios vor zwei Jahren nach Hamburg kam und jetzt für ein drittes Jahr im Opernstudio verbleibt. Für den im Großen Haus in der kleinsten Rolle positiv auffallenden Tenor Paulo Paolillo schien die Partie des Antonius teilweise unbequem tief zu liegen. Der Bassist Levente Páll als Augustus war sängerisch und darstellerisch eine wahre Freude. Ich möchte hier nicht alle einzeln aus der Besetzungsliste (s. u.) aufführen, die allesamt ihren guten Teil zum Gelingen der Produktion beigetragen haben, aber hervorheben möchte ich doch noch die beiden Gäste, beides Absolventen der Hamburger Musikhochschule: Nerita Pokvytyte als extrovertiert ausdrucksstarke und auch darstellerisch sehr präsente Mandane, und ganz besonders Daniel Philipp Witte, der in der Rolle des  Dercetaeus, Diener des Antonius, mit klangschönem Tenor, guter Diktion und umwerfender Bühnenpräsenz als Spaßmacher ein Kabinettstück nach dem anderen bot, dass man aus dem Staunen nicht herauskam.

In den Werken der Gänsemarktoper gab es üblicherweise die Rolle des Komödianten, der sich als Element des Volkstheaters in die Handlung einmischt und diese und ihre Akteure kommentierend und oft mit anzüglichen Sprüchen auf die Schippe nimmt. Mit mehrstrophigen Arien, die beinahe wie Offenbachsche Couplets vorgetragen wurden, erscheint Dercetaeus z. B. bei Cleopatras Gastmahl als Schornsteinfeger. Der seiner Arie vorausgehende Dialog mit Cleopatra über das Fegen der Öfen in ihrem Schlafgemach wurde leider ausgelassen; der Auftritt war als nur an das Publikum gerichtete Einlage inszeniert. Über machthungrige Frauen äußert er sich in einer Travestienummer gar vier Strophen lang auf Plattdeutsch: "Wat stellt sick doch en Deren vertwifelt hillig an? Un kumt se eerst thum Mann, so will se stracks regieren."* Und wenn Augustus an der toten Cleopatra die Schlangenbisswunde inspiziert und überlegt, ob man ihr nicht das Gift aus allen Gliedern saugen könnte, besingt Dercetaeus in einer Arie ein an seinem Weib erprobtes "gut Klistier".

*Kompletter Text unten bei den Nachträgen

Im Vergleich zu diesen gekonnten Auftritten wirkte die sonstige szenische Gestaltung oft doch eher unbeholfen. Unzureichende Personenregie oder Absicht? Oder einfach nur Folge der fehlenden Distanz zwischen Publikum und Bühne?  Es wurde jedenfalls viel herumgestanden, was ja in der Barockoper durchaus szenisches Stilmittel sein kann, dann aber mit dem entsprechenden Ausdruckskanon an Gesten, Haltung und Bewegungen (s. die Videos im Beitrag zur Aufführung von Matthesons "Boris Godounow" hier). Aber das hieße sicherlich, von einer kurzlebigen Opernstudio-Produktion zu viel zu erwarten.


Belebt wurde die Szenerie durch drei Tänzer, die neben einer Tanzeinlage auch weitere Auftritte hatten, z. B. als Bedienstete am Hof Cleopatras oder als Schornsteinfeger; zusammen verkörperten sie auch - mit entsprechend dekorativer Bemalung der Oberkörper - die Schlange, deren Biss Cleopatra tötet, - eine gelungene Alternative zu der sonst wohl unvermeidlichen Plastikschlange.

Unvermeidlich ist es aber, bei dieser Oper auf den legendären Eklat zwischen Mattheson und Händel bei der letzten Vorstellung der am 20. Oktober 1704 uraufgeführten "Cleopatra" einzugehen. Händel war seinerzeit u. a. als Cembalist an der Gänsemarktoper tätig und vertrat Mattheson in der musikalischen Leitung der Aufführung seiner "Cleopatra", in der Mattheson, der auch Sänger war, als Antonius auf der Bühne stand. Nach dessen Bühnentod wollte er wie üblich den Platz am Cembalo einnehmen und die Vorstellung zu Ende führen, was Händel dieses Mal aber verweigerte. Es soll da ein ziemliches Gerangel am Cembalo gegeben haben, - wer "Sieger" blieb oder ob die Vorstellung gar abgebrochen wurde, habe ich nicht herausfinden können, jedenfalls aber soll es zwischen den beiden Streithähnen zu einem Duell auf dem Gänsemarkt gekommen sein, dessen Ausgang Mattheson selbst wie folgt schildert:  „welcher für uns beide sehr unglücklich hätte ablaufen können, wenn es Gottes Führung nicht so gnädig gefüget, daß mir die Klinge im Stoßen auf einen breiten, metallenen Rockknopf des Gegners zersprungen wäre“ (zitiert nach
Wikipedia). Legende oder Wahrheit? Gibt es Berichte weiterer Augenzeugen? Dass der NDR in seinen TV-Produktionen zum Händeljahr 2009 ("Händel - Der Film" bzw. "Händel in Norddeutschland") aus dem Rockknopf einen Notenstapel gemacht hat, den Händel in der Spielszene grinsend unter seinem Rock hervorzieht, sei nur am Rande erwähnt; auf der Internetseite des NDR ist es jedenfalls weiterhin der Knopf ...

Besuchte Vorstellung: 24. Juni 2012

Bilder: Programmheft der Hamburgischen Staatsoper

Zitate: Programmbuch der Aufführung im Bucerius Kunstforum 2006 






Die konzertante Aufführung 2006 im Bucerius Kunstforum ist auf CD (mit Libretto)
erschienen und wurde von St. Jacobi Hamburg für € 25,00 an
einem Stand in der Opera stabile angeboten, ist also noch lieferbar.

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Drei deutsche Barockkomponisten - Dreimal Cleopatra
Johann Mattheson - Johann Adolf Hasse - Carl Heinrich Graun
Johann Mattheson "Die unglückselige Cleopatra"
 Johann Adolf Hasse "Marc'Antonio e Cleopatra"
(Zum 250-jährigen Bestehen der Berliner Staatsoper Unter den Linden )
Hierzu erhielt ich einen Hinweis auf Videos bei Vimeo:
Teil 1 und Teil 2 (nicht komplett, aber zusammen 2,5 Stunden!)

 ... und 4. natürlich auch Händel:

"Giulio Cesare in Egitto"
Se pietà di me non senti
Se pietà di me non senti
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Nachträge:


Der komplette Text der plattdeutschen Arie des Dercetaeus:

Wat stellt siek doch en Deren
vertwifelt hillig an?
Un kumt se eerst thum Mann,
so will se stracks regieren.
Da heet et bald: du arme Blot,
nimm du de Schört, giff my den Hot,
ick willt in allen Saken
et uht de Wysemaken.

Da geit et an thum mäkeln,
da is bald dit bald dat,
de krancket weht nich wat,
daräver se muth kekeln!
Da is dat Aas so Superklok,
dat ok des Mannes Prük un Brok,
vor eren Schnack un Kiyen
nicht unvexert kann bliven.

Se gifft up sine Gänge
mit Argusogen acht.
Un kriggt se man Verdacht,
so is dat Huß tho enge.
Da lunt, da brummt dat Murmeldeert,
un prühnt de Näß und reit den Steert,
fangt entlick an tho bellen,
dat em de Ohren gellen.

Darüm so ist am besten
dat man so deit als ick,
un sick in süverlick
enthollt van sullken Gästen.
Erst sünt se aller Framheit vull,
herna so warrt se spetter dull,
un willt den Mann wat brüden,
dat mug de Velten liden.

 (Auszug aus dem Libretto im Programmbuch
zur konzertanten Aufführung am 10. und 11. Oktober 2006
Herausgeber: Bucerius Kunst Forum gemeinnützige GmbH)

Der Diener Dercetaeus hat die für die Werke der Gänsemarktoper typische Rolle des Spaßmachers, - sozusagen ein barocker Kabarettist als "Stimme des Volkes", der mit frechen Texten alles Mögliche aus Alltagsleben, Gesellschaft und Politik auf die Schippe nimmt und damit insbesondere das einfache Volk amüsieren soll, das auf den billigen Plätzen ebenfalls zum Publikum der Bürgeroper gehörte. In der Abhandlung von Kerstin Schüssler-Bach „... daß, wo die besten Bancken auch die besten Opern sind“ (Bürgerliche Lebenswirklichkeiten auf der Bühne der Hamburger Gänsemarkt-Oper) sind weitere plattdeutsche Zitate aus anderen Opern zu finden.

Homepage Daniel Philipp Witte

Libretto-Sammlung zur Gänsemarkt-Oper

Die obige Aufführungsrezension wurde im September 2012 - zusammen mit dem Opsatz "Cleopatra in Plattdüütschland" von Thomas Stelljes - in "Quickborn - Zeitschrift für plattdeutsche Sprache und Literatur" (102. Jahrgang - Heft 3/2012) veröffentlicht.

Aufführungsrezension auf Welt.de: Cleopatratragödie mit großer Tonfilmgeste

7. Februar 2011

Das besondere Jubiläum: 333 Jahre Oper in Hamburg – Vorschau und ein kleiner Blick zurück auf das Repertoire der Gänsemarktoper




In Hamburg begeht man zur Zeit gern schräge Jubiläen. So feiern die Hamburger Bücherhallen seit einigen Monaten ihr 111jähriges Bestehen, und am 18. Januar 2011 gab es im Parkett-Foyer der Hamburgischen Staatsoper die Auftaktveranstaltung „333 Jahre Oper in Hamburg – Das Hamburger Bürgertum und seine Oper in historischer und aktueller Perspektive“ mit Kurzreferaten von Prof. Dr. Dorothea Schröder (Die Gründung der Hamburger Oper – eine „mutige Tat glücklicher Kaufleute“?) und von Prof. Dr. Dr. h. c. Udo Bermbach (Die Situation der Oper im Hamburg der Gegenwart). Nach der Ankündigung im Journal sollte die Auftaktveranstaltung auch den Programmschwerpunkt „333 Jahre Oper in Hamburg“ für die Spielzeit 2011/12 vorstellen, Operndirektor Francis Hüsers verriet in seiner Begrüßung und Einführung aber leider keine Details außer der für Oktober 2011 vorgesehenen Aufführung der Oper „Flavius Bertaridus“ von Georg Philipp Telemann, uraufgeführt in Hamburg am 23. November 1729, aus der Ann-Beth Solvang eine Arie vortrug. Aber jedenfalls was diese Telemann-Oper angeht, weiß das Internet mehr: Es handelt sich um eine Co-Produktion der Innsbrucker Festwochen und der Hamburgischen Staatsoper.


Das "Hamburger Abendblatt" (Magazin vom 5./6.2.2011) berichtet, dass im Juli 2012 die Spielzeit mit einer Oper von Johann Mattheson als Produktion des Internationalen Opernstudios enden soll.

Und wenn es denn auch noch die Wiederaufnahme einer Oper von Händel gäbe, der an der Gänsemarktoper von 1703 bis 1705 als Violinist und Cembalist engagiert war und für sie seine ersten Opern geschrieben hat, wäre dieses ungewöhnliche Jubiläum zugleich eine höchst willkommene Wiedergutmachung für die Enttäuschung über ein an der Hamburgischen Staatsoper spurlos vorübergegangenes Händeljahr. Hamburg darf sich auch heute noch als Händel-Stadt rühmen, besitzt die Musiksammlung der Staats- und Universitätsbibliothek doch einen einmaligen Schatz, nämlich Händels Direktionspartituren zu rund 60 Opern und Oratorien Händels, aus denen der Komponist einst selbst dirigierte und zahlreiche aufführungsspezifische Bearbeitungsspuren darin hinterließ, ein Quellenbestand von außerordentlicher Bedeutung für Händel-Forschung und Musikpraxis.

"Händel wurde auch nach seiner Abreise in Hamburg nicht vergessen. Zwei seiner hier noch entstandenen Opern, "Florindo" und "Dafne", wurden 1708 in der Hansestadt uraufgeführt. Ab 1721 hat sich Georg Philipp Telemann in hohem Maße urn die Etablierung von Händels Opern in Hamburg verdient gemacht. Viele von Händels dann in England entstandenen Opern - darunter "Giulio Cesare", "Admeto" und "Pora"- wurden unverzüglich in Hamburg gegeben. 1732 setzte Telemann dann auch erneut „Almira" auf den Spielplan. Carl Philipp Emanuel Bach, Nachfolger Telemanns als Hamburger Musikdirektor, setzt die Händel-­Tradition mit verschiedenen Oratorien-Aufführungen fort. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erarbeitet dann Friedrich Chrysander, der wohl bis heute wichtigste Händel-Forscher überhaupt, in Hamburg die erste Händel-Werkausgabe und eine bis heute Maßstäbe setzende Händel-Biographie. Chrysanders Bibliothek mit den Dirigierpartituren Händels zählt heute zu den größten Schätzen in der Musiksammlung der Staats- und Universitätsbibliothek. Hamburg darf sich mithin als "Händel- Stadt" begreifen. Diese Tradition zu pflegen und sie weiter zu ent­wickeln sollte heute eine selbstverständliche Aufgabe und Pflicht sein. Die Aufführungen der "Almira" im Bucerius Kunst Forum - 300 Jahre nach ihrer Entstehung - machen hierfür den Anfang."
Philipp Adlung  (Aus dem Programmheft zur Aufführung von Händels "Almira")  




Kurzer Abriss der ersten 100 Jahre

Am 2. Januar 1678 wurde das von Girolomo Sartorio erbaute Opernhaus am Gänsemarkt als erstes öffentliches Opernhaus Deutschlands mit dem Singspiel "Adam und Eva oder Der Erschaffene, Gefallene und Aufgerichtete Mensch" von Johann Theile eröffnet. Von etwa 1686 bis 1738 war die Hamburger Oper eines der führenden musikalischen Zentren in Europa mit Aufführungen der Opern von Reinhard Keiser, Johann Mattheson, Georg Philip Telemann (ab 1721 Hamburger Stadtmusikdirektor) sowie Georg Friedrich Händel. Als durch finanzielle Misswirtschaft und mangelndes Publikumsinteresse die Oper in ihrer Existenz bedroht war, fühlten sich die pietistisch orientierten Theologen, denen die Sinnlichkeit der Oper schon lange ein Dorn im Auge war, nur bestätigt, und ihre Attacken nahmen zu. Das Haus wurde schließlich 1738 als selbstständiges Unternehmen geschlossen. Bis zum endgültigen Abriss des Gebäudes im Jahr 1763 diente es vor allem durchziehenden Komödiantentruppen als Spielort. Auf diese Weise wurde allerdings auch die italienische Oper in Hamburg bekannt. So trat 1748 der zweiunddreißigjährige Christoph Willibald Gluck mit der Operntruppe Antonio Mingottis in Hamburg auf. Am 31. Juli 1765 wurde auf Initiative Konrad Ernst Ackermanns das „Ackermann'sche Comödiantenhaus" eröffnet. Einen reinen Opernbetrieb nahm man nicht mehr auf, sondern mischte Musiktheater und Schauspiel. Ab 1767 hieß das Theater auf Lessings Einfluss hin „Deutsches Nationaltheater". Lessing war bis 1779 Dramaturg in Hamburg und veröffentlichte während dieser Tätigkeit seine „Hamburger Dramaturgie"...mehr

Der Hamburger Opernstil

Die meisten der an der Gänsemarktoper gespielten Werke waren von Reinhard Keiser, - in der Dokumentation „Geschichte der Hamburger Oper 1678 – 1978“ von Joachim E. Wenzel sind über 70 Opern von Keiser aufgelistet, die im Zeitraum von 1694 bis 1734 auf dem Spielplan standen. Von Telemann sind 27 Opern für die Zeit von 1721 bis 1736 angegeben und von Mattheson 7 Opern für die Jahre 1699 bis 1723. Von den meisten Werken sind jedoch nur die Texte erhalten, nicht aber auch die Musik. Die Musiksammlung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg enthält eine Libretto-Sammlung zur Hamburger Gänsemarkt-Oper mit rund 450 gedruckten Libretti zu etwa 310 Opern, die zwischen 1678 und 1738 im Hamburger Opernhaus am Gänsemarkt aufgeführt wurden.

Kennzeichnend für den damaligen Hamburger Opernstil ist eine Mischung von deutsch oder aber auch mit italienischem Originaltext gesungenen Arien mit deutsch gesungenen Rezitativen im italienischen Stil, Ouvertüre und Tänze waren dagegen meist im französischen Stil. Gern wurden aus eigenen Werken, aber auch aus Opern anderer Komponisten Arien übernommen, die beim Publikum besonders beliebt waren. Eingeflochten wurden zudem Anspielungen auf tagesaktuelle Ereignisse des politischen und gesellschaftlichen Lebens.

Reinhard Keiser – "Der lächerliche Prinz Jodelet" (1726)
Hamburgische Staatsoper 2004




Bei einer Aufführung in der heutigen Zeit sollten „kabarettistische“ Einlagen zur Wahrung des Hamburger Opernstils m. E. nach Möglichkeit beibehalten bzw. „aktualisiert“ werden. So mit Erfolg geschehen bei der Inszenierung von Keisers „Der lächerliche Prinz Jodelet“ an der Hamburgischen Staatsoper. Die Premiere (22. Februar 2004) fiel – wie der Zufall es so wollte – in die Zeit vorgezogener Neuwahlen in Hamburg, was Anregung für einige Regieeinfälle bot. Aber wer wird bereits heute noch verstehen, wen die Dame darstellen sollte, die plötzlich auf der Bühne herumwuselte und an alle am Bühnengeschehen Beteiligten Exemplare des Buches „Die Entdeckung der Currywurst“ (ein übrigens wirklich lesenswertes Buch von Uwe Timm) verteilte? Seinerzeit war das aufgrund der Aktualität ein großer Heiterkeitserfolg. Das parodierte „Original“ saß bei der Premiere übrigens in der ersten Reihe: die damalige Kultursenatorin, die mit teils skurillen Ideen – beispielsweise ein „Aquadome“ in der Hafencity als eine Kombination aus Konzertsaal und Aquarium (mit Haitunnel als Zugang zum Konzertsaal!) – auch überregional von sich reden machte (
"Amok im Aquarium").




Johann Mattheson – „Boris Goudenow oder
Der durch Verschlagenheit erlangte Trohn“ (1710)


Bucerius Kunstforum 2005

St. Pauli Theater 2007


Diese Oper hatte Mattheson zwar 1710 für die Gänsemarktoper komponiert, zur Aufführung kam sie dort aber nicht. Möglicherweise – so wird spekuliert - befürchteten die Hamburger Kaufleute, dass ihre gut gedeihenden Handelsbeziehungen zu dem gerade erst gegründeten St. Petersburg Schaden nehmen könnten... Und so blieb das Werk vergessen, in den Wirren des Zweiten Weltkriegs gelangte das Notenmaterial nach Armenien, wo es von dem Kirchenmusiker und Musikforscher Johannes Pausch in den sog. „Eriwan-Beständen“ aufgespürt wurde, die dann 1999 an die Hamburger Staatsbibliothek zurück gelangten. Die konzertante Aufführung unter Rudolf Kelber am 29. Januar 2005 im Bucerius Kunst Forum war somit die Uraufführung dieser Hamburger Barockoper! (Details)

Bei dieser Vorgeschichte war man natürlich gespannt auf die komponierte „Verschlagenheit“, - die erschöpft sich allerdings in der List des Boris, Desinteresse am Zarenthron zu heucheln und sich solange in ein Kloster zurückzuziehen, bis alle ihn inständigst bitten, ihr Zar zu werden. Ein Mitschnitt der Hamburger Uraufführung ist in der „Edition Musik Landschaften Hamburg“ erschienen (RP 15287 – 3 CDs).


 
Die erste szenische Aufführung des „Boris Goudenow“ brachte kurze Zeit später das Boston Early Music Festival im Juni 2005. Aber auch in Hamburg gab es schon bald eine szenische Aufführung des „Boris Goudenow“, und zwar am 30. August 2007 im St. Pauli Theater. Anlässlich des 50jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und St. Petersburg wurde eine „experimentelle Barocktheaterproduktion von EARLYMUSIC RUSSIA“ aus dem Mikhailovsky Teatr St. Petersburg gezeigt, eine Inszenierung in der Regie von Klaus Abromeit, bei der auf der - mit Ausnahme von Podesten - fast leeren Bühne die in prächtige Barockkostüme gewandeten Solisten meist statuarisch verharrten und die musikalischen Affekte in stark formalisierte, aber ausdrucksstarke Gesten umsetzten.

Foto: Yuriy Rumyantsev

Foto: Yuriy Rumyantsev

 
Zwei Videos von einer St. Petersburger Aufführung
der in Hamburg gezeigten Produktion: 






Hamburger Aufführungen von weiteren Werken der Gänsemarktoper:
Unter der Leitung von Rudolf Kelber gab es noch weitere Werke
der Gänsemarktoper in konzertanten Aufführungen im Bucerius Kunst Forum:


Händel - „Der in Krohnen erlangte Glücks-Wechsel oder
Almira, Königin von Kastilien“ (November 2005)


 

Mattheson - „Die betrogene Staats-Liebe oder Die
unglückselige Cleopatra, Königin von Egypten“
(Oktober 2006)





Händel - „Zenobia“ (Hamburger Fassung 1722 von „Radamisto“
mit deutschen Rezitativen von Mattheson) (April 2009)



Ein Blick einige Jahrzehnte zurück
Zum 300-jährigen Jubiläum brachte die Hamburgische Staatsoper 1978
"Die großmütige Tomyris" von Reinhard Keiser,
über deren Aufführung "Die Zeit" kritisch berichtet:
"Ein Biszchen ungewissenhaft"

Zum Abschluss zwei Videos von einer Aufführung der Innsbrucker Festwochen 2007. In Hamburg war „Der geduldige Sokrates“ (1721) von Telemann am 29. August 2007 in der Laeiszhalle in der Innsbrucker Besetzung unter René Jacobs halbszenisch – d.h. ohne Kostüme, aber mit viel Aktion auf einem zwischen Orchester und Publikum aufgebauten breiten Steg - aufgeführt worden.