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19. Februar 2012

La Traviata - per sempre addio! Nachruf auf eine Inszenierung


So ist das nun mal bei den großen Repertoire-Opernhäusern: Man braucht einen erheblichen Grundbestand an Produktionen, und so bleiben erfolgreiche Inszenierungen der Standardwerke jahrzehntelang im Spielplan bzw. werden im Abstand einiger  Spielzeiten wieder aufgenommen. So hat die Hamburgische Staatsoper noch diverse Produktionen aus den 1970-er Jahren immer wieder auf dem Spielplan; spontan fallen mir da ein: Otello, L'elisir d'amore, Il barbiere di Siviglia, Hänsel und Gretel sowie Madama Butterfly, - das sind nämlich alles Produktionen mit den dünnen grauen Programmheften im früher gebräuchlichen quadratischen Format.




 
Die Hamburgische Staatsoper hat nun mit einer letzten Aufführungsserie Abschied genommen von einer der ältesten Produktionen im Spielplan. Seit der Premiere am 13. April 1975 war Verdis "La Traviata" in der Inszenierung von Folke Abenius Saison für Saison ein Publikumsrenner, der - unabhängig von der Qualität der Besetzung - stets ein volles Haus garantierte. Viele beklagen nun die Absetzung dieser konventionellen Produktion und befürchten das Schlimmste für die angekündigte Neuinszenierung. Ich sehe ihr dagegen optimistisch entgegen - 37 Jahre waren nun wirklich mehr als genug! Von 1980 - 2010 hatte ich dreißig Vorstellungen in dieser Inszenierung erlebt, meine 31. Vorstellung - mein Abschiedsbesuch am 9. Februar 2012 - wurde erfreulicherweise in musikalischer Hinsicht ein Höhepunkt, der mir keine Zeit ließ, mich mit der plüschigen Inszenierung zu langweilen. Es war übrigens ausweislich des Programmzettels die 266. Vorstellung seit der Premiere 1975.


Foto: Homepage Inga Kalna
In der Titelpartie gab es ein sehr erfreuliches Wiedersehen und -hören mit Inga Kalna, gern gesehener Gast in Hamburg, war sie hier doch von 1999 - 2001 Mitglied des Internationalen Opernstudios und anschließend Ensemblemitglied. Ich hatte sie bereits 2001 und 2003 als ausgezeichnete Violetta erlebt, in der Zwischenzeit ist ihre Gestaltung der Partie sängerisch und darstellerisch sogar noch intensiver und berührender geworden.







Francesco Meli gab bei seinem Hamburg-Debüt einen Alfredo der Extra-Klasse, stimmschön, nuancenreich, wunderbare Messa di voce - endlich mal wieder ein Tenor, der - was ich besonders schätze - unter Beimischung der Kopfstimme differenzieren, auch leise singen und mit rein musikalischen Mitteln gefühlvoll gestalten kann.






Leider nicht auf entsprechend hohem Niveau war James Rutherford als Giorgio Germont, da fehlte es an Italiniatà, es gab keine Vorhaltenoten zu hören, sondern nur die übliche "Leierkasten"-Arie, und die Cabaletta lag ihm nun gar nicht, war vielleicht auch für diese Aufführung erst neu einstudiert.

Besonders hervorheben möchte ich das ausgezeichnete Dirigat, das der Vorstellung eine ungemein intensive innere Spannung gab, zugleich aber den Sängern Raum ließ für eine individuelle Gestaltung. Alexander Soddy - geb.1982 - ist seit  2005 an der Hamburgischen Staatsoper engagiert. Er begann hier als Korrepetitor, dirigierte ab 2008 die Produktionen des Internationalen Opernstudios (Cavallis "Calisto" 2008 ist mir da in allerbester Erinnerung) sowie Aufführungen im Großen Haus. Seit der Spielzeit 2010/2011 ist er Kapellmeister. 2013 wird er die Hamburgische Staatsoper leider verlassen und als Chefdirigent nach Klagenfurt wechseln.


Besuchte Vorstellung: 9. Februar 2012

Fotos: Hamburgische Staatsoper

13. November 2010

Belcanto-Wochen an der Hamburgischen Staatsoper: "La Fille du Régiment" und "La Traviata"

Noch kurz etwas zu weiteren Aufführungen im Rahmen der Belcanto-Wochen an der Hamburgischen Staatsoper, wobei ich nur einige über die einzelne Aufführung hinausgehende aktuelle Aspekte herausgreifen möchte, hauptsächlich die Tenöre betreffend.

Besonders hervorheben möchte ich Dmitry Korchak als umjubelten Tonio in Donizettis „La Fille du Régiment“ (besuchte Vorstellung am 26. Oktober 2010). Bei der Arie mit den vielen hohen Cs im 1. Akt – aufgelockert mit etwas Kazachok - punktete er natürlich wie seine Rollenvorgänger Brownlee und Siragusa, aber der eigentliche Höhepunkt war die anspruchsvollere Arie im 2. Akt, nuancenreich mit Gefühl und ausgefeilter Diktion gesungen und endend mit einer wunderbaren messa di voce, da kannte nicht nur meine Begeisterung, sondern die des ganzen Hauses keine Grenzen mehr, - mein Sitznachbar seufzte beglückt und meinte, so etwas Schönes hier noch nie gehört zu haben... Auf die weitere Entwicklung dieses Tenors, den Rossinianer bereits 2007 in Pesaro in „La gazza ladra“ und 2008 in "L'equivoco stravagante" kennen und schätzen lernen konnten, darf man gespannt sein.







Bei den von mir besuchten Vorstellungen von Verdis „La Traviata“ hatten leider die Tenöre, die ich so gerne als Alfredo gehört hätte, abgesagt. Besonders gespannt war ich auf den Alfredo von Dovlet Nurgeldiyev gewesen, einem aus dem Internationalen Opernstudio ins Ensemble übernommenen jungen Tenor. Am 24. Oktober hatte er – wie der Rezension auf der Seite mittelloge.de zu entnehmen ist - sein viel versprechendes Rollendebut gegeben. Am 28. Oktober sagte er dann leider krankheitshalber ab. Andrej Dunaev (Semperoper Dresden), der sehr kurzfristig eingesprungen war, gab ein durchaus gutes Rollenporträt, insbesondere gefiel mir seine klare textverständliche Diktion, was der Sängerin der Traviata, Liana Aleksanyan, leider abging, die zudem auch keine schönen Piani beherrschte und eher nach dem Motto „je höher, desto lauter“ sang. Franco Vassallo schmetterte einen weitgehend undifferenziert monotonen Giorgio Germont. Immerhin sangen beide Germonts ihre Cabaletten zweistrophig. Karen Kamensek, stellvertretende Generalmusikdirektorin und ab nächster Spielzeit GMD in Hannover, dirigierte routiniert und nicht immer sängerfreundlich.
Auch die Hoffnung, endlich wieder Ramon Vargas auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper erleben zu dürfen, erfüllte sich nicht. Man mag es kaum glauben, aber Ramon Vargas hat hier nur in der Spielzeit 1995/96 gesungen ("La Traviata" und "L'elisir d'amore"). So wie vor einigen Jahren den „Ballo in maschera“ hat er auch die jetzigen drei Traviata-Vorstellungen wegen Krankheit abgesagt. In der von mir besuchten Vorstellung am 4. November 2010 sang Stefan Pop den Alfredo. Es war eine Vorstellung, die – unter der musikalischen Leitung von Simone Young - drei Sängergenerationen auf der Bühne vereinte: Edita Gruberova im Spätherbst ihrer Karriere, - bewunderswerte Interpretation, aber unüberhörbar ein schweres Stück Arbeit - , Dalibor Jenis auf der Höhe seines Könnens mit ausgefeilter Diktion und nuancenreichen Details, und ein sehr junger Tenor am Beginn seiner Karriere, - mit schöner Stimme, solange er nicht forcierte, und noch ohne persönliches Rollenporträt. Ob es eine bedeutende Karriere wird? Stefan Pop ist der Gewinner von Domingos „Operalia“ 2010, und die Preisträger dieses Wettbewerbs sind bekanntlich sehr gefragt und bekommen schnell Engagements auch an große Häuser. 1999 war ein tenorintensiver Jahrgang mit Rolando Villazon, Giuseppe Filianoti und Joseph Calleja unter den Preisträgern (Video), 1998 hatte ich bei der Operalia in Hamburg Erwin Schrott, Joyce DiDonato und Ludovic Tézier als Wettbewerbssieger erleben dürfen. Ich frage mich aber, ob man mit gerade 23 Jahren wirklich schon den Alfredo an großen Häusern singen muss. In diesem Video
L'elisir d'amore" - Seoul 2010
kann man gut hören, zu welch schönen Differenzierungen Stefan Pop (noch) fähig ist, die er in der Traviata-Aufführung bei einem selten so zärtlich gehörten Beginn des „Parigi, o cara“ mit leiser Stimme auch einsetzte; wenn aber die Stimme für mehr Volumen „aufgedreht“ wird, ist von Feinheiten und subtiler Gestaltung leider nicht mehr viel zu vernehmen:
"La Traviata" - Wiener Staatsoper 2010
. Besuchte Vorstellungen: 26. Okt. 2010 (La Fille du Régiment) und 28. Okt. 2010 (La Traviata)