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20. Mai 2013

Rüdiger Wohlers und Salvatore Fisichella zum 70. Geburtstag - Zwei Tenöre, deren runde Geburtstage Erinnerungen wecken

"Dalla sua pace" - an manchen Abenden stimmte Rüdiger Wohlers diese Arie des Don Ottavio so behutsam und lyrisch an, dass man den Atem anhielt und der Verzauberung durch Musik erlag. Diese schöne Erinnerung stellt sich bei mir immer ein, wenn ich von Rüdiger Wohlers höre oder lese, und gerade habe ich gelesen, dass er am 4. Mai seinen 70. Geburtstag hatte. Es müssen ja nicht immer nur die ganz großen internationalen Stars sein, an die zu einem runden Geburtstag erinnert wird. Rüdiger Wohlers stand in den 1980er Jahren häufig auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper, neben den Mozart-Partien (Don Giovanni, Cosi fan tutte, Die Zauberflöte) auch als Lenski in Eugen Onegin, als Almaviva in Il barbiere di Siviglia und als Lindoro in L'italiana in Algeri (neben Marilyn Horne), in Zar und Zimmerman und Die lustigen Weiber von Windsor, in Cavallis L'Ormindo, in Macbeth und als Nemorino in L'elisir d'amore, - in meiner Datenbank stehen insgesamt 24 Aufführungen, in denen ich von 1980 bis 1987 Rüdiger Wohlers erlebt habe. Es war nicht nur eine Freude, ihm zuzuhören, sondern auch seine lebhafte Darstellung und jugendliche Erscheinung gaben den von ihm verkörperten Rollen ein glaubhaftes Profil.





Ganz anders die Bühnenpräsenz von Salvatore Fisichella. Als er am 24. Januar 1985 die Bühne der Hamburgischen Staatsoper betrat, war dieser mir bis dahin unbekannte Sänger im Gewimmel von Violettas Gästeschar sofort auszumachen - der Typ eines italienischen Tenors, wie man ihn eher von historischen Fotos zu kennen meint... Er stand und sang - einfach himmlisch, ein Belcanto-Alfredo, der allein mit stimmlichen Mitteln ein tief empfundenes Porträt des liebenden und leidenden Alfredo lebendig werden ließ. Das habe ich mir zwei Tage später gleich noch einmal angehört! Leider blieb dies meine einzige Livebegegnung mit diesem großartigen Stilisten. Am 15. Mai konnte Salvatore Fisichella seinen 70. Geburtstag feiern, auch ihm herzliche Glückwünsche!

In einem Interview vom 18. Oktober 2010 äußert sich Salvatore Fisichella detailliert zu Fragen der Gesangstechnik (veröffentlicht von 'Li Vigni Voice Studio' am 22.10.2010).

Homepage Salvatore Fisichella



14. April 2013

Mariella Devia: Norma-Debüt zum 65. Geburtstag

Am 12. April hatte nicht nur Montserrat Caballé Geburtstag, sondern auch Mariella Devia.
Herzliche Glückwünsche!

In Deutschland ist Mariella Devia auch heute noch nicht sehr bekannt, - in der deutschen Ausgabe von Wikipedia sucht man vergeblich nach einem Artikel über diese großartige Künstlerin, umso ausführlicher sind dagegen die Angaben in der italienischen Wikipedia mit einer umfassenden Auflistung der von ihr gesungenen Partien, davon fünfzehn in Opern von Donizetti. Ich hatte das Glück, einen ihrer seltenen Auftritte in Deutschland erleben zu dürfen: in der Hamburgischen Staatsoper am 3. Mai 1984 als Konstanze in Mozarts Die Entführung aus dem Serail. Es war fantastisch! Ich hatte den Namen dieser Sängerin zuvor nie gehört, und auch in den folgenden Jahren hörte oder las ich nichts über sie, aber den Namen merkte ich mir, und dann kamen glücklicherweise nach und nach immer mehr Livemitschnitte auf den CD-Markt: z. B. Lucia di Lammermoor aus Florenz, La Traviata und Adelia aus Genua, Adelaide di Borgogna aus Martina Franca, Elisabetta al castello di Kenilworth aus Bergamo (Diskografie). Es dauerte noch sehr lange, bis ich Mariella Devia wieder live hören konnte: im August 2001 in drei Vorstellungen von Rossinis La donna del lago beim Rossini Opera Festival in Pesaro und am 2. Januar 2002 in Marin Faliero von Donizetti in Parma.

Mariella Devia ist in Italien die "regierende" Belcantokönigin
und feiert ihren 65. Geburtstag mit einem weiteren Rollendebüt:
Bellinis Norma am 13. April 2013 im Teatro Comunale di Bologna  

Bereits vor der Premiere berichtet La Repubblica ausführlich über das Ereignis:
"Norma Divina Mariella Devia festa di compleanno sulle arie di Bellini"
 
 Und wie dieses aktuelle Video belegt, ist es nach wie vor eine große Freude, ihr zuzuhören:

Schlussapplaus 13. April 2013

Links zu Rezensionen auf der Seite Presseschau

Bei YouTube gibt es viele wunderbare Videos. Einige davon sind in den
Opernführern "Mit YouTube in die Oper" hier im Blog verlinkt (s. die Seite YouTube).


RAI: Norma in scena a Bologna - Paolo Zefferi intervista Mariella Devia

 
 


 
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Bellini - Norma (Casta Diva):
 
 
 
 

13. April 2013

"Singende Königin der Herzen" - Montserrat Caballé zum 80. Geburtstag

"Singende Königin der Herzen" - so nannte Rainer Damm auf RBB Kulturradio in seiner liebevoll gestalteten Geburtstagssendung die "pfundige Primadonna" Montserrat Caballé, und auch ich möchte mich den zahlreichen Glückwünschen zu ihrem 80. Geburtstag am 12. April 2013 anschließen. Bei uns in Hamburg hieß sie "Caballé-Mäuschen", und ihre Hamburger Auftritte, die ich von 1980 bis 1985 miterleben durfte, bleiben unvergessen: konzertante Aufführungen von Rossinis "Semiramide", Bellinis "Norma" und Donizettis "Roberto Devereux" und als fulminante Tosca neben José Carreras und Ingvar Wixell bzw. Theo Adam in der Ponnelle-Inszenierung. Im Februar 1998 konnte sich Montserrat Caballé dann über das Bühnendebüt ihrer Tochter Montserrat Martì als Zerlina an der Hamburgischen Staatsoper freuen. Für das Internationale Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper gab Montserrat Caballé bis vor Kurzem noch Meisterklassen, und in Konzerten - mit und ohne Tochter - fand sie auch in späteren Jahren ein begeistertes Publikum, zu dem ich trotz aller Sympathien für diese großartige Künstlerin allerdings nicht gehöre.
 
"Semiramide" in Hamburg (mit Marilyn Horne)
Foto: privat
 

Ihr Repertoire war weitgefasst - sie sang sogar Sieglinde (1977 in Barcelona) und Salome (1987 an der Scala). Am bekanntesten sind sicherlich ihre zahlreichen Gesamtaufnahmen von Verismo- und Verdi-Partien. Ihre größten und bleibenden Verdienste liegen aber m. E. im Belcantofach, für das sie mit ihrer Legato- und Pianokultur prädestiniert war. Sie hat einmal geäußert, sie sei durch die Türen gegangen, die Maria Callas geöffnet hat... und was sie da gefunden und glücklicherweise in den Jahren 1965 bis 1972 auch aufgenommen hat, waren Raritäten von Rossini, Donizetti, Bellini und aus den frühen Verdi-Opern:


Zum Vergrößern bitte die Bilder anklicken
 



 

Umfassende Ausführungen zum persönlichen und künstlerischen Werdegang von Montserrat Caballé ist den zahlreichen Würdigungen in der Presse zu entnehmen, z. B.  von Jürgen Kesting in der FAZ vom 7. April 2013, der allerdings zu einem Geburtstag am 9. April gratuliert.


Rossini - Semiramide (Aix-en-Provence 1980)
Bellini - Norma (Madrid 1980)



Puccini - Tosca (Nizza 1980)


Donizetti - Roberto Devereux

 



2. Januar 2013

Maestro Alberto Zedda zum 85. Geburtstag - Sein Buch "Divagazioni rossiniane", vorgestellt von Gianfranco Mariotti

Heute feiert Maestro Alberto Zedda seinen 85. Geburtstag. Ich freue mich, aus diesem Anlass nachstehenden Beitrag veröffentlichen zu dürfen, der demnächst in La Gazzetta erscheinen wird, der Jahreszeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft, deren Ehrenpräsident Alberto Zedda seit vielen Jahren ist. Mit dieser - anlässlich der Präsentation des Buches von Alberto Zedda Divagazioni rossiniane gehaltenen - Rede zeichnet Gianfranco Mariotti, der Intendant des Rossini Opera Festivals in Pesaro, auf bewegende Weise die verschiedenen Facetten von Persönlichkeit und Schaffen Alberto Zeddas. Auf das Erscheinen des Buches in deutscher Übersetzung können wir uns wirklich sehr freuen. Herzliche Glückwünsche, alles Gute, Gesundheit und viele schöne musikalische Erlebnisse! (esg)
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Foto: Vlaamse Opera 2010/11
 
 Divagazioni rossiniane von Alberto Zedda. Buchpräsentation von Gianfranco Mariotti

Am 9. August 2012 präsentierte Gianfranco Mariotti, Intendant des Rossini Opera Festivals, in der Bibliothek „San Giovanni“ in Pesaro das eben erschienene Buch von Alberto Zedda, Divagazioni rossiniane („Rossinische Exkurse“).Auf unsere Anfrage hat Dr. Mariotti seine Rede für unseren Ehrenpräsidenten in Schriftform gebracht, und wir freuen uns, sie hier in deutscher Übersetzung rechtzeitig zu Alberto Zeddas 85. Geburtstag am 2. Januar 2013 abdrucken zu können. Die italienische Originalfassung ist unter www.rossinigesellschaft.de verfügbar. Außerdem bereitet die Deutsche Rossini Gesellschaft eine deutsche Übersetzung des Buches vor, die voraussichtlich Mitte 2013 als Band 8 der „Schriftenreihe“ bei Ricordi München erscheinen wird.

Wie wir alle wissen, gehört jedes Werk der menschlichen Kreativität (ein Buch, ein Gedicht, ein Musikstück, ein Bild, eine Skulptur), wenn es einmal den Kopf seines Schöpfers verlassen hat, dem Publikum: den Lesern, den Zuhörern, den Betrachtern. Ein Roman beispielsweise lebt, wenn die Nabelschnur zu seinem Schöpfer einmal durchtrennt ist, sein eigenes Leben und folgt einem eigenständigen Weg. Sie werden deshalb meine Verlegenheit verstehen, als mir die Aufgabe anvertraut wurde, ein Buch vorzustellen, das den Autor selbst verkörpert – und zudem noch einen Menschen, den ich gut kenne und an den mich eine brüderliche Freundschaft bindet und mit dem ich seit über dreißig Jahren leidenschaftlich ein rossinisches Abenteuer teile. Es fällt mir also schwer, die hier nötige Objektivität und Ausgewogenheit zu finden. Aber ich will es versuchen.

Das erste Merkmal, das an diesem Buch auffällt, ist seine Unausgeglichenheit. Zwar hat es zu Beginn ein Inhaltsverzeichnis, das genau das Gegenteil suggeriert, mit einer Reihe von schön geordneten Abschnitten. Es gibt einen autobiografischen Teil, einen Teil über die Bekanntschaft mit Rossini, einen zu den Fragen der rossinischen Vokalität, zu jenen der Aufführungspraxis, zu musikwissenschaftlichen Aspekten, Ratschläge für die Jungen, Betrachtungen in Form von Aufsätzen zu vierzehn Rossini-Opern. Aber es genügt eine erste Durchsicht, um sich bewusst zu werden, dass keiner dieser Abschnitte wirklich eigenständig ist, vielmehr berührt einer den anderen, und sie verflechten sich ständig. Man muss hinzufügen, dass sich der Autor des Problems vollkommen bewusst ist, wenn er gleich zu Beginn relativiert und daran erinnert, dass es sich eben um „Exkurse“ handelt, also um Notizen, um Gedanken und Ideen, die im Laufe der Zeit, in verschiedener Weise und zu unterschiedlichen Gelegenheiten entstanden sind, und wenn er anfügt, man solle beachten, dass es deshalb möglich sei, auf Wiederholungen, Ungenauigkeiten und sogar Widersprüche zu stoßen. Soweit, so klar? Nein. So wie Polonius angesichts von Hamlets Eigenartigkeiten ausruft: „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode“, so könnte ich sagen, dass der Mangel an Systematik in diesem Buch nicht nur von seiner Entstehungsgeschichte, vom Zufall oder von den Umständen abhängt, sondern von etwas Tiefgreifenderem und Grundsätzlicherem, das direkt dem Autor angehört. Kurz und gut: Es hat Methode. Tatsächlich erscheint Alberto Zedda in diesem Buch genau wie im Leben als ein Mensch mit drei Dimensionen: jener des Dirigenten, jener des Musikologen und jener des Lehrers. Grundsätzlich ist es so, dass er immer und jederzeit diese drei Dinge gleichzeitig ist. Es wäre ungerecht, aber auch unmöglich, Zedda nur unter einem dieser drei Aspekte zu betrachten. Das Resultat würde immer geringer als die Wirklichkeit ausfallen, denn es ist dauernd diese Dreieinigkeit, die seine Charakteristik und seine Stärke bildet. Alberto ist ein gebildeter Dirigent, mit einem reichen humanistischen Hintergrund, aber auch fähig eine Partitur mit der Kompetenz des Spezialisten zu handhaben. Im Weiteren ist er kein pedantischer Musikologe, sondern einer, der in der Lage ist, die Fragen des musikalischen Textes mit der Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand des praktizierenden Musikers anzugehen. Er ist schließlich ein großherziger Lehrer mit der Bereitschaft, den Jungen vor allem auf dem Gebiet des Belcanto die eigenen umfassenden Erfahrungen aus diversen Gebieten weiterzugeben. Die Unentwirrbarkeit dieser drei Dimensionen widerspiegelt sich in diesem Buch, und sie ist der wahre Grund für dessen Unausgeglichenheit. Wenn man einen schwülstigen Vergleich machen wollte, könnte man sagen, dass Zedda einem Künstler der Renaissance gleicht, der sich für alles interessiert und in unterschiedlichen Disziplinen brilliert. Wenn wir uns hingegen auf einen volkstümlicheren und banaleren Vergleich beschränken wollen, so könnten wir ihn mit einem Skifahrer vergleichen, der immer in der Kombination gewinnt…

Alberto Zedda bezeichnet sich gerne als „Dilettanten“, der es aber verstanden habe, Profi-Ergebnisse zu erzielen. Das ist offensichtlich eine Koketterie, aber sie enthält wie alle Paradoxe eine gewisse Wahrheit. Und in der Tat, wenn wir sehen, was der Autor über seine Erfahrungen erzählt, so erkennen wir, dass wir nicht weit von der Wahrheit entfernt sind. Doch hören wir seine eigenen Worte:
Mein kultureller Werdegang verlief eher ungewöhnlich. Statt in den Hörsälen der Universität und im Konservatorium, erfolgte er im Loggione der Scala und im Piccolo Teatro, in der Casa della Cultura und in der Società Umanitaria – also an Orten, wo damals begeisternde Diskussionen stattfanden, die in der Regel bei Jazz-Sessions im Santa Tecla, intellektuellen Mußestunden im„Giamaica“ und kräftigen Umtrünken im Cantinone endeten. […]

Ich habe mit allem experimentiert, jede Erfahrung mit leidenschaftlichem Eigensinn aufgesaugt: die religiöse Mystik, die erotische Exaltation, die Leidenschaft für das Schachspiel, die Schauspielkunst, die proletarische Arbeit, die rebellische Illegalität, Politik und Gewerkschaft, die kulturelle Debatte, die Suche nach Neuem, die Entdeckung des Alten – das Ganze bereichert durch eine unbändige Lesewut, die vor keinem Thema haltmacht. Ich bin also ein ‚Dilettant‘(im ursprünglichen Sinn des Wortes, d.h. jemand, der sich an allen Erfahrungen erfreut), der hart dafür gearbeitet hat, um in seinem Wirken eine tadellose Professionalität zu erreichen.
Objektiv gesehen ist keine seiner Laufbahnen wirklich linear und keine folgt einem kanonischen Studium und normalen Erfahrungen. Die Leidenschaft, die unerwarteten Ereignisse, manchmal der Zufall, das sich nicht Zufriedengeben mit einer Sache, das sich Zuwenden zu einer neuen Sache, ohne eine vorherige zu Ende zu führen – die plötzlichen Impulse beherrschen ihn, aber nur scheinbar: Die Resultate – auf allen Gebieten – erreichen immer wieder die Vollkommenheit, obwohl die Anhäufung vieler gleichzeitiger Dinge oft zu Überlappungen und Durcheinander führt. Wahrscheinlich ist es eine starke Egozentrik, die dieser scheinbaren Unordnung einen Sinn gibt. Die Ursache von all dem ist eine bemerkenswerte Entfaltung von Energie, die der eigenen Leidenschaft, dem eigenen Verlangen, den eigenen Trieben dient.

Aber betrachten wir ein Beispiel, das mir besonders typisch für all das Gesagte erscheint und das ich dem Buch entnehme. Bekanntlich hat Rossini 1867, ein Jahr vor seinem Tod, die Petite Messe solennelle für großes Orchester instrumentiert, nachdem er sie vier Jahre zuvor für eine Kammerbesetzung komponiert hatte. Seltsamerweise wird aber das Prélude Réligieux, das in der ursprünglichen Version dem Klavier solo anvertraut war, nicht orchestriert, sondern der Orgel übertragen, und zwar einer großen Domorgel, eine Voraussetzung, die in der Wirklichkeit oft nur schwer zu realisieren ist. An diesem Punkt (S. 115) bemerkt Zedda:
Es kommt so zu einem radikalen, ja peinlichen Klangkontrast: Während der acht Minuten des Prélude Réligieux und der vier des darauf folgenden „Sanctus” für Chor und Soli a cappella schweigt das Orchester; seine Instrumente ertönen dann nur noch einmal in den letzten beiden Nummern […]. Das daraus resultierende klangliche Ungleichgewicht ist derart gewaltig, dass das gesamte Werk dadurch aus der Balance gerät und in Hörer und Interpret ein vages Gefühl der Unvollendetheit entsteht […].

Einer der Gründe, die Rossini dazu bewogen haben könnten, das Prélude Réligieux gar nicht zu instrumentieren bzw. seine Orchestration auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, bestand vielleicht in einem technischen Problem: Die Exposition des Prélude beruht auf einem fugierten Thema, das nach klassischer Tradition eigentlich von einem einzigen Instrument ausgeführt werden sollte. Abgesehen jedoch von wenigen Streichinstrumenten wäre aufgrund seines ungewöhnlich großen Tonumfangs keines der übrigen von Rossini zur Orchestrierung seiner Werke verwendeten Instrumente in der Lage gewesen, das gesamte Thema durchzuführen. Wäre nicht sein Tod dazwischengekommen, dann hätte der Maestro wahrscheinlich auf ein entsprechend umfunktioniertes Bassetthorn (oder eine Bassettklarinette) zurückgegriffen. Heute lässt sich die Passage optimal mit einer Bassklarinette (oder einem Tenorsaxophon) bewältigen, die diesem sublimen Stück zudem die richtige Ausdrucksfarbe verleiht. Deshalb habe ich mir nach Jahren des Zögerns in aller Bescheidenheit erlaubt, es anstelle von Rossini zu instrumentieren, der mir diesen mutigen Liebesbeweis aber bestimmt verzeihen wird.
Es ist also Zedda selbst, der kühn, aber mit guten Argumenten das himmlische Prélude, das ursprünglich der Orgel überlassen wurde, für ein großes Sinfonieorchester instrumentiert. Ich füge an, dass die Petite Messe für Orchester in dieser Fassung auch einmal in Pesaro mit einem faszinierenden und überzeugenden Resultat aufgeführt wurde. Nun frage ich mich, und ich frage Sie: Welcher Zedda agiert in dieser Episode? Der Dirigent? Der Musiker? Der Musikologe? Der Korrepetitor? All dies zusammen?

Wenn wir dieses Buch als authentisches Zeugnis, als Dokument eines Lebens betrachten (und das ist es), dann müssen wir daraus schließen, dass all diesem ein widersprüchlicher Kern, ein Oxymoron zugrunde liegt, eine Mischung aus Großzügigkeit und Egoismus, zwei Kategorien, die natürlich nicht materiell zu verstehen sind, sondern vielmehr ideell oder metaphysisch. Was den ersten Punkt betrifft: Alberto lebte und lebt ein großherziges Dasein, das von der Bereitschaft gekennzeichnet ist, den anderen viel von sich zu geben, namentlich den jungen Künstlern, wie dieses Buch selbst bezeugt. Um diese Charakteristik zu verstehen, muss man ihn bei der Arbeit in den Kursen der Accademia Rossiniana erlebt haben, muss man ihn gehört haben, wie er mit seiner sintflutartigen und überbordenden Eloquenz die Schüler überrollt, um sie zu bezaubern, zu überraschen, zu informieren, zu korrigieren, zu beschimpfen, zu beschwichtigen, zu erhellen, zu überzeugen… Ein echtes Gewitter, vermischt mit wertvollen technischen Ratschlägen, geschmackvollen Bemerkungen, einschlägigen Hinweisen, das die Schüler schließlich gereinigt und verändert und jedenfalls mit einer bleibenden Dankbarkeit dem Maestro gegenüber für das unvergessliche Bildungserlebnis von Pesaro zurücklässt. Hören Sie dazu folgende Passage aus dem Buch:
Es wird nicht genügend beachtet, dass es einer umfassenden kulturellen Aus- und Fortbildung bedarf, die sichüber die rein auf die Musik ausgerichteten Gebiete hinaus erstreckt. Ohne eine entsprechende Neugier kann man aber nicht den ständigen Wandel der Interpretationsmodelle wahrnehmen, die jede neue Generation wieder in Frage stellt. Kritiker prüfen täglich die in den Opernhäusern und Konzertsälen bestehenden künstlerischen Tendenzen und analysieren sie unter der Lupe der Aktualität; Musikwissenschaftler untersuchen die Entdeckungen grundlos vergessener Nachlässe und fördern deren Neubelebung, indem sie Hinweise zu einer passenden Aufführungspraxis erteilen; Gesangsexperten verfeinern die Techniken, um den Anforderungen gerecht zu werden, die die wiederentdeckten Werke stellen; Komponisten riskieren es, bei der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksmitteln auf Unverständnis zu stoßen; Organisatoren von Festivals und Konzerten suchen nach Kommunikationsformen, die den Zuspruch eines jungen Publikums finden. Der Opernsänger darf hier nicht am Rande des Geschehens verharren, als ginge ihn das Ganze nichts an: Er weiß nicht, welch großen Nutzen er aus all diesen Erkundungen ziehen kann, wie viele Anregungen, wie viele Anstöße zur Bewältigung seiner jeweiligen Probleme. Denn auch das Singen ist eine geistige Aktivität und kommt von daher nicht ohne gründliches Nachdenken aus.Es wird für ihn eine angenehme Überraschung sein, festzustellen, wie viele Schwierigkeiten sich durch Intelligenz und Bildung aus dem Weg räumen lassen.
Was den Egoismus Zeddas betrifft, so handelt es sich – natürlich –um eine Haltung, die auf Ichbezogenheit und einer gehörigen Portion Selbstwertgefühl basiert, aber vor allem auf der Vorherrschaft und der Unbezwingbarkeit des Verlangens, verbunden mit einer geringen Bereitwilligkeit zum Verzicht. Dieses alles Verlangen und auf nichts Verzichten widerspricht natürlich jedes Mal der wirklich zur Verfügung stehenden Zeit und ist Ursache für Kollisionen, Überlappungen und Nichteinhaltungen. Das Merkwürdige dabei ist, dass dies nicht nur bei den großen Unternehmungen geschieht, sondern auch in den kleinen und alltäglichen Dingen, ob bei einem Museumsbesuch, einem Ausflug zu einem Aussichtspunkt oder selbst bei einem mehrgängigen Menü. Aber ich möchte ein anderes Beispiel anführen, das indirekt, aber vielsagend eine typische Form von Albertos metaphysischem Egoismus aufzeigt, nämlich die unbezähmbare Neigung zur Abschweifung. Ich habe bereits seine überbordende und unaufhaltsame Eloquenz erwähnt. Wenn er also spricht, bildet sich in seinem Gehirn manchmal eine Parenthese, die auf ein kleines Detail anspielt. Jeder andere würde zügig fortfahren, um den Faden nicht zu verlieren. Er nicht. Er geht auf die Klammer ein und fährt dann zuversichtlich fort, aber nicht immer findet er die Hauptlinie wieder, ja oftmals kommt er davon ab und verliert sich. Das ist, wie mir scheint, ein Beispiel seiner mangelnden Bereitschaft, selbst auf kleinste Details zu verzichten.

Der letzte Teil ist den Betrachtungen des Bildungsmenschen (natürlich immer in seiner Dreieinigkeit) rund um vierzehn rossinische Werke gewidmet. Es handelt sich um eine wahre Fundgrube von anregenden Bemerkungen, die ich hier nicht einmal zusammenzufassen versuche. Aber eine möchte ich zitieren, bezüglich Tancredi, weil sie selbst mich, der ich mit Alberto solche Themen unzählige Male diskutiert habe, überrascht hat. Bekanntlich hat Tancredi zwei Finali: das ursprüngliche, glückliche Ende, das Rossini 1813 für Venedig komponiert hat, und das tragische, das er im gleichen Jahr für die Wiederaufnahme in Ferrara geschrieben hat, wohl auf Anregung des Grafen Luigi Lechi, bei dem er zu Gast war. Es ist auch bekannt, dass der Oper ein Libretto zugrunde liegt, das von Absurditäten gekennzeichnet ist, wo die verliebten Hauptpersonen, Tancredi und Amenaide, Opfer eines tragischen Missverständnisses sind, das sie bis zum Schluss nie klären, obwohl sie viele Gelegenheiten dazu hätten. Daraus entsteht ein beklemmendes Klima, ein Albtraum, ähnlich den Träumen, die jeder von uns manchmal hat, in dem eine absurde Situation auf die andere folgt, ohne dass man je zu einer Auflösung kommt. Die Geschichte sagt, dass das tragische Finale wegen seiner ungewohnten, nüchternen Schmucklosigkeit das Publikum befremdet habe, zeigte es doch statt des üblichen schmerzlosen Schlusses eine tiefschürfende Sterbeszene mit wenigen essentiellen Noten im diminuendo, ein wahrhaftiges Aushauchen der Töne in der Totenstille (Fedele D’Amico schrieb seinerzeit wunderschön in unserem Programmheft:„man glaubt die Entstehung der Stille mittels der Musik selbst hören zu können“). Die Geschichte des Autographs erzählt uns Zedda in seinem Buch. Rossini, der von der Ablehnung des Publikums Kenntnis genommen hatte, griff wieder auf das glückliche Ende zurück und ließ das andere fallen; seine Spuren verlieren sich, und es galt für anderthalb Jahrhunderte als verloren. Die Nachfahren von Luigi Lechi haben es in den 1970er-Jahren in dessen Nachlass gefunden und Zedda zur Kenntnis gebracht, der es großzügig Philip Gossett überließ, dem Herausgeber der kritischen Edition von Tancredi. Dies erlaubte dem ROF, die Oper 1982 erstmals mit dem unveröffentlichten tragischen Ende aufzuführen, und zwar mittels eines Regieeinfalls sogar mit beiden Finali hintereinander (und man erlaube mir hier, die Verantwortung für die ursprüngliche Idee dieser eigenwilligen Lösung zu übernehmen). Es steht außer Zweifel, dass für unsere Kultur und unseren heutigen Geschmack das tragische Ende in ästhetischer Hinsicht als schöner, moderner, eindrucksvoller und bewegender betrachtet wird, und es ist auch dasjenige, das heute fast immer vorgezogen wird. Es bleibt die Verwunderung über eine so drastische und konsequente Lösung Rossinis. Zedda spricht in seinem Buch an zwei Stellen davon, die sich teilweise widersprechen. Die erste findet sich auf Seite 18, wo er sagt, dass dieses Stück
[…] mit beeindruckender Wahrhaftigkeit die Tragödie des Sterbens erfasst. Der Klang, die Musik, die Stimme erlöschen ganz allmählich, bis sie schließlich die kosmische Leere erreichen, das Nichts. Rossini muss dieses bittere Bekenntnis eines agnostischen Pessimismus selbst so erschüttert haben, dass er es bei späteren Reprisen nicht mehr in die Oper einfügen wollte. Gegen seine Gewohnheit ließ er das autographe Manuskript in den Händen seines Inspirators, der es dann, vielleicht dem Willen seines Gebers entsprechend, vor aller Welt verborgen hielt.
Aber später, auf Seite 172, stellt er eine anderslautende und eindringlichere Überlegung an, wenn er bemerkt, dass Rossini bei der Erfüllung von Luigi Lechis Wunsch…
[…] zwar eine intellektuell tadellose Operation ausführt, mit dieser sinnvollen Geste aber der versteckten Traumlogik widerspricht und ihren morbiden Zauber stört. […] Mit unfehlbarem theatralischem Gespür erkennt er, dass dieses konkrete Bild, dieser logische Schluss mit der Mysteriosität kollidiert, die das Handeln seiner Verliebten umgibt. Im Nachhinein verwirft er so seinen Eingriff und kehrt zu dem glücklichen Finale zurück, das – gerade wegen der evidenten Absurdität des Handlungsgeschehens – wie das beruhigende Erwachen aus einem Albtraum klingt.
Es stimmt, und ich gestehe, dass ich das nie in Erwägung gezogen habe. Das tragische Finale ist sicher schöner, aber es löst nicht, sondern verlängert vielmehr die beklemmende Widersinnigkeit, die das Merkmal dieser Oper ist. Das glückliche Ende dagegen, obwohl musikalisch weniger wertvoll, wirkt tatsächlich wie das „beruhigende Erwachen aus einem Albtraum“ und ist deshalb paradoxerweise in theatralischer Hinsicht viel schlüssiger als das andere. Nun müssen Sie wissen, dass dieses Buch voll von solchen erhellenden Betrachtungen ist, weshalb ich es Ihnen zur Lektüre empfehle.

Ich komme zum Schluss. Ich habe zuvor von Zeddas Energie gesprochen. Da gibt es auch eine ganz spezielle, diejenige, die die Spanier mit duende bezeichnen und die nur wenige besitzen; etwas, das niemand definieren kann, aber das alle kennen, nämlich eine verhüllte Energie, ein Charisma, eine Tiefe, ein positiver Dämon oder – um es mit Garcia Lorca zu sagen – „eine geheimnisvolle Macht, die jeder fühlt, aber kein Philosoph erklärt“ (Theorie und Spiel des Dämons, 1933). Also, wenn Sie es wissen wollen: Alberto ist voll von duende. Ich beschränke mich auf ein Beispiel. Vor einigen Jahren sollten wir beim Rossini Opera Festival La scala di seta zur Aufführung bringen, als der verpflichtete Dirigent plötzlich eine Krise hatte und uns nach der Generalprobe im Stich ließ. Wir hatten keine andere Wahl als auf die beiden Dirigenten, die vor Ort waren und zum Glück die Partitur kannten, zuzugehen und sie zu bitten, das Dirigentenpult abwechselnd zu übernehmen. Einer der beiden war Alberto Zedda. Ich füge hinzu, dass beide Dirigenten keine Gelegenheit hatten, mit dem Orchester zu proben. Als es soweit war, zeigte sich, dass hinsichtlich der Klarheit und Präzision der Zeichengebung der andere Dirigent besser zu dirigieren schien, aber dennoch fiel das Ergebnis anders aus: das Orchester spielte besser unter Alberto. Es hatte eine andere Brillanz, einen anderen Elan, ja selbst eine andere Klangfarbe. Eine Frage von Kommunikationsfähigkeit und Erfahrung, sicherlich; aber ich glaube vor allem eine Frage von duende!

Übersetzung von Reto Müller. Die Übersetzung der Buchzitate stammt von Marcus Köhler

© Deutsche Rossini Gesellschaft e.V.
Auszug aus «La Gazzetta», Zeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft, XII, 2012

Alberto Zedda, Divagazioni rossiniane, Mailand, Ricordi 2012, 196 Seiten, kartoniert, ISBN 978-88-7592-921-3, € 18,00.
Deutsche Übersetzung von Marcus Köhler
in Vorbereitung: München, Ricordi 2013 (=Schriftenreihe der Deutschen Rossini Gesellschaft, 8).

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Und hier meine ganz persönlichen Glückwünsche,
verbunden mit einem Auszug aus meiner Aufführungs-Datenbank:

Zum Vergrößern bitte anklicken!


Eine kleine Geschichte am Rande:
In den frühen 1980er-Jahren dirigierte Alberto Zedda des Öfteren an der Hamburgischen Staatsoper. Bei anderen Dirigenten gab es auch damals die - leider auch heute noch - üblichen Striche beim Barbiere di Siviglia, - nicht aber, wenn Alberto Zedda am Pult stand! In einer dieser Vorstellungen wähnte sich der Sänger des Conte Almaviva bei der Cabaletta des Duetts Figaro/Almaviva "All' idea di quel metallo" schon auf der Zielgeraden und wirkte leicht verwirrt, als es noch weiterging, - er fand aber schnell wieder den Anschluss...
 
 
Mehr zu Alberto Zedda hier im Blog:
 
 
Diverse Aufführungsrezensionen über die Rubrik

9. November 2012

Zum Gedenken an Hans Werner Henze (1926 - 2012)


Ein Nachruf auf den am 27. Oktober 2012 verstorbenen Hans Werner Henze in einem der Belcanto-Oper gewidmetem Blog? Ja, mir ist es ein Bedürfnis! Denn wenn sich auch mein Interesse im Laufe der Jahrzehnte auf Belcantogesang fokussiert hat, hat das Werk von Hans Werner Henze in meinem Opernleben eine wichtige und auch durchaus prägende Rolle gespielt.


Mein Zugang zur Oper geschah gänzlich unvoreingenommen. Nach meinem ersten Opernbesuch am 8. Mai 1960 - Mozarts "Entführung aus dem Serail" mit Anneliese Rothenberger und unter dem wundervollen Dirigat von Istvan Kertesz - war ich so begeistert, dass ich so schnell wie möglich wieder in die Hamburgische Staatsoper wollte. So wurde die gerade uraufgeführte Oper "Der Prinz von Homburg" von Hans Werner Henze (Libretto: Ingeborg Bachmann nach dem Schauspiel von Heinrich von Kleist) am 28. Mai 1960 mein zweiter Opernbesuch, und ich war wieder begeistert!

Als ich Jahrzehnte später Hans Werner Henze auf der Premierenfeier von "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" von meinem Jugenderlebnis erzählte, hat ihn das sehr gefreut. Letztlich verdanke ich ihm, dass ich stets neugierig auch auf Neues und Unbekanntes geblieben bin und keine Scheu vor modernen Opern habe, auch wenn mir natürlich nicht alle gleichermaßen gefallen. Aber Live-Erlebnisse wie die Weltraumoper "Aniara" von Karl Birger Blomdahl (1961), "Le Grand Macabre" von György Ligeti (1981), "Kullervo" von Aulis Sallinen (2001 am Theater Lübeck) oder "Tri sestri" von Peter Eötvös (2000/2001 und 2006) und zuletzt "Lear" von Aribert Reimann (im Januar 2012 endlich in Hamburg!) waren und sind prägende Stationen in meinem Opernleben, - Beispiele für modernes Musiktheater, das sich bei einem rein akustischen Zugang sicherlich nicht so leicht erschließen ließe. Also neugierig sein und hingehen! Mir ist immer gegenwärtig, dass ja auch die Opern, die heute unser Standardrepertoire bilden oder die jetzt nach 150 oder gar 200 und mehr Jahren wieder "ausgegraben" werden, alle einmal ein auf die Uraufführung neugieriges Publikum hatten.

Nach einer längeren Unterbrechung gab es dann in den 1980er Jahren wieder einige Gelegenheiten, an der Hamburgischen Staatsoper Werke von Hans Werner Henze aus seinen verschiedensten Schaffensperioden kennenzulernen: "Das Wundertheater" (1980 und 1981 in der  Opera stabile), "El Rey de Harlem" (1982 in der Opera stabile) und die Bearbeitung von Paisiellos "Don Quichotte"(1983 auf Kampnagel). Im Juni 2001 brachte Ingo Metzmacher endlich auch in Hamburg (Laeiszhalle) "Das Floß der Medusa" (Oratorium in memoriam Che Guevara) zur Aufführung , - die Uraufführung 1968 in Hamburg war unter Tumulten nebst Polizeieinsatz gescheitert, der Chor hatte seine Mitwirkung wegen einer roten Fahne am Dirigentenpult verweigert (Bericht in "Die Zeit" vom 13. Dezember 1968). Im September 2001 stand dann im Großen Haus der Hamburgischen Staatsoper "We Come to the River" auf dem Spielplan, ein Werk aus den 1970er Jahren, einer Zeit, in der Henze auch die Filmmusik zu "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" schuf; die daraus entstandene Konzertsuite für Orchester ist  - zusammen mit einem Auszug aus der Filmmusik zu "Un Amour de Swann" - auf LP erschienen, und von dem, was ich nicht live erleben konnte - wie z. B. die Opern "Der junge Lord" und "Boulevard Solitude" oder "Tristan" (Préludes für Klavier, Tonbänder und Orchester von 1974) -, steht einiges jedenfalls in meiner LP-/CD-/DVD-Sammlung.

 
Unter Simone Young konnte ich in Hamburg 2006 (und bei der WA 2008) "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" erleben, - ein anrührendes märchenhaftes Werk voller Altersweisheit.


Foto: Homepage Reto Nickler
 
Ein ganz besonderes Erlebnis war dann 2008 die Aufführung von "Elegie für junge Liebende" in der kongenialen Inszenierung von Reto Nickler am Theater Lübeck, - ein packendes Psychodrama um den von Gerard Quinn hervorragend gesungenen und subtil gespielten egomanischen Künstler Mittendorfer.

Auch moderne Musik kann Gefühl, Herz und Seele unmittelbar ansprechen und berühren. Danke!

 

 
 
 

17. April 2012

Marta Eggerth - Eine Legende wird 100




Heute, am 17. April 2012, wird Marta Eggerth 100 Jahre alt. Ab 1930 war sie der glamouröse Star zahlreicher Musikfilme, ab 1936 zusammen mit ihrem Ehemann, dem ebenso berühmten polnischen Tenor Jan Kiepura (1902 - 1966), - zunächst in Deutschland und dann ab 1938 in den USA. Sie filmte in Hollywood, er feierte Erfolge an der Metropolitan Opera in New York, gemeinsam standen sie ab 1943 in einer Broadway-Produktion der "Merry Widow" auf der Bühne, es sollen an die 3000 Vorstellungen gewesen sein. Mit der "Lustigen Witwe" gastierten sie nach dem Krieg auch in Europa, u. a. auch in Berlin, wo ich das "Traumpaar der Operette" 1965 im Theater des Westens erleben durfte. Ein Wiedersehen mit Marta Eggerth gab es dann 1999 im Fernsehen im Wiener Tatort-Krimi "Nie wieder Oper". Schauplatz ist ein Seniorenheim für pensionierte Opernsänger. Dort ist ein ehemaliger Startenor auf mysteriöse Weise gestorben, um dessen Gunst einst zwei ebenfalls im Heim lebende Sängerinnen - großartig gespielt von Marta Eggerth und Erni Mangold -  konkurriert hatten. Mit von der Partie als Heimbewohner sind Gerda Scheyrer, Christel Goltz, Adolf Dallapozza, Walter Berry, Otto Edelmann und Waldemar Kmentt, außerdem noch Marcel Prawy, Kiepuras ehemaliger Privatsekretär.

 
 
 

„Zauber der Bohème“ (deutscher Spielfilm von 1936/37,
mit englischen Untertiteln) ist ein Rührstück - aber mit vielen
Opernszenen - , der ahnen lässt, warum Jan Kiepura und Marta Eggerth
 damals insbesondere in Deutschland so ungemein populär waren.

 Filmausschnitt: Mimis Tod
 


3. März 1965 - Berlin, Theater des Westens
"Die lustige Witwe" mit Jan Kiepura und Marta Eggerth
(zum Vergrößern ins Bild klicken)






1999 - Tatort-Krimi "Nie wieder Oper"


Interview zum 99. Geburtstag
Bayr. Rundfunk - Operetten-Boulevard 23. April 2011


Zum 100. Geburtstag:
Hamburger Abendblatt vom 16. April 2012

16. April 2012

Luigi Alva - Il conte Almaviva wurde 85

Am 10. April konnte Luigi Alva seinen 85. Geburtstag feiern. Herzlichen Glückwunsch!

Sein Name wurde ein Synonym für den Conte Almaviva:
ALMAVIVA  -  VIVA ALVA  -  ALVAVIVA

Er war viele Jahre lang der Almaviva "vom Dienst", auf den großen Opernbühnen weltweit und im Aufnahmestudio. Karsten Steiger verzeichnet in der 1. Auflage seines Buchs "Opern - Ein Verzeichnis aller Aufnahmen" für die Zeit von 1956 bis 1971 nicht weniger als zehn Gesamtaufnahmen - davon vier Studioaufnahmen -, in denen Luigi Alva den Conte Almaviva in Rossinis "Barbiere di Siviglia" verkörperte.

Hamburg 31. Dez. 1982 (Fotos: privat)

Auch in Hamburg war er in dieser Partie ein beliebter Gast. In den Jahren 1980 bis 1985 habe ich ihn in fünf Vorstellungen erlebt, - schönstimmig, koloraturgewandt, eloquent und spielfreudig, charmant und von elegantem Auftreten. 1980 neben Leo Nucci als Figaro, 1985 an der Seite von Frederica von Stade und Nicolai Ghiaurov, - wahre Sternstunden! Und wenn Alberto Zedda dirigierte, wurden auch all die üblichen und ärgerlichen Striche wieder aufgemacht, da fehlte nichts - außer natürlich der großen Arie "Cessa di più resistere", die aber vor Rockwell Blake meines Wissens kein Tenor im Repertoire hatte.








Stationen seiner Karriere: 





15. April 2012

Samuel Ramey – Eine Hommage zu seinem 70. Geburtstag

Hamburg 1983 (Foto: privat)
Am 28. März 2012 wurde Samuel Ramey 70 Jahre alt. Radio Ö 1 brachte aus diesem Anlass am 27. März einen Rückblick auf die Karriere dieses großen Sängers, der im Rahmen der Rossini-Renaissance das in Vergessenheit geratene Stimmfach des Koloraturbasses wieder in den Focus der Aufmerksamkeit rückte. Und auch mir wurden die Erinnerungen an die Zeit lebendig, als Samuel Ramey regelmäßig an der Hamburgischen Staatsoper zu erleben war.


Mein persönlicher Blick zurück beginnt mit dem 30. Mai 1980. Es gab eine mit Hermann Prey in der Titelpartie prominent besetzte Repertoire-Aufführung von Tschaikowskys „Eugen Onegin“. David Rendall war ein wunderbarer Lenski, aber im letzten Akt ist der Tenor bekanntlich nicht mehr präsent. Da stand nun die Arie des Gremin an, und ich bereitete mich innerlich – ich muss es zugeben – auf einige gepflegt-langweilige Minuten vor... , aber als dann „Ein jeder kennt die Lieb' auf Erden“ erklang – seinerzeit wurde „Eugen Onegin“ noch auf Deutsch gesungen –, war ich hellwach und begeistert. Was für eine Stimme! Was für eine Gestaltung! Samuel Ramey? Wer ist denn das? Googeln konnte man damals ja noch nicht, in der Presse wurde er nicht einmal erwähnt.


Ich aber beschloss, mir diesen Namen zu merken. Und als ich dann einige Monate später den Namen wieder in einer Besetzungsliste entdeckte, war ich natürlich dabei und hörte am 1. November 1980 einen ausgezeichnet gesungenen Banquo in Verdis „Macbeth“.

Dass Ramey in der Zwischenzeit im Sommer 1980 in Aix-en-Provence als Assur in Rossinis „Semiramide“ an der Seite von Marilyn Horne und Montserrat Caballé sein internationaler Durchbruch als Koloraturbass gelungen war, erfuhr ich erst später, - für mich war Samuel Ramey immer noch meine ganz persönliche Entdeckung.


 Als Assur 1980 in Aix-en-Provence


 


1983 kam Rossinis „Semiramide“ dann endlich auch nach Hamburg, - wenn auch nur konzertant und – wie in Aix - von über vier Stunden Musiklänge auf knapp drei Stunden gekürzt. In den vier Hauptpartien die Besetzung wie in Aix-en-Provence 1980: Montserrat Caballé, Marilyn Horne, Francisco Araiza und Samuel Ramey. Diese erste Begegnung mit einer ernsten Rossini-Oper hat bei mir eingeschlagen wie der Blitz und mich für diese Musik auf Dauer infiziert, - kein Wunder, wenn man sie so großartig präsentiert bekommt. Das waren in den großen Duetten Horne – Caballé und Horne – Ramey wahre Koloraturwettstreite, und dann die über 15 Minuten lange Solo-Szene des Assur, - atemberaubend! 1985 gab es noch einmal eine Serie, wieder mit dem Vierergespann aus Aix, aber sogar das war noch zu toppen: in der Vorstellung am 13. Mai 1985 sang nicht Araiza den Idreno, sondern...Chris Merritt, damals noch in Augsburg engagiert, aber bald auf dem Weg zur großen internationalen Karriere als Rossini-Baritenor. Der Erfolg in Hamburg war durchschlagend: der Chor trampelte Beifall!



Drei der ganz Großen der Rossini-Renaissance zusammen auf der Bühne, unvergesslich!

Welches Opernneuland in den 1980-er Jahren mit den unbekannten Opern Rossinis betreten wurde, mag folgende Begebenheit veranschaulichen: Als in einer Mailänder Zeitung berichtet wurde, dass die Scala erstmalig „Il viaggio a Reims“ - also die Reise nach Reims - präsentiert, soll es Anrufe von Interessenten gegeben haben, die nach Reims mitfahren wollten!


 
Hamburg 1985 (Foto: privat)


Leider blieb der Assur die einzige Rossini-Partie, in der ich Samuel Ramey live erleben durfte. Aber in anderen Rollen gastierte er in Hamburg: Die vier Bösewichte in „Les Contes d'Hoffmann“ von Offenbach (1983), König Philipp in Verdis „Don Carlo“ (1983 und 1985), Mephistofeles in Gounods „Faust“ (1985 und 1986), Boitos „Mefistofele“ (konzertant 1986) und Mozarts „Don Giovanni“ (1987 und 1988). Ein besonderes Ereignis war der Solo-Abend am 21. März 1988 mit einem weitgefächerten Programm von Händel und Purcell über Schubert, Rossini, Britten, Ravel bis Ives und mit fünf Zugaben von Mozart über Gounod bis zum „Ol' Man River“.


Herzlichen Dank, lieber Samuel Ramey!


Interview The Houston Chronicle 17. April 2012:
Bass Samuel Ramey still loves his opera life

 
 
 
 
 

 
 Der Post wurde am 7. März 2013 überarbeitet, indem einige bei YouTube
zwischenzeitlich gelöschte Videos ersetzt worden sind.