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28. Oktober 2013

SEMIRAMIS-OPERN AUF CD: Rossinis "Semiramide" aus der Vlaamse Opera unter Alberto Zedda und vom Festival Rossini in Wildbad unter Antonino Fogliani / Semiramis in Opern von Catel und Meyerbeer


"Semiramide", uraufgeführt 1823, ist Rossinis letzte und die vollkommenste seiner italienischen dramatischen Opern, und wenn Alberto Zedda dieses Meisterwerk dirigiert, ist dies für die Deutsche Rossini Gesellschaft willkommener Anlass, dort die Jahreshauptversammlung oder ein Mitgliedertreffen zu organisieren, um ihren Ehrenpräsidenten live zu erleben und nach der Aufführung zu treffen, - so zu Aufführungen von "Semiramide" 2001 an der Opéra Royal de Wallonie in Liège (Lüttich), 2003 an der Deutschen Oper Berlin und zuletzt 2011 an der Vlaamse Opera in Gent. Von dieser Aufführungsserie in Gent (und Antwerpen) ist nun eine Aufnahme auf CD erschienen, - neben dem Mitschnitt vom Rossini Opera Festival in Pesaro 1992 die einzige auf CD dokumentierte "Semiramide" in der Interpretation von Alberto Zedda.



Die nachfolgende CD-Rezension von Julia Poser wird im nächsten Mitteilungsblatt der DRG erscheinen:

Zeddas bezwingende Interpretation

Die Mitglieder der Deutschen Rossini Gesellschaft, die im Januar 2011 in Gent eine musikalische Sternstunde mit Semiramide unter Alberto Zedda erlebten, können sich jetzt auf eine Einspielung der Oper auf CD freuen. Die Firma Dynamic hat den Mitschnitt aus Gent kürzlich herausgebracht und so kann man zuhause noch einmal die Schönheit der Musik Rossinis unter der Stabführung ihres begnadeten Dirigenten genießen. Keine Striche – jeder einzelne Takt wird von dem dreiundachtzigjährigen Maestro mit geradezu jugendlichem Feuer gebracht. Über vier Stunden entwickelt er eine klare Gestaltungskraft und so erlebt man eine unübertreffliche Wiedergabe dieser letzten großen italienischen Oper Rossinis.

          Das hochmotivierte Symphonie Orchester der Vlaamse Oper musiziert unter Zeddas Leitung kraftvoll und spannungsreich, hält den großen Bogen von der Ouvertüre bis zum jubelnden Schlusschor „Adori il novello suo re“ mit nie nachlassendem Elan.

          Die drei Hauptpartien sind glänzend besetzt. Myrto Papatanasiu singt die babylonische Königin mit glockenreinen Spitzentönen, sicheren Koloraturen und bewältigt gesanglich den Wechsel von der verliebten Frau zur schuldbewussten Mutter mit erschütternder Intensität. Ann Hallenberg überzeugt mit volltönendem Mezzo als Arsace. Von besonderer Schönheit sind die Duette der beiden Sängerinnen in „Alle piu care imagini“ und in „Giorno d’orror“, in denen die Stimmen in wunderbarer Harmonie zusammenfinden. Josef Wagner als ruchloser Königsmörder kann mit sonorem schwarzem Bass prunken . „Egli geme, egli smania, sospira“ kommentiert der Chor seine Wahnvorstellungen, die er mit kraftvollen Koloraturen besingt. Robert McPherson erreicht nicht ganz das hohe Niveau der drei Protagonisten. Die zwei anspruchsvollen Arien des indischen Königs Idreno bewältigt der Tenor mit Anstand, aber ohne besondere Leuchtkraft. Igor Bakan (Oroe), Julianne Gearhart (Azema), Eduardo Santamaria (Mitrane) und Charles Dekeyser (Stimme des Nino) ergänzen die Einspielung. Hervorragend bewährt sich der Chor der Vlaamse Opera.

          Auf dem Aufdruck der CDs wird man an die schauderhafte Regie und die hässlichen Kostüme von Nigel Lowery erinnert, aber die sieht man beim Anhören zum Glück nicht.

Semiramide Dynamic CDS 674-1-3, 3 CDs (74'04), (76'11), (79'17), Aufnahme aus Gent 11. Januar 2011, Etwas mageres Beiheft: ital.-engl. Aufsatz von Danilo Prefumo, kurze Inhaltsangabe ital.- engl. ohne Tracks, Namen der Orchestermusiker und des Chors, keine Biographien der Solisten.

Julia Poser
Einen Eindruck von der Inszenierung bietet das

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Auch beim Festival "Rossini in Wildbad" gab es 2012 Aufführungen
von Rossinis "Semiramide", dirigiert von Antonino Fogliani.
Der Mitschnitt ist nun bei Naxos auf CD erschienen.

 
Aufführungsbericht hier im Blog und CD-Rezension bei Opera Lounge.

Eine Einführung in das Werk und das komplette Libretto (Italienisch / Deutsch)
bietet Band 34 der von der DRG herausgegebenen Reihe "Operntexte":


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Episoden aus dem Leben der babylonischen Königin Semiramis wurden auch bereits vor Rossini von zahlreichen anderen Komponisten als Opernstoff gewählt. Zwei m. E. sehr lohnende Raritäten wurden bei Festivals aufgeführt und sind als CD-Mitschnitte erhältlich: zum einen "Sémiramis" von Charles-Simon Catel (1802) aus Montpellier vom Festival de Radio France 2011 unter Hervé Niquet (und mit einer fulminanten Maria Riccarda Wesseling in der Titelpartie), zum anderen "Semiramide riconusciuta" von Giacomo Meyerbeer vom Belcantofestival Rossini in Wildbad 2005 unter Richard Bonynge:

Maria Riccarda Wesseling, Gabrielle Philiponet, Mathias Vidal,
Nicolas Courjal, Andrew Foster-Williams, Nicolas Maire


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Nachtrag (7. 8. 2014)






6. Juni 2013

Antonino Fogliani: Zehn Jahre Rossini-Dirigent in Bad Wildbad ​

Pressemitteilung 6/2013

Bad Wildbad. Antonino Fogliani feiert eine Dekade beim Belcanto Opera Festival ROSSINI IN WILDBAD mit dem Dirigat der vollständigen Aufführung von Rossinis monumentalem Meisterwerk GUILLAUME TELL. Gerade eben kommt der Maestro von den Orchesterproben in Brno (Tschechien) zurück. Er ist beglückt über das hohe Niveau des Orchesters, das alle seine Intentionen umsetzen kann.

Fogliani, einem der weltweit führenden Rossini-Spezialisten, ist als Musikdirektor des Opernfestivals das hohe musikalische Niveau von ROSSINI IN WILDBAD mit zu verdanken. Seitdem er 2004 mit Ciro in Babilonia (erfolgreiche CD bei Naxos!) zum ersten Mal in Bad Wildbad dirigierte, kehrt der in Messina geborene Antonino Fogliani jährlich in den Schwarzwald zurück. Grund hierfür ist auch die familiäre Atmosphäre bei ROSSINI IN WILDBAD, wo sich jeden Sommer Musiker, Sänger und Belcanto-Liebhaber aus Italien und der ganzen Welt treffen.
Antonino Fogliani graduierte zunächst im Fach Klavier bevor er bei Vittorio Parisi am Konservatorium Giuseppe Verdi in Mailand Dirigieren studierte. Seinem gefeierten Debüt beim Rossini Opera Festival Pesaro 2001 mit Rossinis Il viaggio a Reims folgten zahlreiche Verpflichtungen an bekannten Opernhäusern, darunter das Teatro La Fenice Venedig, das Teatro dell’Opera Rom, das Teatro San Carlo Neapel und die Opéra Comique Paris. An der Mailänder Scala dirigierte er unter anderem die Neuproduktion von Donizettis Maria Stuarda. Regelmäßig leitet er das Orchestra nazionale di Santa Cecilia Rom, das Orchestra Filarmonica des Teatro V. Bellini in Catania, das Orchester I Pomeriggi Musicali in Mailand oder auch das Sydney Symphony Orchestra.

Neben zahlreichen weiteren Dirigaten unter anderem in Houston, am Bolschoi Theater in Moskau, am Liceu in Barcelona oder in St. Gallen spielte Fogliani zahlreiche CD-Aufnahmen ein, darunter Rossinis Ciro in Babilonia, Mosè in Egitto, Otello, Semiramide und L’occasione fa il ladro (Naxos) sowie DVDs von Maria Stuarda und Lucia di Lammermoor. Bei Naxos erscheinen demnächst unter anderem die Aufnahmen von Mercadantes I Briganti. Von Mercadante hat er auch Don Chisciotte ersteingespielt.


Anlässlich seines Jubiläums führte ROSSINI IN WILDBAD ein kurzes Interview mit Antonino Fogliani: 


- Gab es eine musikalische Entwicklung in den letzten zehn Jahren?


Die wichtigste musikalische Entwicklung betrifft meine Person. In diesen 10 Jahren ist mein musikalischer Gedanke und meine Fähigkeit zur Interpertation als Dirigent gereift. Wenn Du als junger Dirigent das Vertrauen spürst, das dieses Festival in Dich legt, dann ist das ein Ansporn, Dich zu verbessern. Und damit verbesserst Du auch Deine Umgebung. Wildbad ist für mich wie ein Rossini Crescendo in menschlicher wie professioneller Hinsicht.



- Was verbindet Sie mit ROSSINI IN WILDBAD?



Das Festival ist für mich eine Familie. Ich arbeite hier seit 10 Jahren mit immer größerer Leidenschaft. Es ist ein fester Termin in meinem biologischen Jahresrhythmus. Dieses Festival mochte mich von Anfang an und ich wurde überwältigt von der Ernsthaftigkeit und Liebe, welche das Festival den Musikern gegenüber beweist.



- Welches besondere Ereignis oder Konzert blieb Ihnen in Erinnerung? 


 

​Viele! Die Semiramide 2012 mit einem Cast, der der Scala oder der MET würdig gewesen wäre. Die Uraufführung von Rihms Ödipus, der Erfolg von Cenerentola und I Briganti. Alles goße Emotionen!

- Welche Begegnung / Sänger beeindruckte Sie am meisten?



Da gibt es viele, aber vor allem Jochen Schönleber, Kopf und Herz des Festivals. Dann die menschlichen und künstlerischen Beziehungen zu Bruno Praticò oder Lorenzo Regazzo, die Wildbader Freunde. Es ist wie eine andere Familie, die mich jedes Jahr im Schwarzwald erwartet.


- Welche Vor- und Nachteile bietet das Belcanto Opera Festival im Schwarzwald?



Da gibt es keine Nachteile. Das ist ein wunderbarer Ort mit gastfreundlichen Menschen. Nur manchmal vermissen wir Künstler Wifi in den Häusern der Stadt. Seitdem ich vor 10 Jahren nach Bad Wildbad gekommen bin, hat sich die Situationen nicht verändert. Wir Künstler mögen gerne online sein. Vielleicht ist es aber besser so: Weniger Ablenkung.



- Welche Projekte / Oper würden Sie gern mit RiW verwirklichen?



Ich würde gerne Donna del lago und Ermione dirigieren und regelmäßig ein sinfonisches Programm im Festival verwirklichen. Alle bisherigen Versuche haben großen Erfolg gehabt!

Homepage Rossini in Wildbad
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Homepage Antonino Fogliani

Die von Naxos veröffentlichten Mitschnitte aus Bad Wildbad in der
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Eine ausführliche Biographie aus der Zeit vor Bad Wildbad, als er im
Alter von 25 Jahren zum Abschluss des Verdi-Jahrs 2001 das Silvesterkonzert 
im Teatro Giuseppe Verdi in Busseto dirigierte:




Rossini Opera Festival Pesaro 2001: 
(Zum Vergrößern ins Bild klicken)
 

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Nachtrag: 

Italiens Opernquerkopf (Die Weltwoche, Ausgabe 25/08)

4. August 2012

"Adina" - Entführung aus dem Serail à la Rossini beim Festival "Rossini in Wildbad" 2012




Adina ist wohl seit jeher Rossinis unbekannteste Oper, - nicht einmal Rossini selbst hat sie auf der Bühne erlebt, er kannte auch nicht die Sänger - insbesondere auch nicht die Sängerin der Titelpartie, für die er diese Oper komponierte. Die Umstände ihrer Entstehung sind mysteriös. Der Vertrag über dieses Auftragswerk wurde über mehrere Mittelsmänner geschlossen, der Auftraggeber ist bis heute anonym geblieben, ebenso wie die Sängerin - eine Sopranistin in Lissabon - , für die die Oper als Geschenk gedacht war. Unbekannt ist auch, ob die Oper möglicherweise nach ihrer im August 1818 erfolgten Übergabe in einer vom Auftraggeber veranstalteten Privatvorstellung aufgeführt worden ist. Die erste und zu Rossinis Lebzeiten einzige belegte Aufführung fand am 22. Juni 1826 am Teatro São Carlos in Lissabon statt, - dort hatte sie der Bass Cartagenova für sein Benefizkonzert ausgesucht (zusammen mit dem zweiten Akt von Semiramide), - da wäre es interessant zu erfahren, ob dieser Sänger die Oper kannte bzw. wo und wie er an die Noten gekommen war (das Autograph und die Publikationsrechte waren jedenfalls bei Rossini verblieben). Am 14. Februar 1828 soll die Oper dann noch unter dem Titel O Grão Duque de Granada am Teatro S. Pedron in Rio de Janeiro gespielt worden sein. Erst ab 1963 wurde das Werk wieder aufgeführt, 1999 und 2003 auch beim "Rossini Opera Festival" in Pesaro (2003 mit Joyce DiDonato in der Titelpartie) nach der von der Fondazione Rossini erarbeiteten Kritischen Ausgabe.


Foto: Patrick Pfeiffer / RiW
Zum Inhalt: Adina ist als Sklavin ins Serail des Kalifen von Bagdad gelangt. Dieser fühlt sich an seine einstige Geliebte Zora erinnert, die er heiraten wollte, aber nach den Kämpfen um Medina und zweimonatiger Gefangenschaft nicht wiederfinden konnte und fünfzehn Jahre lang vergeblich in ganz Asien gesucht hat, wie er seinem Vertrauten Alì berichtet, der sich über die Geduld des Kalifen gegenüber Adinas Widerspenstigkeit wundert. Auch Adina fühlt sich zum Kalifen hingezogen und willigt schließlich ein, ihn zu heiraten. Da erscheint Selimo, der Gefährte ihrer Kindheit und Jugend, Adina ist hin und her gerissen zwischen ihren Gefühlen, erklärt sich aber - wenn auch mit schlechtem Gewissen - zur Flucht mit Selimo bereit. Der Fluchtversuch scheitert, der Kalif befiehlt Selimos sofortige Hinrichtung, Adina bittet vergeblich um Gnade und fällt in Ohnmacht. Als sich der Kalif in wieder erwachter Fürsorge zu ihr beugt, entdeckt er an ihrem Hals ein Band mit seinem Porträt, das er einst Zora geschenkt hat und auf dessen Rückseite steht "Adinas Vater". Er kann die Hinrichtung Selimos gerade noch verhindern, und einem Happy End steht nichts mehr im Wege.

Adina ist - dem Wunsch des Auftraggebers entsprechend - eine einaktige Farsa semiseria mit Chor. Auffallend ist, dass es neben der Titelpartie keine weitere weibliche Partie gibt, - nicht einmal eine sonst übliche Dienerin. Adina ist von Männern umgeben - auch der Chor ist nur für Männerstimmen komponiert -, unter denen sie sich frei bewegen kann, - so wie es ihre Mutter offenbar auch konnte, allerdings mit dem Ergebnis einer unehelichen Schwangerschaft... Meiner Meinung nach ein doch irgendwie seltsames Bild vom mohammedanischen Orient, den uns da das Libretto vermitteln möchte. Dann noch der Kalif, der offenbar keinerlei Interesse an dem bisherigen Leben der Frau hat, die in ihm nach fünfzehn langen Jahren wieder Liebe erweckt, auf deren Erwiderung er geduldig wartet. Hätte er sie gefragt, hätte sie ihm bestimmt von ihrer Mutter erzählt und das Porträt gezeigt, - aber dann gäbe es auch nicht diese liebenswerte Oper mit den wunderbar in Musik umgesetzten Seelenqualen Adinas...und auch wenn man bei der Oper bekanntlich nicht auf Logik bestehen soll: die Geschichte wäre sicherlich glaubhafter, wenn erst Selimo das bewusste Porträt, das ihm nach dem Raub Adinas ja die sterbende Zora gegeben haben könnte, mitgebracht hätte.

Inszenierung und Bühnenbild von Antonio Petris bebilderten die Handlung stimmungsvoll mit orientalischen Anklängen.

Foto: Patrick Pfeiffer / RiW

Auch wenn nicht alle Nummern neue Kompositionen Rossinis sind - neben mehreren Selbstanleihen aus Sigismondo sind auch Nummern ganz oder teilweise von fremder, bis heute unbekannter Hand -, so ist Adina dennoch eine lohnende Wiederentdeckung. Insbesondere die für die Titelpartie geschriebene Musik bringt eindrucksvoll die wechselnden Seelenzustände Adinas - ihre Ängste, ihre Liebe im Wettstreit mit ihren Gewissensbissen, ihre überraschte Freude über die glückliche Wendung - zum Ausdruck, ebenso wie das Schwanken des Kalifen zwischen liebevollem Verständnis und enttäuschter Wut.

Die durchweg jungen Sänger konnten dies gekonnt und schönstimmig vermitteln: Rosa Fiocco war eine reizende Adina, Raffaele Facciolà ein überzeugender Kalif. Auch die beiden Tenöre - Vassilis Kavayas als Selimo und Christopher Kaplan als Alì - gefielen mit ihren schön timbrierten Stimmen. Der in Bad Wildbad sehr beliebte Bruno Praticò hatte - neben seiner Hauptpartie in I briganti - in Adina die kleine Rolle des Mustafà, Gärtner des Serails, übernommen, die aufgewertet wurde, indem nach einem kleinen "Disput" mit dem Dirigenten (und somit für das Publikum erkennbar) die Arie des Batone aus L'inganno felice "Una voce m'ha colpito" geschickt eingefügt wurde. Hervorzuheben sind die Leistungen des Camerata Bach Chor Posen und der Virtuosi Brunenses unter der animierenden Leitung von Antonino Fogliani.

Und da es beim Festival in Bad Wildbad liebenswert familiär zugeht, durfte der gerade der Kinderkarre entwachsene Sohn des Dirigenten - beide sind im obigen Video zu sehen - an der Hand von Bruno Practicò mit auf die Bühne und das Orchester zum Aufstehen zur Entgegennahme des Applauses mit der beim Papa abgeschauten Handbewegung auffordern.


Besuchte Vorstellung: 20. Juli 2012

31. Juli 2012

"Rossini in Wildbad" 2012: "Semiramide" ungekürzt und mit erstklassigen Solisten

Rossinis Semiramide ungekürzt - das bedeutet großes Durchhaltevermögen für alle Beteiligten. Der erste Akt dauert rekordverdächtige 2:15 Stunden, der zweite Akt dann noch einmal annähernd zwei Stunden, aber bei einer Aufführung "aus einem Guss", wie sie in Bad Wildbad zu erleben war, kann sogar bei einer derart langen konzertanten Aufführung die Zeit wie im Fluge vergehen. Um der Handlung folgen zu können, enthielten die zweisprachigen Übertexte auch die Szenenangaben zum jeweiligen Ort des Geschehens und zu den handelnden Personen.

Die am 3. Februar 1823 am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführte Semiramide ist Rossinis Abschied von der italienischen opera seria und zugleich deren Höhepunkt. Und es ist die einzige für Venedig geschriebene Oper Rossinis, die - entgegen der üblichen Regel - mit einer Tötung enden durfte. Nur wenige Wochen zuvor hatte Rossini noch seinen Maometto II für die Aufführung am Teatro La Fenice umschreiben und mit einem glücklichen Ende versehen müssen, sogar sein Otello hatte für Venedig ein Happy End erhalten müssen...

Die Oper besteht aus nur dreizehn Nummern von teils beträchtlicher Länge. Durch die opulent instrumentierten Rezitative und die zahlreichen Einwürfe des Chores bei Arien und Duetten entsteht sogar der Eindruck einer weitgehend durchkomponierten Oper. Abgesehen von zwei kleineren Passagen hat Rossini keine Selbstanleihen aus anderen Werken vorgenommen, sondern für Semiramide neue originale Musik geschaffen. Und wenn man in der Ouvertüre die Melodie von "Freut euch des Lebens" zu erkennen meint, so ist das keineswegs abwegig; denn Rossini soll einer Anekdote zufolge Metternich zuliebe dessen Lieblingsvolkslied eingearbeitet haben...

Ich hatte das Glück, Semiramide bereits zuvor mehrmals in teils exquisiten Besetzungen zu hören:
1983 und 1985 in Hamburg konzertant mit Montserrat Caballé, Marilyn Horne, Francisco Araiza bzw. Chris Merritt und Samuel Ramey unter Michel Plasson bzw. Henry Lewis (gekürzte Fassung); 2001 in Lüttich konzertant - unter Alberto Zedda natürlich ohne Striche - mit Darina Takova, Ewa Podles, Rockwell Blake und Boris Martinovich; 2003 - wieder unter Zedda - in Berlin mit Darina Takova, Jennifer Larmore, Gregory Kunde und Simone Alaimo; ebenfalls 2003 in Pesaro unter Carlo Rizzi mit Darina Takova, Daniela Barcellona, Gregory Kunde und Ildar Abdrazakov und dann nochmals 2004 in Berlin unter Patrick Fournillier mit Denia Mazzola, Hadar Halévy, Kenneth Tarver und Michele Pertusi, - diesmal um lächerliche ca. 20 Minuten gekürzt, indem die Wiederholungen der Cabaletten gestrichen wurden, bei denen die Sänger doch gerade ihre Kunstfertigkeit durch Verzierungsvarianten sollen zeigen können...
Foto: Patrick Pfeiffer / RiW
v.l.n.r.:Raffaele Facciolà - Marija Jokovic - Lorenzo Regazzo - Alex Penda .- Marianna Pizzolato - Andrea Mastroni - John Osborn
In Bad Wildbad war nun für zwei konzertante Aufführungen von Semiramide, deren Mitschnitt bei Naxos auf CD erscheinen soll, eine neue Sängergeneration angetreten, - in den Hauptpartien Namen, die bereits für sich sprechen, aber hier durchweg - mit Ausnahme der Sängerin der Titelpartie  - mit Rollendebüts. Die ersten gesungenen Phrasen gehören allerdings dem Hohepriester Oroe, und bereits da horchte man auf: Was für eine Stimme, rund und dunkel und ebenmäßig fließend, auch in den Ensembles voll präsent!  Auch wenn es nur eine Nebenrolle ohne eigene Arie war: Dieser junge Bass Andrea Mastroni, der 2005 als Sparafucile debütiert hat, könnte bald in größeren Rollen Aufsehen erregen, vielleicht eines Tages auch als Assur. Den sang dieses Mal Lorenzo Regazzo, faszinierend in Stimme und Mimik, mit bruchlos gleichmäßiger Stimmgebung und klarer Diktion auch bei den sauber gesetzten Koloraturen und bis in die Tiefen hinab, hörbar an Samuel Ramey als großem Vorbild orientiert. Seine große Wahnsinnsszene war einer der Höhepunkte der Aufführung.

Marianna Pizzolato verfügt zwar nicht über die satte Tiefe eines Contraltos, wie man sie bei Marilyn Horne und Ewa Podles hören konnte, in puncto Legatokultur, Koloraturgeläufigkeit und textlicher Gestaltung bot aber auch sie eine exzellente Darbietung in der Rolle des Arsace. Ich erinnere mich immer wieder gerne an Il viaggio a Reims 2003 in Pesaro, wo ich Marianna Pizzolato in der Produktion der Accademia Rossiniana zum ersten Mal hörte, - eine hinreißende Melibea; im Folgejahr sprang sie, die eigentlich nur die Isaura singen sollte, in Pesaro dann kurzfristig in der Titelpartie von Tancredi ein, und damit begann ihre internationale Karriere. Übrigens haben auch weitere diesjährige Solisten von "Rossini in Wildbad" als Teilnehmer der Accademia Rossiniana  in Il viaggio a Reims in Pesaro gesungen: der eingangs erwähnte Andrea Mastroni (Trombonok 2007) sowie die beiden Protagonisten von I briganti: Vittorio Prato (Don Alvaro 2004) und Maxim Mironov (Libenskof 2005). Und der ganz junge Antonino Fogliani hat sich dort 2001 bei Il viaggio a Reims als Nachwuchsdirigent erfolgreich präsentieren können..

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat
Marianna Pizzolato
Hatte man Lorenzo Regazzo und Marianna Pizzolato bereits in den Vorjahren des Öfteren in Bad Wildbad erleben dürfen und zu Publikumslieblingen gekürt, waren die Sängerin der Titelpartie und der Tenor für den Idreno - beide international bekannt und gefragt - erstmalig bei "Rossini in Wildbad".

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat
Alex Penda

Als Semiramis ersang sich Alex Penda mit viel persönlichem Einsatz einen großen Erfolg beim Publikum. Im Gegensatz zur völlig ebenmäßigen belkantesken Stimmführung von Marianna Pizzolato bot sie allerdings eine eher expressive Gesangslinie, was in den beiden Duetten von Semiramide und Arsace besonders deutlich wurde. Aber wer ist Alex Penda? Als ich den Namen im Programmheft las, dachte ich zunächst, dass eine interne Abkürzung versehentlich übernommen worden war, aber die Nachfrage ergab: Es sei der Wunsch von Alexandrina Pendatchanska, jetzt Alex Penda zu heißen, da ihr Name schwer zu behalten sei bzw. falsch ausgesprochen werde. Die Überprüfung im Internet bestätigt die Namensänderung (s. Homepage); auch auf der Internetseite der Hamburgischen Staatsoper, an der sie im März im Don Giovanni singen soll, steht jetzt - anders als noch in der gedruckten Saisonvorschau - der Name Alex Penda. Bei Operabase allerdings findet man den neuen Namen für die Spielzeit 2012/13 nicht. Ob der Name wirklich eingängiger ist? In einer Rezension wurde daraus jedenfalls bereits Panda (s. Presseschau).  Es mag ja sicherlich in dem einen oder anderen Fall sogar geboten sein, einen eher karrierehemmenden Namen zu vereinfachen, so wie Pavol Breslik, der bei "Rossini in Wildbad" 2001 noch Bršlik bzw. auf seinen ersten CDs Brslik hieß (s. hier). Aber wie sinnvoll ist eine Namensänderung mitten in einer internationalen Karriere?

Den Idreno sang John Osborn, weltweit gefragt u. a. als Arnold (Guillaume Tell), Rossinis Otello und Rodrigo (La donna del lago), mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, höhensicher, aber auch dynamisch differenziert und mit feinen Schattierungen.

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat
Marianna Pizzolato und John Osborn
Die drei Herren Arsace, Assur und Idreno wetteifern alle um die Gunst von Azema (Marija Jokovic), - und die wurde von Rossini nicht einmal mit einer kleinen Sorbettoarie bedacht, sondern hat nur ein paar Rezitativ-Sätze zu singen. Was aus ihr und insbesondere auch aus Idreno wird, ist dem Libretto nicht zu entnehmen, beide Partien verlieren sich irgendwie ins Nichts, und es bleibt der Regie überlassen, ob beide (oder zumindest Azema) am Ende überhaupt noch auf der Bühne sind; in der Pariser Fassung von 1825 vereint immerhin die sterbende Semiramide Arsace mit Azema. In weiteren Nebenrollen gefielen der Tenor Vassilis Kavayas als Mitrane und der Bass Raffaele Facciolà als Geist des Königs Ninos.

Foto (Vorstellung vom 19. Juli 2012): privat

Besonders hervorzuheben ist das Dirigat von Antonino Fogliani - seit 2004 Jahr für Jahr bei "Rossini in Wildbad" und seit 2011 musikalischer Leiter des Festivals - , der offenbar den Siebten Sinn für Rossini und die richtigen Tempi hat und zugleich den Sängern ein rücksichtsvoller Begleiter ist. Zu bewundern ist auch sein Durchhaltevermögen - hat er doch dieses Jahr alle drei Opernproduktionen geleitet, - und das gilt natürlich auch für den Camerata Bach Chor Posen und die Virtuosi Brunensis, die mit den drei Opern und den erforderlichen Proben ein Riesenprogramm zu bewältigen hatten; für das Orchester kam noch ein Sinfoniekonzert hinzu.

Ein krönender Abschluss eines in jeder Hinsicht gelungenen Festivals! Nach rund 4 1/2 Stunden verließ man etwas erschöpft, aber beglückt die Trinkhalle, in der dieses Jahr alle Opern aufgeführt wurden, da im Kurtheater wegen Bauarbeiten nicht gespielt werden konnte. Auch nächstes Jahr wird das Kurtheater leider noch geschlossen sein. Für das dann zu begehende 25-jährige Jubiläum des Festivals ist Großes geplant: Rossinis Guillaume Tell! Natürlich - wie ebenfalls nächstes Jahr in Pesaro - die ungekürzte Fassung! In Pesaro soll Juan Diego Flórez den Arnold singen, in Bad Wildbad werden wir uns auf Michael Spyres freuen dürfen (s. hier), in dessen Anfangsjahren der Otello bei "Rossini in Wildbad" ein wichtiger Höhepunkt war und der dieses Jahr als Baldassare in Ciro in Babilonia in Pesaro debütieren wird.

(Besuchte Vorstellung: 22. Juli 2012)

Mitschnitte aus Bad Wildbad auf CD / DVD:
"Rossini in Wildbad" - Diskografie



27. Juli 2012

"I briganti" von Mercadante - Die Wiederentdeckung einer großartigen Belcanto-Oper bei "Rossini in Wildbad" 2012

Abb.: Wikimedia Commons
Saverio Mercadante (1795 - 1870) war zu seiner Zeit neben Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi ein anerkannter Komponist. Zwischen 1819 und 1856 komponierte er 57 Opern - geschaffen für die großen Opernhäuser und die besten Sänger seiner Zeit. In den letzten Jahrzehnten sind einige seiner Opern bei Festivals zur - meist konzertanten - Wiederaufführung gelangt, einiges ist auch auf LP bzw. CD aufgenommen: Il bravo, Il giuramento, La vestale, Virginia, zuletzt I due Figaro (bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2011 und anschließend u. a. auch in Madrid). Das Libretto zu I due Figaro war bereits zuvor von Michele Carafa vertont worden; diese Oper von Carafa kam 2006 bei "Rossini in Wildbad" zur szenischen Aufführung (auf DVD veröffentlicht). 2007 brachte "Rossini in Wildbad" in einer konzertanten Aufführung Mercadantes einzige Farsa Don Chisciotte alle nozze di Gamaccio (auf CD erschienen). Die diesjährige moderne Erstaufführung von I briganti dürfte ein Meilenstein auf dem langen Weg der Wiederentdeckung eines zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponisten sein.


Ein kurzer Blick auf die Pariser Opernlandschaft der 1830er Jahre: Rossinis letzte Oper Guillaume Tell - eine französische Grand opéra - war 1829 uraufgeführt worden. Als Direktor des Théâtre Italien erteilte Rossini Kompositionsaufträge für neue italienische Opern: u. a. I puritani von Bellini (Uraufführung am 24. Januar 1835) und Marin Faliero von Donizetti (12. März 1835). I briganti (nach Die Räuber von Schiller) von Mercadante wurde am 22. März 1836 am Théâtre Italien erfolgreich uraufgeführt, - allerdings zu einem ungünstigen Zeitpunkt, ging Mercadantes Oper doch in den Wogen der Begeisterung unter, die um die am 29. Februar 1836, also nur drei Wochen zuvor, uraufgeführte Oper Les Huguenots von Meyerbeer entstanden war. In den Jahren bis 1847 stand die Pariser Fassung von I briganti an diversen Opernhäusern in und außerhalb von Italien auf dem Spielplan - das Programmheft führt 12 Produktionen auf -, für die Mailänder Scala überarbeitete Mercadante 1837 das Werk.

Foto: Patrick Pfeiffer / RiW
Die Pariser Fassung von I briganti ist ein Werk des Übergangs, der mit dem Schlagwort "Vom canto fiorito zum canto dramatico" bezeichnet wird. Wie Dr. Michael Wittmann, dessen Forschungen Grundlage der für "Rossini in Wildbad" von Florian Bauer erstellten Neuedition sind, im Programmheft darlegt, hat Mercadante prototypisch vieles vorweggenommen, was man in Unkenntnis seiner Werke heutzutage eher Verdi zuzuschreiben gewohnt ist:
"Zusammengefasst lässt sich sagen, dass der Parisaufenthalt 1835/36 einen Wendepunkt in Mercadantes Karriere markierte, insofern er sich fortan auf den italienischen Markt konzentrierte. Seine 1837 in Mailand uraufgeführte Oper Il giuramento verarbeitet und radikalisiert dabei die Pariser Erfahrungen. Dies betrifft zum einen die Formensprache, insofern er im Giuramento erst­mals auf Cabaletten verzichtet, die per se ein Hindernis für die dramatische Entwicklung einer Handlung darstellen; zum anderen propagiert er nunmehr den canto dramatico als Gegensatz zum canto fiorito. Das ist allerdings nicht als totale Absage an den Belcanto zu verstehen. Seine 1861 publizierte Gesangsschule zeigt vielmehr, dass er unter canto dramatico eher eine Art von charakteristischem Gesang versteht, also eine Unterordnung auch des Ge­sanges unter die Dramaturgie der Handlung. Damit hat er vorweggenommen, was etwa Verdi propagierte, als er forderte, die Lady Macbeth solle in ihrer Rolle stimmlich nicht brillieren, sondern einen eher fahlen (fahl jetzt als positiv gemeinten Ausdruckscharakter) Eindruck hinterlassen.
In diesem Sinne ist Mercadante auch selbst vorgegangen, als er nach der Premiere des Giuramento 1837/38 auch die Briganti überarbeitete. Anlass da­für war die Premiere an der Mailänder Scala. Da diese wesentlich größer war als das Pariser Theater, war ohnehin eine Verstärkung der Instrumentation gebo­ten. Mercadante nutzte den Anlass jedoch, das Werk quasi Takt für Takt zu revi­dieren und dabei vor allem in den Chören und den Gesangslinien zu schärfen und im Sinne des canto dramatico zu akzentuieren. In dieser Fassung ist sie eindeutig als .'Reformoper' zu klassifizieren, die für heutige Ohren eindeutig 'präverdianisch' klingt. Das gilt übrigens auch für die Umgestaltung des Schlusses: Indem Ermano Amelia und dann sich selbst ersticht, entschärft er (Zensur?) Schillers politisches Stück zum Schauer-Drama. Eine Wiederauffüh­rung der Mailänder Fassung würde uns eine weitere 'Reformoper' Mercadantes präsentieren; die Pariser Fassung dagegen zeigt musikalisch ein (heutzutage bemerkenswertes) Werk des Überganges, das zudem näher am Schillerschen Original verbleibt. Das haben übrigens auch schon Mercadantes Zeitgenossen so gesehen: nicht die Mailänder Bearbeitung sondern die Pariser Originalfas­sung hat sich auf den Bühnen durchgesetzt."

Klavierauszug (bitte anklicken):
Arie der Amalia "Quando guerrier mio splendido"
Was die musikalische Struktur anbelangt, so fällt auf, dass zwar das Schema von Szene - Arie - Cabaletta grundsätzlich beibehalten wird (wie es übrigens auch noch später bei Verdi zu finden ist, z. B. der Herzog im Rigoletto von 1851: Ella mi fu rapita - Parmi veder le lagrime - Choreinschub -  Possente amor mi chiama), dass Mercadante aber die Einzelnummern durch Überleitungen zu größeren Komplexen zusammengefasst hat. Der zweite Akt ist praktisch durchkomponiert. Die Aufspaltung der ursprünglich insgesamt nur sieben musikalischen Nummern in zahlreiche Einzelnummern wurde - so Dr. Wittmann in seinem Beitrag im Programmheft - nachträglich für den Klavierauszug vorgenommen.
Und so schreibt der Rezensent des Online Musik Magazin (omm) (s. Presseschau) bedauernd: "Dabei ist es schon beinahe eine Schande, dass Mercadante Ermanos großes Trinklied 'Trova ovunque e patria e tetto', das Ermano im Räuberlager anstimmt, und sein Gebet 'Fra nembi crudeli', in dem er kurz vor dem Treffen mit dem Vater Vergebung von diesem erhofft, so komponiert hat, dass dem Publikum - und dem Sänger - keine Möglichkeit zum Szenenapplaus gewährt wird."


Diese Pariser Originalfassung ist eine veritable Belcanto-Oper, Mercadante schrieb sie für ein Quartett überragender Sänger, nämlich für die gleiche Besetzung wie bei der Uraufführung von Bellinis I puritani: Giuditta Grisi, Giovanni Rubini, Luigi Lablache und Antonio Tamburini. Entsprechend anspruchsvoll sind die Partien, insbesondere der Tenorpart. Und es erscheint wie ein Wunder, dass für "Rossini in Wildbad" die richtigen Sänger für dieses abenteuerlich anmutende Wagnis gefunden werden konnten.

Foto: Patrick Pfeiffer / RiW
An erster Stelle ist Maxim Mironov zu nennen, der die hohe Tessitura des Tenorparts mit erstaunlicher Leichtigkeit bewältigte, höhensicher, aber auch ein Meister der leisen Töne. So wurde die Szene, in der Ermano seinen totgeglaubten Vater wieder findet, anrührendes Musiktheater; denn auch Bruno Praticò erwies sich als sensibel gestaltender Sängerdarsteller. Petya Ivanova glänzte als Amelia mit einem Koloraturfeuerwerk und berührte in innig gestalteten Passagen. Vittorio Prato als Corrado bestach durch die Klangschönheit seines - auch koloratursicheren - basso cantante. Auffallend klangschön auch der Bass Atanas Mladenov als Eremit Bertrando, ein junger Sänger, in dessen weitere Entwicklung man große Hoffnungen setzen kann. Auch Rosa Fiocco als Teresa und Jesús Ayllón als Räuber Rollero hatten trotz ihrer kleinen Partien ihren Anteil am großen Erfolg der Aufführung, ebenso der stark geforderte und gut einstudierte Camerata Bach Chor Posen. Die Virtuosi Brunenses konnten unter der engagierten Leitung von Antonino Fogliani die vielen Schönheiten des Orchesterparts zum Klingen bringen, der sich nicht auf die Begleitung der Sänger beschränkt, sondern auch einige interessant instrumentierte, klangmalerische Passagen enthält.


Foto: Patrick Pfeiffer / RiW
Die Inszenierung von Jochen Schönleber zeigt das zeitlose Thema eines seiner gutsituierten Familie entfremdeten Außenseiters, der die Seite gewechselt hat, des Aussteigers, für den es keinen Weg zurück aus der Gesetzlosigkeit gibt. Ermano - anfangs in Albträumen auf einer Pritsche liegend - sieht sein Leben in der Rückschau; Bildprojektionen zeigen Bilder aus der noch heilen Welt seiner Kindheit und Jugend, den dominanten Vater, den Bruder (als Tennispartner), Amelia, ihn selbst als Räuber/Revoluzzer, dazwischen ein Bild von Che Guevara. Assoziationen an soziale und politische Konflikte in Lateinamerika werden auch geweckt, wenn sein Vater nach seiner Rettung und Rückkehr ins Schloss der Familie wieder die weiße Uniform als Symbol der Macht der herrschenden Klasse trägt. Die Ausstattung der Bühne ist schlicht und sachdienlich, aufgesetzte Aktionen, die die Konzentration auf die Musik als Hauptsache stören könnten, gibt es nicht, abgesehen vielleicht von dem teils unverständlichen Gebaren der Teresa, das nicht zu einer Freundin, sondern eher zu einer Feindin / Konkurrentin passt. Die passenden Kostüme sind von Claudia Möbius.

Dank an "Rossini in Wildbad" für diese großartige Wiederentdeckung einer zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Oper!

Besuchte Vorstellung: 21. Juli 2012

Hinweis: Das von "Rossini in Wildbad" herausgegebene Libretto (Italienisch mit deutscher Übersetzung) ist jetzt hier erhältlich.

Foto (Vorstellung vom 18. Juli 2012): privat
v.l.n.r.: Vittorio Prato - Maxim Mironov - Antonino Fogliani

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